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STUTTGART/ Schauspielhaus: DIE RÄUBER von Friedrich Schiller in einer Bearbeitung von Thomas Melle

05.07.2026 | Theater

Premiere „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am 4. Juli 2026 im Schauspielhaus/STUTTGART

Tod oder Gleichheit

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Die Räuberbande. Foto: Thomas Aurin

Der Autor Thomas Melle hat Schillers spektakuläres Sturm-und-Drang-Drama 2026 mit komplexen Zeitfragen ergänzt. Er befragt den Stoff neu. Die Brüder Franz und Karl bringen sich gegenseitig um. Und die von Karl geliebte Amalia wird von diesem nicht getötet, sondern stellt sich dem Chor mit existenziellen Gewissensfragen. Die übrige Handlung bleibt hier weitgehend unangetastet, was eher ein Vorteil ist. Franz versteht es, seinen Vater Maximilian gegen seinen Bruder Karl aufzuhetzen. Die Lebensentwürfe der beiden prallen schroff aufeinander! Karl rebelliert gegen die für ihn ungerechte Welt. Und Franz ist stark getrieben von der Sehnsucht nach väterlicher Anerkennung. Doch Karl radikalisiert sich und wird plötzlich Kopf einer gefährlichen Räuberbande. Die alte Welt gerät völlig ins Wanken. Karl und seine Bande verlieren im Laufe der Zeit jegliches Maß, brandschatzen und vergewaltigen. Amalia ist in dieser ungewöhnlichen Inszenierung  ihrer Zeit weit voraus und kritisiert stark die männliche Geschichtsschreibung: „Ich bin so gerne alleine.“ Tod oder Freiheit nehmen immer stärkere Präsenz an. Die vielfach überhitzte Sprache wird in der einfallsreichen Inszenierung von Stefan Pucher mit Video-Einblendungen von Ute Schall und Hannes Francke auf die Spitze getrieben. Da sieht man dann auch riesige männliche Skulpturen, die sich in gespenstische Totenköpfe verwandeln. Die sich überschlagenden Rodomontaden der Protagonisten bestimmen die Führung der fieberhaften Handlung. Die Kontrastierung der Figuren gelingt hier weitgehend überzeugend, auch wenn es manchmal Schwachstellen gibt. Die „Guten werden durch die Bösen schattiert“. Die Szenenführung besitzt hier durchaus mitreissenden Schwung und wildes Feuer – vor allem in den großen „Chorszenen“. Die „Philosophie der Verzweiflung“ des Bösewichts Franz Moor kommt aufgrund der hervorragenden Darstellung von Therese Dörr sehr gut zur Geltung. Der existentialistische Nihilismus des 20. Jahrhunderts lässt hier grüßen. Gerade die Figur der Amalia gilt als Schwachpunkt in diesem Werk des 20jährigen Schiller, die aber in dieser Fassung durch Thomas Melle deutlich aufgewertet wird. Das Natürliche scheint bei dieser Figur zu fehlen, das Heroische und Starke überwiegt. Gerade diesen Aspekt arbeitet Celina Rongen als rebellierende Amalia in einer grausamen Männerwelt scharf heraus. Michael Stiller wirkt als alter Moor resignierend, zuletzt tritt er als fahle Leiche auf. Felix Jordan überzeugt als Karl mit nie nachlassender Emphase, aber auch wachsender Verzweiflung. Im Programmheft ist außerdem Theodor W. Adornos böses Urteil über Schiller nachzulesen, dem er die machtvollen sprachlichen Mittel vorwirft. Im großen Bühnenbild von Nina Peller und den Kostümen von Annabelle Witt werden diese überdimensionalen, machnmal sogar monumentalen Momente herausgestellt. Da besteht eine Verbindung zu William Shakespeares Tragödien, was nicht abwegig ist. Das sanfte und leidende Mädchen Amalia tritt hier nicht in den Vordergrund. Tim Bülow als Spiegelberg und Sven Prietz als Hermann stechen als markante Figuren ebenfalls hervor. Spiegelberg beweist zudem immer wieder, dass er nicht Karls Freund ist. Karls tragisches Denken und seine Empörung über die zunehmende Entfremdung der Welt stehen in krassem Gegensatz zum satirisch-schlauen Spiegelberg.

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Celina Rongen, Therese Dörr. Foto: Thomas Aurin

Gerade diesen Aspekt hätte man noch stärker herausarbeiten können. Das Sprechchor-Staccato der Räuberbande besitzt bei dieser Inszenierung etwas Fatales, gemahnt an griechische Tragödien. Silvia Schwinger als Schweizer, Simon Löcker als Razmann, Mina Pecik als Schwarz, Karl Leven Schroeder als Roller, Sven Prietz als Schufterle sowie Michael Stiller als Pater bieten hier starke szenische Kontraste. Der Pater verurteilt die Räuber ganz oben von der Kanzel herab, die Kirche wird für die Räuberbande praktisch unerreichbar, entzieht sich vollständig jeder Gnade. Das besitzt auch etwas Unerbittlich-Fatales. Und die Live-Kamera von Tobias Dusche demonstriert bei dieser Inszenierung immer wieder, wie die Gewalt an die Stelle der Gerechtigkeit tritt. Die heftigen Szenen zwischen den ungleichen Brüdern Karl und Franz treten in den grellen Mittelpunkt, sie jagen auf der zur Drehscheibe gewordenden Bühne atemlos hintereinander her. Und Karl wirft Franz ultimativ vor: „Du tust, als wäre Mutter Natur eine Hure, und du könntest ihr Zuhälter sein!“ Karl blickt zuletzt in einen bodenlosen Abgrund: „Die ganze Welt geh zu Grunde!“ Und den berühmten Schlusssatz bestreitet hier nicht Karl Moor, sondern der Chor: „Dem Mann kann geholfen werden“. So werden die szenischen Perspektiven bei dieser Aufführung verschoben – einmal mehr, einmal weniger geschickt. Doch der dramaturgische Spannungsbogen überzeugt. Die Zeichen auf der Bühne suchen den Text auf und ergänzen ihn sinnvoll. Der erschreckende Realitätsverlust dieser Protagonisten tritt krass zutage. Viel Beifall und „Bravo“-Rufe für diese sehenswerte Neuproduktion. 

Alexander Walther       

 

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