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STUTTGART/ Schauspielhaus: DER BESUCH DER ALTEN DAME von Friedrich Dürrenmatt. Premiere

27.09.2020 | Theater


Evgenia Dodina (Claire). Foto: Julian Baumann

Schauspielhaus Stuttgart Premiere: Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ am 26.9.2020 im Schauspielhaus/STUTTGART

Ruf nach Gerechtigkeit

 In Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“ steht die russische Schauspielerin Evgenia Dodina ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Ja, es ist regelrecht auf sie zugeschnitten. Denn mit einem suggestiven Text von Peter Michalzik erzählt sie ihr eigenes Leben als Jüdin. Ebenso berichtet sie dem Publikum von ihrer Reaktion auf die AfD, die im Stuttgarter Landtag Aufklärung darüber forderte,  wie viele Mitarbeiter im Staatstheater ausländischer Herkunft seien. „Danke, AfD!“ antwortet sie darauf mit beissender Ironie.

Damit erhält diese Premiere einen starken politischen Zuschnitt. Die viereckige Bühne von Florian Etti stellt einen großen Flügel in den Mittelpunkt des Geschehens, auf dem Evgenia Dodina wenige Takte spielt. Nach dreißig Jahren kehrt die Milliardärin Claire Zachanassian nach Güllingen zurück. Die Kleinstadt ist hoch verschuldet und steht kurz vor dem Ruin. Es gibt hohe Arbeitslosigkeit und viele Sozialhilfeempfänger. Unter der verarmten Bevölkerung herrscht eine sehr bedrückte Stimmung. Diese schwierige Situation weckt die Gier nach Geld und Macht. Sie verspricht der Gemeinde allerdings neuen Wohlstand: „Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit.“ Die Bewohner von Güllingen bekommen das Geld aber nur, wenn sie Alfred Ill, Zachanassians früheren Geliebten und Vater ihres Kindes, töten. Dieser hat sie als junge Frau ins Unglück gestürzt und aus Güllingen vertrieben. Doch jetzt will sie Rache.

Die skurrilen Machtverhältnisse in der Gesellschaft werden auch in Burkhard C. Kosminskis Inszenierung gnadenlos bloßgestellt. Die Gemeinde tötet schießlich Alfred Ill, der von Matthias Leja voller Emotion verkörpert wird. Die Ablehnung und der Verrat an der Liebe stehen hier im grellen Mittelpunkt. Plötzlich fliegen in der Inszenierung pausenlos Geldscheine herab, lassen die Darsteller in einer geradezu ausweglosen Situation zurück. Das sind gut gemachte und starke Szenen – vor allem dann, wenn die geldgierigen Leute pausenlos lachend die vielen Geldscheine aufsammeln.

Felix Strobel (Polizist), Gabriele Hintermaier (Pfarrerin), Sven Pritz (Bürgermeister). Foto: Julian Baumann

In den Kostümen von Ute Lindenberg werden die weiteren Figuren ausnahmslos gut charakterisiert. Dazu gehören neben dem biederen Bürgermeister (facettenreich: Sven Prietz) auch der von Marco Massafra pointiert verkörperte Lehrer, die von Gabriele Hintermaier wandlungsfährig dargestellten Figuren des Butlers und der Pfarrerin sowie der recht joviale Polizist  von Felix Strobel. Mit Entsetzen wird hier immer wieder Scherz getrieben. Dem Publikum wird so auf raffinierte Weise suggeriert, dass die moralische Pervertierung Normalität sein kann. Hier beweist auch Evgenia Dodina ihre darstellerische Präsenz. Die Parodie auf den Schlusschor der „Antigone“ von Sophokles („Ungeheuer ist viel“) fällt bei dieser Inszenierung zwar nicht ins Gewicht, aber die brutale Steinigung Alfred Ills bleibt drastisch im Gedächtnis. Da wird dann wirklich ein aufwühlend-tragischer Schlusspunkt gesetzt, der es in sich hat. Zuvor hat Alfred Ill seine Schuld in der Verkörperung von Matthias Leja mit stoischer Ruhe zugegeben. Er ist dem Zorn der Zachanassian schutzlos ausgeliefert: „Die Welt hat mich zur Hure gemacht, jetzt mache ich sie zu einem Bordell!“ Die Zahl ihrer Gatten ist bereits so groß, dass sie die Menge der einzelnen Ehemänner durcheinanderbringt. Als Schauspielerin stellt Evgenia Dodina schließlich fest, dass die Politik immer schlechter und wichtiger wird. Die Erfahrung der völligen Unfähigkeit des Menschen zu Vernunft und Einsicht stehen grell im Mittelpunkt des Geschehens.

Dass diese 1956 in Zürich uraufgeführte „tragische Komödie“ aber außerdem eine heftige Kritik an der Wirtschaftswunder-Zeit ist, kommt bei Burkhard C. Kosminskis Inszenierung ebenso zum Vorschein. Dürrenmatts Kritik an seiner Heimat wird bei dieser Aufführung mit der Vita der jüdisch-russischen Schauspielerin Evgenia Dodina durchaus eindrucksvoll verbunden. Gleichzeitig gibt es einen versteckten Hinweis, dass auch jüdische Mitbürger das Recht haben, sich zu wehren und Gerechtigkeit einfordern dürfen. Recht gut kommt die Wandlung der Gesellschaft zum Vorschein, die in Claire Zachanassian immer mehr das Opfer sieht. Der Krämer Alfred Ill hat zuvor ja auch vergeblich die Polizeiwache aufgesucht und um Verhaftung der Milliardärin gebeten. Drastisch karikiert Burkhard C. Kosminski, wie stark die Presse sich von den Bürgern von Güllingen hinters Licht führen lässt. Und Alfred Ill appelliert erfolglos an seine Gesprächspartner. Diese zunehmende Verzweiflung bringt Matthias Leja am besten über die Rampe. Dieses Lehrstück über die systematische Zerstörung demokratischer Strukturen offenbart, wie menschliches Verhalten durch die Sprache gesteuert wird. Allerdings gelingt es nicht immer, die beiden Ebenen mit der Vita der Schauspielerin und dem Stück von Dürrenmatt völlig in Einklang zu bringen. Da entdeckt man dann Bruchstellen, die Burkhard C. Kosminski allerdings wirkungsvoll zu glätten versteht. Das völlige Versagen der Presse wird gegeisselt. Diese groteske Parabel über Geld und Moral weist in einen schwindelerregenden Abgrund, aus dem es letztendlich kein Entrinnen gibt. Evgenia Dodina redet im Gegensatz zu den Güllingern deutlich Klartext. Die seltsame Grazie und Zeitenthobenheit der Claire Zachanassian kommt wirkungsvoll zum Vorschein. Im Gespräch mit Alfred Ill wird klar, dass Claire in den Lauf der Zeit eingreifen möchte. Sie ist in der ganzen Welt vernetzt, Alfreds Beziehungen dagegen verkümmern völlig. Und für den Lehrer ist die Milliardärin eine Medea, eine wundersame Heldin und Zauberin der Antike. Sie wird jetzt regelrecht glorifiziert.

Die Musik von Hans Platzgumer unterstreicht mit dem dezenten Hinweis auf deutsche Volkslieder die biedere Welt der Gemeinschaft von Güllingen, aber auch das starke Harmoniebedürfnis und Zusammengehörigkeitsgefühl der Schweizer. Aber wirkliche Vernunft hat in dieser bizarren Welt keinen Platz mehr. Die Fassaden stürzen ein. Berührend ist es aber, wenn Evgenia Dodina als israelische Schauspielerin eine leidenschaftliche Hymne auf ihre Heimat anstimmt. 

Alexander Walther

 

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