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STUTTGART/ Schauspielhaus/ Ballett: INTERAKTION. Formale und poetische Einheit. Premiere

11.01.2026 | Ballett/Performance

Premiere „Interaktion“ des Stuttgarter Balletts im Schauspielhaus

Formale und poetische Einheit

Premiere „Interaktion“ des Stuttgarter Balletts am 10.Januar 2026 im Schauspielhaus/STUTTGART 

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Friedemann Vogel. „Die Seele am Faden“. Foto: Stuttgarter Ballett

„Interaktion“ bedeutet „Austausch“. In diesem Ballettabend treten Tanz, Musik, Video, Literatur und Technik in einen intensiven Dialog. Der Tanzfilm „Untamed“ und eine Live-Performance im Foyer beleuchten die Geschichte des Waldes in ihren unterschiedlichen Facetten. Es ist verbunden mit der Heilungsgeschichte der Tänzerin Diana Ionescu. Die Live-Performance von Choreograf Martino Semenzato lässt den Wald in geheimnisvoller Weise wieder zusammenwachsen. Der Wald wird so zu einer nie versiegenden Energiequelle, die immer wieder hervorsprudelt. Eine Überraschung ist hierbei die vielschichtige Komposition des israelischen Komponisten Yair Karelic, die manchmal an das Schleifen des Herbstlaubes über dem gefrorenen Boden erinnert. Der suggestiv-hypnotische Charakter dieser Musik fällt besonders auf.  Die raumgreifende Szenografie von „Untamed“ wird von Blau- und Grüntönen dominiert. Das erinnert an die Farbwelt Newmans druckgrafischer Werke. Es ist so, als ob sich der Wald hier vor Verletzungen schützen möchte.

Die Tänzerinnen und Tänzer unterstreichen diesen Aspekt in bewegender Weise. „Oh Dear“ streift tief die Welt Franz Kafkas. Hier werden Emotionen in eigentümlicher Weise freigesetzt. Die Arbeit beleuchtet die schwierige Vater-Sohn-Beziehung und Kafkas Suche nach intensiver Verbindung. Das Motto lautet frei nach Franz Kafka „Ich bin ein Käfig, der einen Vogel sucht“. Inspiriert durch die Erzählung „Die Verwandlung“ und seine zahlreichen Briefe nutzt der Choreograf Fabio Adorisio den Tanz, um alle Formen der Menschlichkeit bei Kafka auszuloten. Die surrealen Momente von Kafkas Werk treten hier grell in Erscheinung. Die acht Episoden von „Oh Dear“ sind inspiriert von den Schlüsselfiguren in Kafkas Leben. Seine beiden Geliebten Milena Jesenska und Felice Bauer treten genauso in Erscheinung wie sein bester Freund Max Brod. Die tiefen Verbindungen dieser Personen zeigen sich auch in allen Nuancen des ausdrucksstarken Tanzes, dessen Intensität nicht nachlässt. So zeigt sich die erstaunliche Komplexität der menschlichen Beziehungen hier immer wieder. Momente der Solidarität und des Vertrauens gehen in starke Spannungen, Konfrontationen und emotionale Turbulenzen über. Dabei stechen die Tänzer Martino Semenzato als Frank Kafka, Lassi Hirvonen als Max Brod, Mizuki Amemiya als Felice Bauer und Vittoria Girelli als Milena Jesenska hervor. Auch die Tropfen werden tänzerisch verkörpert. Hinzu kommt ein hervorragender Edoardo Sartori als die Verwandlung. Die Auftragskomposition von Marc Strobel wird dieser szenischen Entwicklung gut gerecht. Die Musik von Franz Schuberts Fantasie in f-Moll für Klavier zu vier Händen D 940 passt hierzu sehr gut. Die formale und poetische Einheit bleibt dabei gewahrt. Die Themen mit ihren langen und kantablen Passagen entfalten sich ausgiebig. Selbst die stetige Wiederholung des Quartensprunges wird so lebendig! Leidenschaftliche Momente kommen dann bei Frederic Chopins Nocturne in c-Moll op. 48 Nr. 1 für Klavier hinzu. Der in Synkopen stockende Gesang ist hier eine Heldenklage, die das Stuttgarter Ballett ergreifend verkörpert. Das elastisch deklamierende Zeitmaß wird immer wieder präzis getroffen.

Höhepunkt dieses Ballettabends ist aber dann der grandiose Solo-Auftritt von Friedemann Vogel, der in „Die Seele am Faden“ die Verbindung zwischen Autonomie und Ästhetik erkundet. Inspiriert ist diese suggestive Choreografie von Friedemann Vogel und Thomas Lempertz von Heinrich von Kleists essayistischer Erzählung „Über das Marionettentheater“. Hier kommt der erste Tänzer der Stadt zu der kühnen Behauptung, dass die Marionetten den Menschen im Tanz überlegen seien. Die unglaubliche Grazie diese Welttanztheaters verbindet sich dabei mit Johann Sebastian Bachs Konzert für Cembalo, Streicher und Continuo in f-Moll BWV 1056. Schön und elegisch zeigt sich dabei das Largo. Und auch „Four Walls“ von John Cage fügt sich nahtlos in diesen Reigen ein. Das Auf- und Zerbrechen verkrusteter Hörgewohnheiten und die Technik der Zufallsmanipulation treten hervor. Auch „The Art of Loneliness“ von Adrian Berenguer trägt diesem Aspekt Rechnung. Friedemann Vogel demonstriert dabei eine unglaubliche Körperbeherrschung, die seinen Solo-Pirouetten etwas geradezu Magisches verleiht. „Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche, ist schön; und schief und verschroben ist alles, sobald es sich selbst begreift. O der Verstand!“ formuliert Heinrich von Kleist in einem Brief – und diese Worte passen auch zu Friedemann Vogels Auftritt.

Jubel und Ovationen des Publikums!

Alexander Walther

 

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