Stuttgarter Ballett: „NOVERRE: JUNGE CHOREOGRAPHEN“ 13.6. (Schauspielhaus) – von purer Lebensfreude bis Tiefenpsychologie

Pure Lebens- und Ballettfreude: das Ensemble in „Danzón“. Foto Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Mit einem Paukenschlag begann die diesjährige Traditionsveranstaltung der nunmehr seit 1961 bestehenden, aus der Noverre-Gesellschaft hervor gegangenen Abende für nachwachsende Tanzschöpfer. Der fehlende Erfolgsdruck ermöglicht dem Nachwuchs sich frei und ohne Zwang auszuprobieren. Sonia Santiago, seit einigen Jahren Projektleiterin, hatte auch diesmal wieder eine Auswahl getroffen, die vom klassischen Zuschnitt bis zum Tanztheater, von musikalischer Inspiration bis zum tiefenpsychologischen Ansatz eine große Bandbreite bediente.
Bei dem eingangs erwähnten Paukenschlag handelt es sich um „DANZÓN“, betitelt nach dem gleichnamigen Musikwerk von Arturo Marquez. Der erst letzten Herbst von der Royal Ballet School als Eleve zum Stuttgarter Ballett gekommene Edoardo Maria Russo übersetzte die von rhythmischer Eindringlichkeit und farbenreicher Instrumentierung geprägte Komposition mit viel Gespür für eine strukturelle Linie in ein kleines Ballett-Juwel. In flüssig miteinander verbundenen Variationen und dezenten Abwandlungen klassischer Formen schuf er ein mitreißendes Kaleidoskop. Besonders die zwischendurch als Paare agierenden Anton Tcherny mit Irene Yang und Serhii Zharikov mit Nathalie Thornley-Hall, ergänzt von Lily Babbage, Katharina Buck, Elisabetta Fasoglio und Leon Metelsky zeigten in sprühender Laune, was sie so an Sprung- Dreh- und Hebetechnik nebst gewinnender Ausstrahlung zu bieten haben. Ein in unserer Problem beladenen Welt wichtiger Beitrag an harmonischem Miteinander, dessen mitreißender Sog unmittelbar ins Publikum überschwappte und die größten Ovationen des Programms auslöste.

Das Ensemble in „I’m gonna get me mine„. Foto Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Gefolgt vom Ende dieser Ausgabe, wo es wiederum die Musik ist, die die Choreographie entsprechend stimulierte. Hier war es die als Gast engagierte freischaffende Amerikanerin Savea Kagan, die in „I’M GONNA GET ME MINE“ sich selbst und die vier Compagnie-Tänzer Ava Arbuckle, Annalee Melton, Macéo Gérard und Carter Smalling in schwarzem Habitus mit roten Kniestrümpfen und maskenhaft leicht verfremdeten Gesichtern angefacht von Vittorio Montis rassigem „Csardas“ in einen Strudel aus flink miteinander verquickten Bewegungsmustern hinein riss – bis sich der Vorhang über ihren Köpfen senkte. Die Absicht, den Menschen als tanzenden Gegensatz zwischen Selbstbestimmtheit und Marionette begreifbar zu machen, geriet dabei zweitrangig.
Auf eine romantische und hinsichtlich ihrer Bekanntheit belastete musikalische Grundlage setzte die aus Lettland kommende Milana Komarova mit dem ersten Satz aus Rachmaninovs 2.Klavierkonzert c.moll op.18. Der oftmals große und breite Tonfluss unterbrochen von feinnervigeren Figuren paßte gut zu ihrem Stück „DEEPEST WATERS“, in dem sie den Ozean als Metapher menschlicher Existenz zwischen seichter Oberfläche und dunkel geheimnisvoller Tiefe ins Spiel bringt. Atmosphärisch kommt das zwischen auf- und niederfahrenden Scheinwerfern, Nebelschwaden und spiegelnden Lichteffekten als eine Art Unterwasser-Welt stimmig zum Tragen, der choreographische Mut, der musikalischen Pranke mit entsprechender Großzügigkeit zu begegnen, hielt sich allerdings in teilweise etwas zu dezenter Akzentuierung des klassischen Materials in Grenzen. Ava Arbuckle und Leon Metelsky gewinnen als Paar das hervorstechendste Profil, während die weiteren fünf TänzerInnen mehr im rein gefälligen Bereich bleiben.
Klassische Klänge (2 Sonaten von Domenico Scarlatti) bestimmen auch das Debut der Elevin Annabelle McCarthy und ihrem Pas de deux „FORGET TO REMEMBER“, der sich als Spurensuche unbewusster, vergessener Erinnerungen noch recht zaghaft durch körpersprachliche Möglichkeiten tastet und so auch die beiden Tänzer Annalee Melton und etwas stärker Jamie Constance in der Entfaltung ihrer Ausdruckskraft etwas vorsichtig wirken lässt.
Die freiberufliche Australierin Charlotte Fenn veranschaulicht in „IN TWO WEEKS FROM NOW“ die positive wie negative Prägung und Beeinflussung von Verhaltensweisen von Menschen durch ihr Umfeld und Vorbilder am Beispiel zweier Paare, einem reiferen (Priscylla Gallo und Satchel Tanner) und einem jüngeren (Sonja Bräunl und Emanuele Babici). In ihrem durch wenige Möbel rechts vorne und links hinten angedeuteten Zuhause werden ihre Befindlichkeiten in einer freien Tanzsprache heraus geleuchtet, wobei das junge Paar bewusst oder unbewusst Bewegungs-Elemente des älteren in Ansätzen aufgreift.

.Berührende Intensität: Carter Smalling und Irene Yang in „We’ll never walk alone“. Foto Copyright: Roman Novitzky / Stuttgarter Ballett
Eine problematische Beziehung zweier Seelenverwandter schildert der Eleve Carter Smalling in „WE’LL NEVER WALK ALONE“, Von verhaltenen Orgelklängen über eine Bach-Bearbeitung bis zu einem von Chopins vielfältig für Tanz funktionierenden Nocturne wird dieses Paar in farbloser Trainings-Kleidung dabei begleitet, durch Bewegungen einen Ausweg ihrer Situation zu finden. Berührende Mitteilsamkeit bekommt die Choreographie weniger durch ihre pure Ausprägung als durch die intensive Gestaltung von Smalling selbst und die tief blicken lassende Halbsolistin Irene Yang.
Der Amerikaner Peter Hull, nach seinem Abschluss 2025 in Monte Carlo direkt ins Stuttgarter Corps de ballet engagiert, machte seither mit Präsenz und darstellerischer Gabe in Leon/Lightfoots „Shut Eye“ auf Anhieb auf sich aufmerksam, braucht sich aber auch als Choreograph nicht zu verstecken. „HELP ME SEE“ schildert inspiriert von einer aus anfänglicher Streicher-Nervosität in beruhigte Fahrwasser gelangenden Musik von Francois Couturier die Versuche eines Mannes (Joaquin Gaubeca) sein gedankliches Chaos zu ordnen, und die inneren Stimmen in Gestalt von vermeintlich anderen Männern (Macéo Gérard, Mitchell Milhollin, Edoardo Sartori) seiner Freundin (Farrah Hirsch) zu verdrängen, die immer wieder zwischen diversen Möbelstücken auftauchen. Durchaus eine Arbeit mit Hintersinn und einer deutlich tänzerischen Struktur.
Bleibt noch das große Rätsel um „ATLAS“, in Szene gesetzt durch den ehemaligen Hamburg Ballett-Tänzer und dort auch choreographische Erfahrung gesammelt habenden Spanier Marc Jubete Bascompte. Mystisch angehaucht agiert ein in heller Commedia dell’arte-Gewandung steckendes, wie Marionetten wirkendes Paar (als mitgebrachte Gäste Yaiza Coll Suppert und Hélias Salvador Tur-Dorvault) in einem Steinkreis, der vom Choreographen selbst in Zeitlupe ein unendlich scheinendes starkes Seil um sich wickelnd umschritten wird. Geht es hier um vererbte Last und Schicksale, gegen die sich das Paar sträubt? Akustisch unterstützt von einer undefinierbaren instrumental-vokalen Quintett-Komposition hinterlässt das auch in seiner schritterfinderischen Dürftigkeit nur offene Fragen. Ob das auch der Sinn eines Kunstwerks ist? Aber wie schon gesagt: im Rahmen einer solchen Veranstaltung hat alles seine Berechtigung!
Udo Klebes

