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STUTTGART/ Rotebühlplatz: TRISTAN, ISOLDE UND PETITCRU „Body-Opera als Tanztheaterprojekt

09.09.2022 | Ballett/Tanz

DRAMATIK UND KOMISCHE SITUATIONEN

Premiere der Body-Opera „Tristan, Isolde und Petitcru“ als Tanztheaterprojekt im Treffpunkt Rotebühlplatz am 8. September 2022/STUTTGART

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Copyright: Marco Grisafi/ Tanztheater Katja Erdmann-Rajski

Die Stuttgarter Choreografin Katja Erdmann-Rajski bringt Richard Wagner mit Hunden in Verbindung. Dies ist durchaus folgerichtig, weil der Komponist ein großer Hundefreund war. Sie hat den Hund in einem alten Versepos entdeckt, der mit einem Zauberglöckchen Isolde über die Abwesenheit Tristans hinwegtrösten soll. Die Rauhaardackel ihrer Schwester hätten sie dazu inspiriert, Hunde in ihre Body-Opera zu integrieren. Sie lagen wie ein Liesbespaar auf dem Sofa. In dieser Produktion, bei der die drei Akte der Oper „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner sehr verkürzt in nur 33 Minuten wiedergegeben werden, spielt Katja Erdmann-Rajski die beiden Hunde per Film ein. Alle sollen hier voneinander lernen. Und es wird auch klar, dass Wagner bei der Komposition seiner Opern wohl stärker von Hunden inspiriert wurde als bisher angenommen. Die Tänzerinnen und Tänzer lassen dies jedenfalls deutlich werden. Spiegelbilder reflektieren hier in differenzierter Weise Sinn und Sinnlichkeit des tanzenden Blicks. Dabei tanzen bei der Aufführung vier Profis und acht Tanzinteressierte. Zusammen mit den Hunden Babsie und Fiete kommt es vor allem im hochdramatischen dritten „Tristan“-Akt zu absurd-komischen Situationen, die eine Tänzerin zuvor schon durch exzessives Lachen andeutet. In drei verschiedenen Versionen laufen diese subtil verkürzten „Tristan“-Akte dann ab. Der antike Mythos von Narziss wird ebenso tänzerisch thematisiert. Das „Tristan“-Vorspiel erklingt mit der Staatskapelle Dresden unter der mitreissenden Leitung von Carlos Kleiber voller Emphase.

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Copyright: Marco Grisafi

Unerfüllte Sehnsucht wird vor allem bei der ersten Version von den vier Tänzerinnen ausdrucksstark verkörpert – und das Liebesthema entfaltet sich wie von selbst. Es ist eine Sehnsucht, die immer neu aufflammt und deren tänzerische Intensität sich ständig verstärkt. Alles sinkt zurück in das zaghaft werbende Motiv des Anfangs. Das ist vor allem visuell reizvoll. In großen Bögen erklingt zuletzt die Melodie des Schlussgesangs, wobei der romantische Unendlichkeitsdrang wieder triumphiert. Mit zahlreichen chromatischen Verzierungen werden die vier Halbtonschritte des Liebesmotivs wirkungsvoll nachgezeichnet. Den Hauptteil dieser Aufführung nimmt der zweite Akt ein, wo die Tänzerinnen im Blick auf das Gegenüber die Differenz zwischen Ich und Du ausloten.  Dem Usprung des erotischen Begehrens wird so auf den Grund gegangen. Ebenso abwechslungsreich werden Dramatik und komische Situationen gestaltet. In der eingespielten Aufnahme mit Margaret Price, Rene Kollo und der Staatskapelle Dresden unter Carlos Kleiber kommen auch die leidenschaftlichen dynamischen Steigerungen gut zur Geltung. In der zweiten Version dominieren Familienszenen, wo Wagner in den profanen Alltag zurückgeholt wird. Löffel werden hier zu Körperrequisiten. Alles wird wild durcheinandergeschleudert. Aus Chaos entsteht etwas Neues.

Der dritte Akt geht der Frage nach, ob man die Bewegungen des Spiegelbilds hörend erahnen und imitieren kann. Das Hundemotiv hat Katja Erdmann-Rajski aus Gottfried von Straßburgs mittelalterlichem Epos „Tristan“ entliehen. Der Zauberhund Petitcru wird im doppelten Sinn mit den Rauhaardackeln Babsie und Fiete per Video ins Bühnenbild integriert. Die Tänzer versuchen hier, sich fragmentarisch die Bewegungen der Hunde anzueignen. Dies führt auch zu einer völlig neuen Sicht des gesamten Werkes. Babsie und Fiete schließen bei Wagners „Tristan“ die Augen oder recken den Kopf – so meditieren sie auf ihre Art.

Manche Frage bleibt bei dieser ungewöhnlichen Produktion zwar offen – doch insgesamt kann das Konzept durchaus überzeugen. Das Publikum spendete jedenfalls viele „Bravo“-Rufe.

Alexander Walther

 

 

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