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STUTTGART/ Schauspielhaus: „SEULS“ von Wajdi Mouawad als Produktion des Theatre national de la Colline

10.10.2021 | Theater

STUTTGART: „SEULS“ von Wajdi Mouawad als Produktion des Theatre national de la Colline am 10.10. 2021 im Schauspielhaus

Momente des Unbewussten

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Wajdi Mouawad. Foto: Thibaut Baron

Diese Produktion des Theatre national de la Colline lebt ganz vom Monolog von Wajdi Mouawad, der in der subtilen Rolle von Hawan eine Reise in sein Unterbewusstsein unternimmt. Wajdi Mouawad wurde 1968 im Libanon geboren, ist in Frankreich aufgewachsen und mit acht Jahren nach Kanada emigriert. In Stuttgart hat er jetzt den mit 75000 Euro dotierten Europäischen Dramatiker- und Dramatikerinnenpreis erhalten. Er bekam zudem zahlreiche Auszeichnungen, seine Stücke und Romane wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Und in „Seuls“ stellt er sich selbst dar. Als 30jähriger Student aus Montreal fühlt er sich eingesperrt in einem der Räume der Eremitage in St. Petersburg. Dieses Eingesperrtsein wird offensichtlich unendlich lange dauern. Dabei spürt er seinen Wünschen nach und forscht auch nach dem Kind, das er einmal war. Die Inszenierung schildert in vielen Facetten seelische Vorgänge. Die längst vergangene Muttersprache spielt dabei eine große Rolle. „Seuls“ ist dabei eigentlich nur der Titel eines ungewöhnlichen Theaterabends. Dieses Stück besteht nicht nur aus geschriebenen Worten, sondern auch aus Videos und Tonaufnahmen. Man erkennt das Riesenrad am Schlossplatz, diverse Spaziergänge. Der Titelheld beschreibt den Konflikt mit seinem Vater wegen seiner Doktorarbeit, mit der er nicht zurande kommt. Dabei stellt sich auch als zentrale Frage das Zusammenleben überhaupt. Wajdi Mouawad mimt diesen Studenten mit schonungsloser Offenheit, der begreift, dass „von da ab alles für den Arsch“ gewesen ist. „Ich sitze in der Scheiße“, stellt er lakonisch fest.

Als Libanese beschäftigt er sich wissenschaftlich mit der „Soziologie des Imaginären“. Dieses Motto kann er nur schwer für sein Leben nutzen. Zwischendurch sieht man Schneestürme, die über die Bühne fegen und etwas über das psychische Innenleben dieses Mannes verraten. Er wird jetzt auch gnadenlos von den Alpträumen seiner Vergangenheit heimgesucht. So sieht man schattenhafte Silhouetten, die ihn mit dem Messer bedrohen. Außerdem erkennt man Bilder von seiner Frau Layla (nuancenreich dargestellt von Nayla Mouawad), mit der er zuweilen hektisch telefoniert. Dann erfährt man, dass sein Vater im Fotostudio einen Schlaganfall erlitten hat und nun im Koma liegt. Es kommt zu einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Vater: „Nur könnte mein Arabisch dein Koma weiter verschlimmern…“ Erinnerungen gewinnen bei Wajdi Mouawad eine immer größere Intensität: „Dann kam der Krieg und wir mussten fliehen wegen der Kinder.“ Im Hintergrund hört man plötzlich Bombeneinschläge, die an den Schrecken im Libanon denken lassen. „Okay, ich vertiefe jetzt mit meinem Arabisch dein Koma“, sagt der Protagonist. Die Silhouetten im Hintergrund erscheinen wieder, das Haus wird geöffnet. Wajdi Mouawad verhüllt sich wie eine Mumie, malt sich pausenlos mit roter und blauer Farbe an, bildet sich mit der Farbe an den Wänden ab. Er verletzt sich selbst mit dem Messer, stößt Schreie aus. Diese Farb-Orgie gerät völlig außer Kontrolle. Zuletzt sieht man das im Stil Tizians erscheinende Renaissance-Gemälde eines Kardinals, das Wajdi Mouawad aufschlitzt. Schließlich steckt er selbst seinen Kopf in das aufgerissene Gemälde. So entsteht plötzlich eine Art glückliches Selbstbildnis. Die schlimmsten seelischen Kämpfe sind erfolgreich überstanden.

Schreiben und Polyphonie bilden bei diesem Stück eine merkwürdige Einheit. Schmerzhafte Erkenntnisse lösen sich hier aber auch immer wieder in befreiende Situationen auf. Triviale Ereignisse korrespondieren mit komplizierten Sachverhalten.  Neuartige Ereignisse werden dabei ganz bewusst in die Handlung aufgenommen, um dem Studenten einen wichtigen Befreiungsprozess zu garantieren. Passagen aus „Die Durstigen“ (mit einem raffinierten Audiowalk von Citizen.Kane.Kollektiv) erzählen außerdem von einer beklemmenden Situation, bei der Menschen einfach verschwinden.

Als Stimmen im schemenhaften Hintergrund vernimmt man zudem Michel Maurer als Professeur Rusenski, Isabelle Lariviere als La libraire, Robert Lepage als Robert Lepage, Abdo Mouawad als Le pere und Eric Champoux als Le Medecin. Die Musik zitiert Werke und Aufnahmen von Donizetti bis Caruso („Una furtiva lacrima“), aber auch traditionelle Folklore wie „Al Gondol“ und „Habaytak“.  Wajda Mouawad macht mit seinem ausdrucksvollen Solo einmal mehr deutlich, aus welcher Höhe ein Mensch herabstürzen kann, welche ungeheuren Abgründe sich dabei auftun – und wie man all diese Katastrophen mit einem Lächeln einfach überwindet. Dieser Schluss wirkt deshalb grandios, unmittelbar, unvergesslich. Da entsteht dann wirklich großes Theater, das den Zuschauer nicht mehr loslässt (Bühne: Emmanuel Clolus; Kostüme: Isabelle Lariviere).  Wajdi Mouawad wurde am Schluss vom Publikum gefeiert.

Alexander Walther

 

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