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STUTTGART/ Schauspielhaus: „AM ENDE LICHT“ von Simon Stephens

18.11.2021 | Theater

„Am Ende Licht“ von Simon Stephens am 17.11.2021 im Schauspielhaus/STUTTGART

Auf ein Zentrum konzentriert

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Sylvana Krappatsch. Foto: Karin Ribbe

Dieses Stück von Simon Stephens konzentriert sich ganz auf die eigentliche Hauptfigur Christine, die von Sylvana Krappatsch sehr vielschichtig dargestellt wird. In einem Supermarkt stirbt diese Frau nachmittags an einer Gehirnblutung. Die Supermarktinstallation fährt dann plötzlich symbolträchtig in die Höhe. Es ist eine Art Himmelfahrt, die dem Zuschauer hier suggeriert wird.

Klaus Rodewald mimt mit vielen Emotionen ihren untreuen Ehemann Bernard, der sich mit zwei jüngeren Frauen im Hotel zum Sex verabredet. Man sieht Christine immer wieder, die als Verstorbene oder in Rückblenden manchmal wie in Trance auf der Bühne erscheint, die den Blick auf desolate gesellschaftliche Situationen freigibt. Silvia Merlo und Ulf Stengl haben die Bühne dabei sehr weiträumig gestaltet, auf der viele große Kugeln zu sehen sind, die an ein Boccia-Spiel erinnern. Und auch die Kostüme von Lydia Kirchleitner passen sich dem Ambiente an. Mit seiner Geliebten Michaela (Marietta Meguid) und deren Freundin Emma (Therese Dörr) kann sich Bernard trotzdem nicht so richtig vergnügen, weil er seine psychischen Probleme nicht in den Griff bekommt.

Das kommt in der Inszenierung von Elmar Goerden plastisch zum Vorschein. Die von Katharina Hauter wandlungsfähig verkörperte Tochter Jess verliebt sich als genervte Volksschullehrerin in ihren One-Night-Stand Michael (mit seiner Tollpatschigkeit vergnüglich: Sebastian Röhrle), der der ganzen Situation recht hilflos gegenübersteht und eigentlich nicht genau weiß, was er wirklich will. Nina Siewert als Christines zweite Tochter Ashe bietet hier eine packende darstellerische Leistung. Ihr tragischer Streit mit dem drogenabhängigen „Junkie“ Joe (fast in Panik: Peer Oscar Musinowski) um die Unterhaltszahlungen für das gemeinsame Kind gipfelt in einem knallharten Rausschmiss, der die Handlung nochmals auf den Kopf stellt: „Geh!“

So eskalieren die kaputten Beziehungen in diesem Stück immer weiter, was Elmar Goerden in einem riesigen dramaturgischen Spannungsbogen gut verdeutlicht.  Jannik Mühlenweg spielt Christines Sohn Steven, der sich ohne Engagement durch sein Jurastudium quält und um seinen Freund Andy (Marco Massafra) verzweifelt kämpft. Doch auch hier scheinen die Protagonisten Betonwände zu trennen. Sie können die Grenzen nicht überwinden.

Der britische Autor Simon Stephens erzählt die dramatische Geschichte einer modernen Familie, die ihr Leben nicht in den Griff bekommt. Die Eltern sind sich fremd geworden und gehen nicht mehr aufeinander zu. Klaus Rodewald bekommt als total überforderter Vater Bernard ständig Weinkrämpfe und Nervenzusammenbrüche. Christine selbst scheint sich zuletzt in die Figuren Claudie, Andrea und Victoria aufzuspalten, die ebenfalls von Sylvana Krappatsch verkörpert werden. Alle versammeln sich zu Christines Beerdigung. Und die existenziellen Krisen der Kinder scheinen sich noch zu verstärken. Es gelingt Elmar Goerden überzeugend, den kurzen, nebeneinanderlaufenden Szenen eine innere Struktur und einen deutlichen Zusammenhang zu geben. Bernard fährt sogar mit einem Auto auf die Bühne, um dann schreiend herauszuspringen, was allerdings aufgesetzt wirkt. Klar wird in jedem Fall, dass Christines Mutterliebe für ihre Kinder offensichtlich nicht ausgereicht hat. Simon Stephens Stück „Am Ende Licht“ ist eigentlich aufgrund der Brexit-Krise entstanden. Ihn interessiert als Autor insbesondere die menschliche Fähigkeit zur Grausamkeit, was Elmar Goerdens subtile Inszenierung durchaus unterstreicht. Freundlichkeit und Menschlichkeit sind Misstrauen und Spott gewichen. Das tut auch dem Zuschauer weh. Die Suche nach Freundlichkeit und Menschlichkeit möchte dieses Stück aber fortsetzen. Und auch die Inszenierung gibt darauf eine Antwort.

Alexander Walther

 

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