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STUTTGART/ Schauspielhaus: JUNGE CHOREOGRAPHEN – Licht und Schatten

13.05.2016 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „JUNGE CHOREOGRAPHEN“ 11.5. 2016 (Schauspielhaus)  – Licht und Schatten gelungen umrahmt

Vor einem guten Jahr ist Fritz Höver, der Begründer der Noverre-Gesellschaft und Initiator sowie Ermöglicher der Veranstaltungsreihe Junger Choreographen im Alter von 95 Jahren gestorben. Längst hat diese Einrichtung eine Eigendynamik und weitreichende Bedeutung erlangt, so dass eine Fortführung ohne Zweifel gewährleistet ist. Über 100 Choreographen haben seit 1961 sage und schreibe ca. 400 Uraufführungen geschaffen, viele von ihnen damit ihr Debut als Schrittmacher gegeben. Jetzt war es wieder soweit – mit der Rekordzahl von 13 Stücken, darunter erfreulicherweise auch drei Frauen und einige erst seit dieser Spielzeit zum Stuttgarter Ballett gehörende Tänzer. Eine stilistisch bunte Mischung ist garantiert, wobei der Trend zur Zuhilfenahme gesprochener Texte zu Gunsten des Tanzes wieder abgenommen hat, der rein tänzerische Anteil aber dennoch sehr unterschiedlich gewichtet ist. Bruchstückhafte Strukturen scheinen zu unserer Zeit zu gehören, so dass ein geschlossen klassischer Beitrag wie Aurora de Moris „KLIMT’S PERSUASION“ nicht nur besonders auffällt, sondern auch das wohltuende Gefühl bereitet, sich an diesem Abend auch mal ganz in den Tanz hinein legen zu können und davon tragen zu lassen. Vor Klimts berühmtem Gemälde hat die blutjunge Italienerin zu Rachmaninovs „Romance“ einen Pas de deux mit fließend schönen Linien geschaffen, die in die finale Kusshaltung des Bildes münden. Jisoo Park und Adhonay Soares da Silva erfüllen ihn in cremefarbenen Trikots, die durch seitlich einfallendes Licht Glanz erhalten, mit jugendlicher Frische und dem Prickeln der ersten Liebe.

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Absence: Rocio Aleman und Louis Stiens. Copyright: Carlos Quezada

Solch eine Geschlossenheit erreichte nur noch „ABSENCE“, ein Beitrag des nach langer Zeit mal wieder choreographierenden Ballettmeisters Rolando D’Alesio. Zur Untergangsmusik der Titanic lässt er ein wie Mumien verhülltes, wie aus dem Meeresgrund auftauchendes Liebes-Paar zu passend fahler Beleuchtung in einer Art Totentanz in fast stürmischer Manier  wieder aufleben. Rocio Aleman und Louis Stiens verhelfen dieser spürbar von viel tänzerischem Wissen getragenen Schöpfung durch ihrerseits schon erfahrene Zündkraft zum größten Erfolg des Abends.

Bevor mit gelungenem Auftakt und Abschluss weitere Höhepunkte gewürdigt werden, gibt es einen Blick auf die anderen dazwischen liegenden Kreationen zu werfen. Im ersten Teil beweist vor allem Özkan Ayik  in „HANDS, BE STILL“ ein gewisses künstlerisches Format, indem er es schafft im Rahmen eines klassisch grundierten Pas de deux zu getragen düsterem Klanggewand bei teils konträr flottem choreographischem Tempo die Hände wie steif wirken zu lassen, obwohl gerade ohne sie eine Partnerschaft unmöglich erscheint. Jisoo Park und Fabio Adorisio durften für ihre sicher balancierte Präsentation in freien Oberkörpern ebenfalls viel Jubel einheimsen.

Auf Meditation statt Tanz setzt die neue Gruppentänzerin Sara Ezzell in „CUNT“, der Gegenüberstellung einer Mutter im schwarzen und einer sich nach Mutterschaft sehnenden Frau im roten Kleid. Ein Waschzuber und ein kleiner Frauentorso spielen dabei ebenso eine Rolle wie indisch inspirierte Klänge. Neben der freien Tänzerin Erin O’Reilly ist der Einsatz der Ersten Solistin Myriam Simon mitsamt ihrem Bühnenluft schnuppernden Söhnchen Marlon die Verschwendung einer Persönlichkeit an eine unergiebige Aufgabe.

Teils verschlungene Formationen dreier TänzerInnen führen in „HAVEN“, einem Beitrag des freischaffenden Choreographen Richard Chappell, aus einem kleinen Lichtkreis durch orange getränktes Licht in eine diagonale Lichtschneise in den (sicheren) Hafen des Lebens. Eine lärmende Eigenkomposition mit durchscheinenden Geräuschen eines einfahrenden/anlegenden Schiffs begleiten Agnes Su, Louis Stiens und Robert Robinson auf diesem Trip. Letzterer hat für Sara Ezzell das Solo „OUT“ geschaffen. Die Amerikanerin erweist sich in diesem tanz-theatralischen Ausbruchsversuch, einem Anrennen gegen gesellschaftliche Wände mit einigen eingebauten Bodenschleuderungen unter dröhnender Klangkulisse als überzeugendere Darstellerin denn Choreographin.

Cédric Rupps Erstlingsbeitrag „4 FOR 2“ erschließt in viel kleinteiligen, um den Kopf herum geführten, geometrisch abgezirkelten Arm- und Handbewegungen zu Ukulele-Klängen nicht so recht, was Anouk van der Weijde und Kirill Kornilov in ihren schwarzen Togas vor leuchtend orangenem Hintergrund anschaulich und geschmackvoll zum Ausdruck bringen.

In spiritistische Gefilde führt das Debut von Alessandro Navarro Barbeito mit „SIN TITULO“. Gemeinsam mit Korrepetitorin Alina Godunov kleidet er zu verschiedenen Live-Gesängen geistiger Natur religiöse Empfindungen in eine knappe, teilweise aussagestarke Form, die jedoch mehr szenische Darstellung ist als dass sie den Tanz bedient.

Nach der Pause sorgt Alexander McGowan mit der von harten Rap-Klängen bestimmten Kreation „HELLO, MY NAME IS ALEXANDER“ mit phasenweise roboterhaften Mechanismen von fünf TänzerInnen einschließlich sich selbst für große Begeisterung, auch wenn die Rhythmik durchaus noch stärkere tänzerische Effizienz hätte bewirken können.

Unter pendelnden Glühbirnen mit dämmerigem Licht gleiten Agnes Su und Fabio Adorisio zu Unheil dräuender Musik von John Williams in vielen rasanten Hebungen, in einem etwas unverbindlich wirkenden Stil durch Ruiqi Yangs Pas de deux „IF ONLY“.

Herzlich berührt nahm der als Gast vom Finnischen Nationalballett gekommene Emrecan Tanis die Ovationen für „I SPY MY LITTLE EYE“ entgegen. Ein Trio in Hosenträgern und Karo-Hemden beginnt wohl mit etwas nervenden, immer wieder die Musik unterbrechenden Texten, mündet dann aber mehr und mehr in eine voran stürmende Choreographie mit Biss und dem Mut zum Ungewöhnlichen.

Nun zu den beiden, ideal als Auftakt und Abschluss platzierten Beiträgen. Der Erste Solist David Moore, als Charakter und Tänzer nicht gerade ein Heißblut, setzt zu anmachend lockeren Jazz-Sequenzen drei Mädchen und drei Jungen auf einem Lichtquadrat in schwarzen Hosen und roten Rollkragen-Tops in moussierender Manier in Szene, als ob sie sich in einem „SUGAR RUSH“ befinden würden. Adam Russell Jones und der schon wiederholt aufgefallene Matteo Miccini versprühen dabei eine besonders quirlig ansteckende Laune.

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Cello contra bass:  Baris Enes Comak und Matteo Miccini. Copyright: Carlos Quezada

Den bis dahin ausgebliebenen Humor servierte glücklicherweise Roman Novitzky in einem heiter stimmenden Finale. So wenig er seit seiner Beförderung zum Ersten Solisten in Erscheinung getreten ist, um so mehr überzeugt er jetzt wieder als Meister komischer Pointen in Verbindung mit einer klassische Grundmuster spannungsreich  und phantasievoll aufgreifenden Tanzsprache. „CELLO CONTRA BASS“ ist ein köstlicher Wettstreit, der zu Vivaldi und Paganini zwischen vier in Lichtkreisen auf Stühlen platzierten Streichersolisten in ulkigen Fräcken mit kurzen Hosen und ärmellosen Hemden entbrennt und die Bogenführungen in einer virtuosen Kette imitatorisch verarbeitet und in einen unablässigen Fluss eingliedert. Und so endet das diesjährige, durchwachsene Programm in denkbar bester Laune.                                                                                                           

Udo Klebes

 

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