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STUTTGART/ Schauspielhaus: A STORY FOR HOLLYWOOD mit dem Nowy Teatr Warschau

08.04.2022 | Theater

„Odyssey. A Story for Hollywood“ mit dem Nowy Teatr Warschau am 7.4.2022 im Schauspielhaus/STUTTGART

Philosophie im Schwarzwald

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Foto: Magda Hueckel

Es geht in dieser Inszenierung von Krzysztof Warlikowski um die Protagonistin Izolda, eine polnische Jüdin. Der Kampf um die Rettung ihres Mannes während des  Krieges stellt sie vor gewaltige Herausforderungen. Die Belagerung von Troja wird hier mit der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs in Verbindung gebracht.

Daraus bezieht auch diese Inszenierung ihre elektrisierende Spannung. Das Publikum wird nicht nur per Telefon in den Hades entführt, begegnet  Pallas Athene, dem heimkehrenden Odysseus (der den Kampf mit dem Zyklopen längst gewonnen hat) sowie der Heiligen Mutter Maria, die Izolda immer wieder beschützt. Jetzt haben selbst die Götter den Glauben an eine glückliche Rückkehr verloren. Homer erzählte die Triumphe des Odysseus in vierundzwanzig genialen Gesängen. Und die 1935 geborene polnische Autorin Hanna Krall verarbeitet die Geschichte von Izolda, die davon träumt, dass ihr Leben mit der großen Schauspielerin Elizabeth Taylor erfolgreich verfilmt werden kann. Diese Szenen gehören zu den Höhepunkten der Inszenierung. Man sieht Elizabeth Taylor hier in Filmszenen mit Richard Burton auf der Videoleinwand. Eine gewisse Ironie fehlt auch der Begegnung von Hannah Arendt mit dem Philosophen  Martin Heidegger im Schwarzwald nicht. Beide werden dabei von einem Chinesen herausgefordert, der sich mit ihnen fotografieren lassen möchte. Im Hintergrund sieht man Heideggers berühmte Hütte. Philosophie im Schwanzwald erhält dadurch eine ganz neue Komponente. Existenzielle Konflike brechen bei diesen Figurenkonstellationen wie von selbst auf – es geht vor allem um Martin Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus. Dazu hört man Klänge aus Ludwig van Beethovens sechster Sinfonie „Pastorale“. Ergriffen schildert Heidegger aber auch seine Begegnung mit dem jüdischen Dichter Paul Celan und muss sich schließlich übergeben. Der Philosoph steigert sich zuletzt in eine exaltierte Rede hinein. Ein heftiges Gewitter begleitet diese Szene. Und Hegels „Phänomenologie des Geistes“ weht durch das Schauspielhaus. Das ist dramaturgisch glänzend gemacht. Das „Sein“ in Heideggers „Existentialphilosophie“ scheint sogar mit Shakespeares „Hamlet“ zu korrespondieren. Zugleich spukt König Richard III. herum. Und es gibt in Hollywood Ärger um ein misslungenes Drehbuch. Hanna Kralls Arbeit „Der gewonnene Krieg der Izolda R.“ wird von Izolda selbst nicht akzeptiert, der Text ist ihr zu belanglos. Sie macht der Autorin Vorwürfe, fühlt sich missverstanden. Der alte Odysseus weist die verführerische und sehr erotische Calypso, die ihm Unsterblichkeit schenken will,  schließlich zurück. Und Claude Lanzmann hält einen Vortrag über den Begriff der dokumentarischen  Fiktion. Hanna Krall vertritt die Ansicht, dass sich der Holocaust allgemein für eine filmische Darstellung nicht eigne. Eine Ausnahme bilde hier „Der Pianist“ von Roman Polanski. Die Magie und Scheinwelt des Theaters lebt in dieser interessanten Inszenierung von Warlikowski aber voll auf. Musik aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ korrespondiert hier mit der suggestiven Welt des „Eros“, dem Naturzauber des Schwarzwalds oder den tristen Erfahrungen,  die die Jüdin Izolda mit einem klavierspielenden Nationalsozialisten macht. Bühne und Kostüme von Malgorzata Szczesniak  sowie Video und Animation von Kamil Polak treffen hier  ganz unmittelbar den dramatischen Kern des Geschehens. Die Welt wirkt immer wieder wie ein großes Gefängnis mit riesigen Gitterstäben, aus dem sich die Menschen nicht befreien können. Ein nackter Mann schiebt das Gerüst weiter nach vorne, doch es kommt immer wieder zurück.

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Foto: Magda Hueckel

Die Darsteller Claude Bardouil, Mariusz Bonaszewski, Stanislaw Brudny, Magdalena Cielecka, Ewa Dalkowska, Roman Gancarczyk, Bartosz Gelner, Malgorzata Hajewska-Krzysztofik, Jadwiga Jankowska-Cieslak, Wojciech Kalarus, Marek Kalita, Hiroaki Murakami, Maja Ostaszewska, Jasmina Polak, Piotr Polak und Jacek Poniedzialek bieten dabei  ergreifendes Welttheater, wie man es in dieser Eindringlichkeit nur selten zu sehen bekommt. Zuletzt erscheint bei einem Ehepaar ein böser Geist im Schneesturm. Man kann diese Szene nicht vergessen, sie erinnert irgendwie an Dostojewskij. Die Frau sticht ihrem Gast beim Essen eine Gabel in den Rücken. Dieser lebt einfach weiter, als ob nichts geschehen wäre und verlässt das Paar – jüdische Weisen singend.

Auch die Videosequenzen mit Maja Komorowska und Krystyna Zachwatowicz-Wajda brennen sich tief  ins Gedächtnis ein (Musik: Pawel Mykietyn). Nachdem Claude Lanzmann über Spielbergs Film „Schindlers Liste“ nachgedacht hat, lautet das Motto: „“Nein, Israel ist keine Erlösung vom Holocaust.“ Die Moderatorin Barbara Walters interviewt schließlich Elizabeth Taylor im Krankenhaus, die sich gerade von einer Tumoroperation erholt. Auch in dieser Szene blitzt hintergründiger Humor auf. Zu Tremolo-Sequenzen erscheint eine Teufelsfigur aus dem  Hades. Das Motto des Abends „Die Menschen schaffen sich ihre Hölle selbst“ wird dabei konsequent umgesetzt.

Großer Jubel, Standing Ovations für diese Koproduktion mit Comedie Clermont-Ferrand, Athens and Epidaurus Festival, Athens sowie La Colline – theatre national, Paris und Printemps des Comediens, Montpellier.

Alexander Walther

 

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