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STUTTGART/ Schauspiel Nord: „FAHRENHEIT 451“ nach dem Roman von Ray Bradbury

30.01.2018 | Theater

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Laura Eichten. Copyright: Björn Klein

STUTTGART: „Fahrenheit 451“ nach dem Roman von Ray Bradbury im Schauspiel Nord Stuttgart am 29.1.2018

ES FOLGT DIE BÜCHERVERBRENNUNG

Es ist nie zu spät für eine glückliche Vergangenheit„, meint auch der Feuerwehrmann Guy Montag. 451 Grad Fahrenheit ist die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt und verbrennt. In Ray Bradburys Vision für die Zukunft frei nach George Orwell zerstört die Feuerwehr die Bücher als letzte Zeugnisse der Vergangenheit. Weiß gekleidete Figuren bewegen sich wie in Trance, vor dem mit Holzscheiten und Ascheresten besetzten Haus gehen die Flammenwerfer auf. Und die Zuschauer sitzen mit Kopfhörern im Saal. Jeder Gedanke und jeder Tote wird eingeäschert und vergessen. Diese Geschichte einer sauberen Welt ist gleichzeitig auch ein Plädoyer für das Erinnern. Es kommt zu schnittartigen Brüchen, einmal heulen Sirenen auf, es verbreitet sich Endzeitstimmung.

In der Regie von Wilke Weermann (Bühne: Johanna Stenzel; Kostüm: Clara Nothdurft; Sounddesign: Jonas Grundner-Culemann; musikalische Mitarbeit: Torsten Knoll) agieren die Darsteller Lea Beie, Laura Eichten, Jonas Grundner-Culemann und Dominik Weber mit erstaunlicher Emotionslosigkeit. Nur zuweilen werden neue Regungen geweckt. „Lass uns um Himmels Willen über lebende Menschen sprechen!“ lautet die Forderung. „Verbrennen Sie am Ende auch Menschen?“ folgt dann als bange rhetorische Frage. Und draußen im Foyer gibt es zu dieser Inszenierung die interaktive Installation „Nukepop by Waagemut“ von Dirk Handreke. Hier wird durch gemeinsames Betreten einer runden weißen Plattform die Volksdroge „Nukepop“ produziert. Diese Plattform wird in Fahrenheit’s Dystopie von einem totalitären Staat instrumentalisiert, um während des Weltuntergangs keine Langeweile aufkommen zu lassen. Süßer Duft und radioaktive Klänge begleiten diese kulinarische Popcorn-Zeremonie. Die runde weiße Plattform ist auch gleichzeitig ein modularer Musik-Controller mit einer großen Waage namens „Waagemut“. Konstellationen und Klang sollen hier Menschen auf engem Raum zusammenbringen. Je mehr Gewicht auf die Plattform kommt, desto intensiver wird das Erlebnis. Drinnen im Saal verbreitet sich ebenfalls eine seltsame Untergangsstimmung in einer Gesellschaft, die plötzlich alles wegwirft. Man will ganz bewusst nicht zurückschauen – aber man erinnert sich irgendwie doch.

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Copyright: Björn Klein

Die Zuschauer werden allerdings aufgefordert, keinerlei Zusammenhänge dieses Abends auf ihren Alltag anzuwenden. Der „Rätselspaß“ mit Mildreds Fernsehwand hat also enge Grenzen. Alles in dieser Inszenierung soll in weichen, glatten Zusammenhängen fließen, was allerdings nicht immer richtig deutlich wird. Zuletzt versinkt der gesamte Beleuchtungsapparat in tiefster Dunkelheit: „Stille senkte sich herab wie Staubgeriesel…“ Das Stück will mit dieser letzten Feststellung ein offenes Rätsel bleiben. Das Lebenstempo wird hier trotz zeitweiser Beschleunigung in abrupter Weise gestoppt. Und man bemitleidet schließlich „die arme Familie“, die in diesen Strudel des Unbewussten und Mysteriösen hineingezogen wurde. Auf der drehbaren Bühne werden auch die Innenräume des seltsamen Hauses mit seinen Blumenkränzen und eckigen Fenstern deutlich. „Verbrenne sie alle!“ fordern die Protagonisten ultimativ. Und: „Der Tratsch verdirbt die Menschen, beeinträchtigt die Arbeitsqualität und schadet dem Betriebsklima“. Man will unbedingt vergessen, was einen unglücklich machte (Regieassistenz: Franziska Benack; Bühnenbild- und Kostümassistenz: Lynn Scheidweiler). Der Besitz von Büchern verursacht panische Angst. Stellenweise hätte man diese Gegensätze auch noch deutlicher herausarbeiten können. Optisch ist das Stück dennoch recht beeindruckend. Mit der Produktion von „Fahrenheit 451“ setzen die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg und das Schauspiel Stuttgart ihre Zusammenarbeit fort.

Alexander Walther