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STUTTGART/Schauspielhaus: „BEETHOVEN-BALLETTE“ – Verschwisterung von Tanz und Musik

30.09.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„BEETHOVEN-BALLETTE“ 29.9. 2021 (Schauspielhaus) – Verschwisterung von Tanz und Musik

Ob George Balanchine seine Meinung, dass Beethovens Musik für den Tanz unbezwingbar sei, später noch geändert hatte/hätte, wenn er Hans van Manens so erfolgreich wegweisender Auseinandersetzung mit diesem Giganten unter den Komponisten begegnet wäre?

Nicht erst heute besteht nicht der geringste Zweifel, dass der niederländische Grandseigneur des neoklassischen handlungsfreien Balletts sich Beethovens Kammermusik auf Augenhöhe bemächtigt hat – mit subtiler Musikalität, atmosphärischer Einfühlsamkeit und dem Bewusstsein körperlicher Auseinandersetzung.

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Adagio-Hammerklavier: Anna Osadcenko, David Moore. Foto: Stuttgarter Ballett

Dabei ist das 1973 uraufgeführte „ADAGIO HAMMERKLAVIER“ als Feier der Langsamkeit für den Einstieg nach der Sommerpause nicht gerade das dankbarste Stück. Die erforderliche erhöhte Konzentration auf Balance und Spannung über weitgespannte Akkorde hinweg will sich noch nicht durchgehend einstellen, so dass zur extrem getragenen Lesart des 3.Satzes der Hammerklaviersonate op.108 in der Einspielung durch Christoph Eschenbach noch gewisse Löcher auf der Bühne bestehen. Am wenigsten zwischen dem Paar Anna Osadcenko und David Moore, die hier im Gegensatz zu ihrer in Handlungsballetten bisher nicht so recht geglückten Chemie dicht, auf gleichem Niveau, ihrerseits mit tragender körperlicher Reife, und seinerseits mit weiter gewachsenem Profil, zusammenfinden.

Bei den beiden anderen Paaren wirkt manches noch etwas oberflächlicher, aber nichts desto trotz energiereich und präzise im Ablauf (Elisa Badenes und Ciro Ernesto Mansilla, Agnes Su und Fabio Adorisio).

Als dieses Programm seine Premiere an Ostern noch als Live stream gefeiert hatte, war der Subtext zwischen den all den grundlegend akademischen und dann oft unorthodox abgewandelten Zieh-, Dehn-, Sprung- und Hebeformationen weniger zu spüren. Jetzt bei der direkten Begegnung auf der Bühne erleben wir doch wieder die unersetzbare Faszination des Live-Charakters, auch unterstützt durch den von leichten Wellen bewegten blaugrünen Vorhang auf Halbhöhe im Hintergrund, der die Bewegungen dynamisch beeinflusst.

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„Große Fuge“. Rocio Aleman, Veronika Verterich, Agnes Su, Alicia Torronteras, Marti Fernandez Paixa, TimoorAfshaar, Clemens Froehlich, Ciro Ernesto Mansilla. Foto: Stuttgarter Ballett

Bei Hans van Manens abschließender „GROSSER FUGE“ ist es die Strenge und eine gewisse Rauheit des späten Streichquartettes von Beethoven, die van Manen zu einem passend herben Charakter der Choreographie inspiriert haben, die die klassische Schule Elemente des Modern Dance mit so mancher Überraschung (Aufstampfen der Männer, Brustschläge der Frauen) und erotischen Zwischentönen zusammenführen. Die später zu einigen knisternden Duetten findenden Paare sind zunächst getrennt, links hinten wie erstarrt die Frauen mit ihren hochgesteckten Frisuren, vorne rechts die über ihren schwarzen Unterhosen zunächst weite gleichfarbige Röcke tragenden Männer. Ob synchron die Beine kreisend, die Arme schwingend, weit schreitend oder drehend – Clemens Fröhlich, Ciro Ernesto Mansilla, Timoor Afshar und Marti Fernandez Paixa bilden ein eingeschweißtes, jederzeit geschlossenes Quartett, denen sich Rocio Aleman, Agnes Su, Veronika Verterich und Alicia Torronteras mit kaum weniger Selbstbewusstsein entgegen stellen. Am Ende finden alle in Harmonie am Boden zusammen, eine Frau und ein Mann erheben nochmals ihre Arme und sinken dann wieder zusammen. Auch 50 Jahre nach der Entstehung überwältigen das unkonventionelle Wechselspiel von Musik und Tanz.

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Einssein: Mackenzie Brown, Matteo Miccini. Foto: Stuttgarter Ballett

Zwischen diesen beiden fixen Säulen vieler Compagnien steht Mauro Bigonzettis speziell für dieses Programm geschaffenes „EINSSEIN“, das sich im Aufgreifen von drei Klaviersonaten Beethovens sich einer genau so hohen Herausforderung stellt und vom Choreographen mit seinem sehr körperbetont nahen Stil ähnlich erfüllt zur Wirkung kommt. Die zentrale Botschaft von Zusammensein und Harmonie im Tänzerberuf wird durch den in der Mitte postierten Flügel, an dem Andrej Jussow die Sonaten voller Intensität und Gefühl interpretiert, geradezu greifbar, wenn die acht TänzerInnen um ihn herum stehen, synchron die Köpfe aufstützen und neigen oder die Hände in einander verschränken. In verschiedenen Duetten, aber auch Gruppen-Variationen sind verschiedene Spielarten durchdekliniert, manche Muster variiert wieder aufgegriffen. Das hat eine ganz eigene Ästhetik, die von Rocio Aleman in besonderem Format umgesetzt wird – wie schon bei van Manen ist da eine Tänzerin zu sehen, die ihre jüngst erhaltene Beförderung zur Ersten Solistin mit zuletzt noch mal gesteigerter Präsenz berechtigt.

Natürlich ist es keine Frage, dass Friedemann Vogel das auf seine Art genauso vermag und nie den überragenden Star der Compagnie hervorkehrt, sich vielmehr ganz seiner Aufgabe, auch in kleinen Gruppen, hingibt. Elisa Badenes ist sogar hier anzusehen, wie sehr sie von seiner nun häufigeren Partnerschaft mit ihm profitiert. Im knackigen körperlichen Ausdruck lassen die beiden Halbsolisten Mackenzie Brown und Matteo Miccini auf eine große Zukunft hoffen, während Vittoria Girelli und Alessandro Giaquinto die etwas weichere Variante bilden. Roman Novitzky ergänzt und fügt sich mit gewissenhaftem Einsatz in Bigonzettis so einfühlsame Vorgaben.

Die Begeisterung im Publikum konnte da ebenso wie nach der „Grossen Fuge“ nicht ausbleiben und schloss auch den famosen Pianisten mit ein. Hoffen wir nun auf eine endlich wieder reibungslose Saison ohne Einschränkungen oder gar Schließungen! Die Maskenpflicht ist dafür gut in Kauf zu nehmen, auch wenn Jubelrufe dadurch gehemmt werden.

 Udo Klebes

 

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