„Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt“ – Hannah-Arendt-Abend am 10. Oktober 2026 im Schauspielhaus/STUTTGART
Eine seltsame Liebe im Schwarzwald

Der Briefwechsel. Sylvana Krappatsch, Matthias Leja. Foto: Toni Suter
1924 begann Hannah Arendt bei Martin Heidegger Philosophie zu studieren, daneben auch Theologie und Griechisch. Ein geheimes Liebesverhältnis folgte. Und trotz Heideggers Engagement im Nationalsozialismus blieb eine lebenslange, intellektuelle und persönliche Verbundenheit mit Hannah Arendt bestehen. Vor allem der Briefwechsel zwischen ihr und Martin Heidegger beleuchtet die persönlichen Aspekte dieser ungewöhnlichen Beziehung. Der Interview-Teil mit Peter Gaus ermöglicht dagegen eine Annäherung an Hannah Arendt zu einer der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Ein zentraler Höhepunkt dieser Inszenierung von Burkhard C. Kosminski ist jedoch das Erlebnis Hannah Arendts als Reporterin des Adolf-Eichmann-Prozesses in Israel. Das Erschreckende war dabei seine Normalität. Arendt sagt selbst: „Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind.“ Rainer Galke bot hier eine bewegend-präzise Darstellung Adolf Eichmanns, der sich in seinem Glaskäfig gegen die Angriffe teilweise heftig zur Wehr setzte und immer wieder auf höhere Stellen verwies. Hannah Arendt wurde dabei abwechselnd auch von Katharina Hauter und Sylvana Krappatsch facettenreich dargestellt. So wechselte sie immer wieder ihre Gesichter. Das Fernseh-Interview wurde dann von Katharina Hauter als Arendt und Felix Strobel als Reporter geführt.

Der Eichmann-Prozess. Rainer Galke, Katharina Hauter. Foto: Toni Suter
Dabei beleuchtete diese Aufführung auch die dunkle Rolle, die Konrad Adenauers Staatssekretär Dr. Hans Globke im Dritten Reich spielte. Globke wurde aber aus politischen Gründen immer wieder geschützt – sogar von israelischer Seite. Aus dem Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger lasen Sylvana Krappatsch und Matthias Leja interessante und aufschlussreiche Passagen. Denken und Schreiben waren sowohl für Hannah Arendt als auch für Martin Heidegger gleichermaßen wichtig. Dazu gehörte auch der fortlaufende Dialog mit anderen Menschen. 1925 setzte Hannah Arendt dann ihr Studium bei Karl Jaspers in Heidelberg fort, der ein wichtiger Mentor werden sollte. Unter dem Motto „Hannah Arendt heute“ traten Therese Dörr sowie der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit auf, der Hannah Arendt persönlich gekannt hat und aus diesen Erlebnissen berichtete. Dabei beleuchtete er auch ihr schwieriges Verhältnis zu den Kommunisten, von denen sie sich aufgrund des stalinistischen Terrors abgewandt hatte. Cohn-Bendits Gedanken zum Judentum hinterließen an diesem Abend einen berührenden Eindruck. Die Inszenierung von Burkhard C. Kosminski karikiert oftmals die entwaffnend-rustikale Art Heideggers, der in Meßkirch geboren wurde und seinen Wohnort im Schwarzwald kaum verließ. So hörte man in der Pause folkloristische Blechblasmusik und sogar den Bayerischen Defiliermarsch. Das Normale und Unheimliche standen immer wieder dicht beieinander – ganz so wie es im Schwarzwald ist. Einen breiten Raum nahm auch der Besuch Hannah Arendts bei ihrer Famile in Königsberg ein. Der dort entstandene Text „Schatten“ offenbarte die Kompliziertheit ihrer Situation. So spricht sie über eine „verwunschene Verbanntheit“ und über das Verlassenheitsgefühl. Therese Dörr las dann im Foyer den „Brief zum 80. Geburtstag von Martin Heidegger“. Dabei wurde der immense Einfluss deutlich, den Heidegger auf die geistige Welt hatte. Zuletzt folgte „Totenauberg“ von Elfriede Jelinek, wo das komplizierte Verhältnis Hannah Arendts zu Martin Heidegger aus idyllischer Schwarzwälder Perspektive beleuchtet wird. Manchmal dachte man spgar an Wilhelm Hauffs „Kaltes Herz“. Da erschienen in einer Naturlandschaft Holzfäller zwischen Spielzeugeisenbahnen und Trachtenanzügen. Riesige Bäume schienen vom Himmel herabzukommen, dann sah man plötzlich die Gesichter von Putin, Trump und Weidel. Die knallharte Realität prallte aufeinander. Rainer Galke als Gamsbärtler und Bauer, Katharina Hauter als elegante junge Frau und ländliche junge Kellnerin, Felix Strobel als Gamsbärtler und Leistungssportler, Sylvana Krappatsch als Frau in mittleren Jahren, Matthias Leja als alter Mann und Therese Dörr als Flüchtling zeigten faszinierende Charakterporträts. Die Bühne von Florian Etti und die Kostüme von Ute Lindenberg sowie die suggestive Musik von Hans Platzgumer ergänzten sich gegenseitig. Das wirkte zuweilen wie eine altmodische Nestroy-Inszenierung. Und im Wald sah man plötzlich Zombies. Der Berg verdunkelte sich langsam, die Judenvernichtung in den Gaskammern wurde thematisiert. Elfriede Jelineks kompromissloser Text verfehlte seine Wirkung nicht. Die Protagonisten schlugen mit der Axt um sich, man zelebrierte Leichenteile auf dem Tablett. Ein grausamer Totentanz folgte: „Erst dann werden auch wir niemals dagewesen sein“.
Viele „Bravo“-Rufe, lang anhaltender Schlussapplaus.
Alexander Walther

