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STUTTGART/ Schauspielhaus: JOHN GABRIEL BORKMANN von Henrik Ibsen. Premiere

24.03.2024 | Theater

Premiere „John Gabriel Borkman“ von Henrik Ibsen am 23.3.2024 im Schauspielhaus/STUTTGART

Schuldhafte Verstrickung

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Silvana Krappatsch, Marco Massafra, Katharina Hauter und Christiane Roßbach. Foto: Katrin Ribbe

Henrik Ibsen ist der Dramatiker der schuldhaft versäumten Selbstemanzipation. Er setzt sich schonungslos mit den  Lebenslügen der Menschen auseinander. Seiner Devise „Dichten ist Gerichtstag halten über sich selbst“ wird er auch in dem Stück „John Gabriel Borkman“ gerecht, das Daniela Löffner jetzt als Justizdrama inszeniert hat. Gleich zu Beginn sitzen die Schauspieler im Publikum – das Theater im Theater wird dann kurze Zeit später auf der Bühne fortgesetzt. Die Kostüme von Daniela Selig passen sich der Bankenwelt an. Ein interessanter Einfall, auch wenn das von Aktenordnern überquellende Bühnenbild zunächst etwas einfallslos erscheint. Rechts steht ein Klavier, auf dem die talentierte Pianistin Frida Foldal ständig spielt, die von Anne-Marie Lux facettenreich dargestellt wird.

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Michael Stiller, Matthias Leja. Foto: Katrin Ribbe

Der ehemalige Bankdirektor John Gabriel Borkman ist wirklich tief gefallen. Für ein privates Investment hat er Kundengelder veruntreut, deswegen verurteilt ihn das Landgericht Stuttgart zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Die norwegische Handlung ist also ins Schwabenland verlegt worden, was gar nicht abwegig ist. Seine unglückliche Ehefrau Gunhild und der gemeinsame Sohn Erhart müssen sich mit dem finanziellen Ruin abfinden. Nach seiner Entlassung lebt er isoliert mit seiner Frau auf dem Gut. Seine Schritte im Haus fallen durch große Lautstärke auf. Die an Krebs erkrankte Schwägerin Ella hat es ihnen zur Verfügung gestellt. Matthias Leja als John Gabriel Borkman und Sylvana Krappatsch als dessen Frau Gunhild stellen hier überzeugend dar, wie schwierig und kompliziert das Wiedersehen des Ehepaars nach der langen Haftzeit ist. Zwischen den beiden rivalisierenden Schwestern Gunhild und Ella Rentheim (einer früheren Pianistin) kommt es zu einem erbitterten Kampf um Erhart, der der einzige Erbe der Familie ist. Die Handlung steigert sich mit großer Spannung, als der Sohn gemeinsam mit seiner um einige Jahre älteren Liebhaberin Fanny Wilton sowie der ständig Klavier spielenden Musikstudentin  Frida Foldal in eine freie Zukunft aufbrechen möchte. Er will sich endgültig von seinen Eltern lossagen, was die Mutter Gunhild in Verzweiflung stürzt.

Marco Massafra mimt diesen Sohn Erhart mit entwaffnender Direktheit. Katharina Hauter als Ella Rentheim kann sich im Laufe des Abends mit ihrer wandlungsfähigen Rolle stark profilieren. Wichtig bei dieser Inszenierung ist, dass die Entwicklung Borkmans im Vergleich zu Ibsens Fassung ausgebaut wird. In dieser Version durchlebt er eine Phase, in der er seine Schuld eingestehen muss. Das unterstreicht Matthias Leja als Borkman ganz ausgezeichnet. Seine Seelenqualen wirken nicht aufgesetzt, sondern glaubwürdig. Es ist ein schonungsloser Läuterungsprozess, der hier offenbart wird. In der letzten Szene mit der vom Tod gezeichneten Ella erreicht die Aufführung bewegende tragische Größe: „Es gibt keinen Hafen. Nicht für mich“. Und Ella erwidert nur lakonisch: „Es weht ein eisiger Wind, John“. Dann erkennt man, dass John Gabriel Borkman Gift nimmt und in den Armen Ellas stirbt. Es ist das illusionslose Ende einer einstigen Liebe. Man begreift auch, dass Borkmans ganzes Dasein im Banne eines Kindheitserlebnisses steht. Er befindet sich in einem Weltverhältnis, das auf Lockung und Verlockung gegründet ist. Aus dieser Bindung an die Vergangenheitswelt stammt die Gebrochenheit Borkmans.

Diese Gebrochenheit sieht man dann ganz plastisch auch im Bühnenbild von Fabian Wendling, dessen Decke plötzlich aufbricht. Unzählige Aktenblätter fallen wie Schnee herab. Borkman wollte durch die Ausbeutung der Bodenschätze Licht und Wärme in viele Tausende von Hütten und Häusern bringen und ist dennoch kläglich gescheitert. Entscheidend ist auch die Szene mit Borkmans Jugendfreund Vilhelm Foldal, den Michael Stiller mit großer Präsenz mimt. Dieser Jugendfreund möchte von ihm als großer Dichter anerkannt werden, was ihm Borkman letztendlich verweigert: „Du bist kein Dichter!“ Und dann ist da noch die Künstlerin Fanny Wilton, die von Christiane Roßbach ebenfalls sehr entwaffnend verkörpert wird. Sie nimmt Gunhild den Sohn weg, was zu heftigen Auseinandersetzungen führt. Daniela Löffner macht in ihrer klugen Inszenierung deutlich, dass sich Borkman gegen das von Hofmannsthal beschworene Gesetz allen Handelns versündigt, was ihn schließlich in erschütternder Weise zu Fall bringt. Er trennt das Gewissen vom Handeln und setzt den Advokaten Hinkel über alle seine Betrügereien in Kenntnis. Dieses krasse Missverhältnis zwischen Verschlagenheit und blindem Vertrauen blitzt hier grell auf.

Das Stück spielt eigentlich sechzehn Jahre nach dem Geschehen – an einem Winterabend auf dem Gut der Familie Rentheim. Die Musik von Matthias Erhard bildet dazu einen passenden melancholischen Rahmen.  Gunhild ist nur daran interessiert, die Schande aus ihrer Familie zu tilgen. Daraus entwickelt sich während  der Aufführung stellenweise  eine atemlose Spannung. Die Entschlusskraft dieser unglücklichen Gestalten ist gebrochen. Foldal als Hilfsschreiber und gescheiterter Dichter bringt bei Borkman versteckte Eigenarten zum Vorschein. Die Szenen sind durch eine seltsame Affektlogik bestimmt, was Daniela Löffner gar nicht leugnet. Die Protagonisten betreten die Szene wie gerufen, stehen bereit, treten hervor, als seien sie die innere Auswirkung des Dialogs. Dies zeigt sich gleich am Beginn beim nahtlosen Übergang vom Zuschauerraum zur Bühne. Der Charakter einer ununterbrochenen, von einer Konstellation zur anderen hinübergleitenden Bewegungsfolge nimmt eine zentrale Bedeutung ein und wird erst durch den Tod Borkmans beendet. Manches Detail hätte vielleicht noch genauer beleuchtet werden können – dennoch trifft diese Inszenierung den Kern von Ibsens Intention.

Lang anhaltender Schlussapplaus.

Alexander Walther

 

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