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STUTTGART/ Schauspielhaus/Ballett: „INTERAKTION“ – Unsere Beziehung zu Tanz und darüber hinaus

25.01.2026 | Ballett/Performance

Stuttgart

24.01.2026: „INTERAKTION“ Unsere Beziehung zu Tanz und darüber hinaus

Das Schauspielhaus Stuttgart diente als Bühne für einen experimentellen Ballettabend, in dem Tanz, Musik, Video und Literatur im Dialog, eben „Interaktion“ standen. Wie tritt man mit den Tanz in Beziehung und was bedeutet er für jeden von uns. Impulse, um das zu erforschen, geben drei Stücke, mit unterschiedlichen Themen und Ausdrucksformen.

Mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur setzt sich „UNTAMED“ (dt. „ungezähmt“) auseinander und soll dem Publikum Tanz aus nächster Nähe zeigen, in einem Stück unter der künstlerische Leitung von Donna Volta Newman, die auch für den am Ende gezeigten Film die Leitung hatte sowie der Choreographie des Stuttgarter Solisten Martino Semenzato. Auf drei Bühnen im oberen Foyer wurden Waldlandschaften improvisiert, um die herum das Publikum stehen, sitzen oder auf einigen Kissen hocken, sowie zwischen den Bühnen herumgehen konnte. Die Naturgeräusche nachahmende elektronische Komposition von Yair Karelic wurde auf der mittleren Bühne vom Komponisten selbst sowie zwei weiteren Musikern aufgeführt.

Die Idee, Tanz auf diese Weise einem breiteren Publikum hautnah nahezubringen leuchtet ein, leider eignet sich das Foyer des Schauspielhauses jedoch nicht gut dafür. Nur wenige, die in den ersten Reihen standen oder saßen, konnten die Vorstellung gut sehen, die Gänge zwischen den Bühnen waren zu eng, des Weiteren sorgte das Durchgehen doch auch für Unruhe, so dass man sich nicht immer auf das Geschehen auf den Bühnen konzentrieren konnte. Auf diesen tanzten jeweils drei Tanzpaare, die alleine durch ihre Konzentration und Intensität beindrucken und so die wenigen choreographischen Einfälle wettmanchen konnten. Es wurde meist am Boden getanzt, zum Glück durften die Tänzer Knieschoner tragen, denn Macéo Gerard und Christopher Kunzelmann mussten sich durch den Kiesboden der mittleren Bühne wühlen und rollen, Ava Arbuckle und Natalie Thornley-Hall (Rollendebüt durch Ausfall von Irene Yang) sowie Leon Metelsky und Anton Tcherny durften dies auf Teppichboden, vielleicht das Moos des Waldes symbolisierend, tun. Die „ungezähmten“ regenerativen Kräften des Schwarzwaldes sollte das alles symbolisieren, der anschließend gezeigte Kurzfilm über die Heilung der am Knie verletzten Solistin Diana Ionescu sollte den Bezug zur den Heilungskräften des Menschen herstellen. Ein Impulsexperiment, das das Publikum um eine Erfahrung bereichert, jedoch sicher auch mit vielen Fragezeichen hinterlässt.

Nach der Pause ging es auf der Bühne des Schauspielhauses weiter mit einem Stück, das die innere Welt Franz Kafkas zeigen will. „OH DEAR“ steht sinngemäß für „O mein Gott“, was Kafka in seinem Leben alles durchmachen musste. Das Stück nützt Motive aus Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ (eines Menschen zu einem Käfer) sowie Briefe des Autors als Inspiration. Die Tänzer stellen neben Franz Kafka selbst (hier sehr überzeugend: Martino Semenzato) dessen Freund Max Brod (einfühlsam dargestellt von Lassi Hirvonen), die erste Verlobte Kafkas Felice Bauer (Mizuki Amemiya, die Verzweiflung der Beziehung intensiv darstellend) sowie Milena Jesenská, zu der Kafka eine intensive Beziehung, jedoch viel über Briefe, führte, dar. Vittoria Girelli zeigt als Jesenská stimmig die Spannung zwischen Anziehung und Distanz. Die Verwandlung selbst findet ebenso eine Rolle, die Eduardo Sartori als androgynes Wesen mit Insektenartigen Armen und viel akkurater Beinarbeit darstellt. Die Choreographie von Fabio Adorisio hat zwar Anspruch, am Anfang des Stückes einige gute Ansätze, auch das Solo später vermag es, Kafkas Welt einzufangen, insgesamt ist das Stück jedoch viel zu lang und die Botschaft geht darin oft verloren.

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Edoardo Sartori (Die Verwandlung) und Martino Semenzato (Franz Kafka) in „Oh Dear“. Foto: Stuttgarter Ballett

Beide erste Stücke leben hauptsächlich von den Tänzern und die beiden Choreographen können sich glücklich schätzen, diese mit dem Stuttgarter Ballett kreieren und zeigen zu dürfen, ebenso über das offene Stuttgarter Publikum, das auch solche Experimente mit viel Applaus belohnt. Dennoch darf man hoffen, dass Intendant Tamas Detrich in Zukunft mehr anderen jungen, talentierten Choreographen, von denen es einige auch in Stuttgart gibt, die Chance geben wird, ihre Stücke zu entwickeln.   

Der viel erwartete Höhepunkt des Abends kam am Ende mit „DIE SEELE AM FADEN“, eine Performance der anderen Art, von denen man gerne mehr und zusammen mit gleichwertigen Stücken sehen möchte. Als Inspiration diente Heinrich von Kleists Erzählung „Über das Marionettentheater“, das der ehemalige Solist Thomas Lempertz, der die Bühne und Kostüme für das Stück entworfen hat, viele Jahre beschäftigt hat, denn er sah darin immer neue Verbindungen zu seiner Arbeit. Kleist behauptet, Marionetten wären dem menschlichen Tänzer überlegen, da sie sich über die Schwerkraft hinwegsetzen und die Bewegung rein, da frei von Emotionen, darstellen können.

Friedemann Vogel nahm den Text als Inspiration für seine Choreographie, dabei gelingt ihm wie von ihm auch beabsichtigt genau das Gegenteil, nämlich beim Publikum Emotionen zu wecken, die Magie des Momentes zu zeigen und durch beides zum Nachdenken anzuregen. 

Er fängt dabei bei der Marionette an und man staunt, auf welche Art ein Mensch diese darstellen kann, welch‘ schräge Positionen und Bewegungen auch dieser machen kann. Allmählich nimmt sie immer mehr menschliche Züge an, die Marionette wird zum Tänzer doch auch dieser steckt bei einer Choreographie in einem Korsett, denn er muss da ganz genaue Bewegungsabläufe, wenn auch mit Emotionen, zeigen. Zwischendurch wird auf einer Leinwand immer wieder ein Avatar des Tänzers gezeigt, der mit abgetrennten Gliedern tanzt, als wären sie noch zusammen – das schafft auch keine Marionette.

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Auf den Weg, sich von den Zwängen einer Marionette zu befreien: Matteo Miccini in „Die Seele am Faden“ . Foto: Roman Novitzky/ Stuttgarter Ballett

Kurz vor dem Schluss darf der Tänzer auch wie eine Marionette über die Bühne fliegen: gehalten von Seilen entflieht auch er der Schwerkraft.

Von allen Zwängen befreit, zeigt das Solo am Ende, was es heißt, mit ganzer menschlicher Seele tanzen und alles ausdrücken zu dürfen – nicht alles immer nur rein und schön, sondern auch ‘mal hässlich, jedoch umso wahrhaftiger und authentischer.        

Das Stück hört vermutlich bewusst abrupt in diesem Trubel aus Emotionen auf, die noch länger nachwirken. Dazu trägt auch Alisa Scetinina bei, die hinten auf der Bühne ihre Auftragskomposition aus einem riesigen Pult klingen lässt.

In große, wenn nicht riesige Fußstapfen, ist Matteo Miccini an dem Abend bei seinem Rollendebüt getreten. Sah man das Stück bei der Premiere, konnte man sich kaum vorstellen, wer noch diese derart auf den Ausnahmekünstler Friedemann Vogel kreierte Choreographie tanzen könnte. Der junge Italiener hat jedoch eindrucksvoll gezeigt, wieso er seit Anfang der Spielzeit nun Erster Solist ist. Akkurat in den marionettenartigen Bewegungen am Anfang, spannend als Avatar und überzeugend im befreiten Solo am Ende vermochte Miccini das Publikum fast ebenso zu fesseln wie zuvor Vogel. Verdient Standing Ovations gab es am Ende für den sichtlich berührten Tänzer. Am 30.1 kann man ihn noch ein letztes Mal in der Spielzeit in dem Stück sehen. Dana Marta

 

                                                                                                          Foto: © Stuttgarter Ballett

 

 

 

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