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STUTTGART: „RESPONSE I“ – Ein Balletterlebnis     

28.07.2020 | Ballett/Tanz

STUTTGART: „RESPONSE I“ 26.07.2020 abends – Ein Balletterlebnis     

 Auf der Jahrespressekonferenz zur Spielzeit 2020 / 2021 erzählte der Intendant des Stuttgarter Balletts Tamas Detrich auf berührende Weise und mit viel Enthusiasmus, trotz der für die Stuttgarter Staatstheater extrem schwierigen Zeiten, wie er „from necessity to opportunity“, die Notwendigkeit in Chance umwandelte, um dem Publikum und den Tänzern noch zum Ende der Spielzeit drei Ballettvorstellungen zeigen zu können, „against all odds“, auf Deutsch gegen jede Wette, könnte man ergänzen, denn tatsächlich ist dieses Kunststück in der Krisenzeit vermutlich keiner anderen Ballettcompagnie der Welt gelungen, weshalb sich Detrich am Premierenabend als „glücklichsten Ballettintendanten der Welt“ bezeichnete. Gelungen ist das durch das unermüdliche Engagement Detrichs und der gesamten Compagnie und es ist auch dem zu verdanken, dass hier seit jeher kontinuierliche Nachwuchsarbeit geleistet wird und man somit auch auf junge Choreographen aus dem eigenen Hause zurückgreifen und diese kurzfristig für drei neue Stücke gewinnen konnte, welche den aktuellen strengen Hygiene- und Abstandsregeln nicht nur entsprechen sondern auch unter diesen entstehen mussten. Zehn Mal am Tag wurde trainiert, damit auch alle Tänzer wieder tanzen können. Leider war es natürlich nicht möglich, alle während der beiden Tage, an denen die drei Vorstellungen stattgefunden haben, auf der Bühne zu zeigen, doch auch dies gehört zu „Response I“, der Antwort des Stuttgarter Balletts auf die aktuelle Situation und die Fortsetzung ist bereits für die neue Spielzeit ab dem Herbst geplant.

249 Zuseher konnten am Sonntagabend die zweite Besetzung der Vorstellung „Response I“ sehen, die den Untertitel „Something old, something new, something classic, something blue“ trägt. Persönlich durch die Platzanweiser zum eigenen Platz begleitet zu werden, leere Reihen davor und dahinter sowie etliche freie Plätze links und rechts, konnten fast das Gefühl eines VIP Zusehers vermitteln und vergessen lassen, wieso das alles so ablaufen musste.   

Der Abend wurde mit einer ersten Uraufführung eröffnet, „Petals“ des Halbsolisten Louis Stiens. „Ich sitze auf einem Meer aus Blütenblättern und lächle beim Weinen“ schreibt der junge Choreograph im Programm dazu, wenn auch diese Botschaft sich in seiner Choreographie kaum erkennen lässt. Tänzerinnen und Tänzer die mit einem Stuhl anstatt eines Partners tanzen, sind Stiens‘ musikalische und in Teilen durchaus unterhaltsame, jedoch zu lang ausgeartete Antwort auf die neuen Tanzbedingungen. Ulkig ebenso wie Machtspiele anstiftend ist da Elisa Ghisalberti, auf die Satchel Tanner eher berührend-versöhnlich wirkt, während Rocio Aleman und Alessandro Giaquinto die Rolle des dunklen Paares im Hintergrund einnehmen. Drei Sonaten von Domenico Scarlatti und eine von Francois Couperin werden von Alastair Bannerman am Klavier im Orchestergraben stimmig begleitet.

In dem einzigen Stück, das an dem Abend auf Spitze getanzt wird, berührt Ami Morita als „Der Sterbende Schwan“ in Michel Fokines Choreographie, melancholisch ebenso wie würdevoll, mit Armen, die das Flattern von Flügeln erahnen lassen. Ebenso berührend interpretierten am Klavier Valery Laenko und am Cello Guillaume Artus die Musik von Camille Saint-Saëns. Eine schöne Abschiedsvorstellung für Ami Morita, die nun die Compagnie verlässt und ihre Karriere in Estland fortsetzen wird.


Ami Morita berührend als „Der Sterbende Schwan“ von Michel Fokine: Foto: Stuttgarter Ballett

Mit Fabio Adorisio wurde ein zweiter Halbsolist mit einer Uraufführung für den Abend beauftragt und „Empty Hands“ (dt.: „leere Hände“) will seine Sicht der Erschütterung, die die letzten Monate bewirkt haben, ausdrücken. Entsprechend oft wiederholt die Choreographie für fünf Tänzer den Blick in die leeren Hände, vor dem Gesicht, oder die einfache Geste des Schüttelns der Hände. Noan Alves animalisch-katzenartige Bewegungen vor allem in seinem Solo fallen da besonders auf, ebenso Veronika Verterichs bodennahen Verrenkungen mit Blicken ins Leere. Ebenfalls auf der Bühne, im hinteren Bereich, spielten einige Musiker des Staatsorchesters Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz das Stück „Lachrymae“ von Bryce Dessner, mit Violinen-Solo interpretiert von Jewgeni Schuk

Was man mit lediglich drei Tänzer und einem kurzen Stück für eine Stimmung zaubern kann bewies „Solo“ vom holländischen Altmeister Hans van Manen, mit spritziger Choreographie, vielen bogenförmigen Armbewegungen aller Art, Drehungen und Sprüngen in rasantem Tempo, die allesamt Freude am Leben ausdrücken. Spitzbübisch und voller Esprit überzeugen dabei die Halbsolisten Matteo Miccini und Fabio Adorisio ebenso wie der Erste Solist Adhonay Soares da Silva, auf Bachs Partita für Solovioline Nr. 1.

Die dritte Uraufführung des Abends „Everybody Needs Some/Body“ des vielfältigen Ersten Solisten (der auch als Fotograf tätig ist) Roman Novitzky gibt vermutlich am besten die aktuelle Krisensituation und ihre Auswirkungen wieder: „Ohne Kontakt zu anderen kann man sich zwar Ersatz schaffen, der sich wie Nähen anfühlt, doch nichts ersetzt echte Menschen und Körper, die sich bewegen, interagieren, miteinander tanzen“ schreibt der Choreograph dazu im Programm. Großteils aus Tänzer bestehend, die mit Kleiderpuppenbüste tanzen, übermittelt Novitzky so seine Botschaft unmissverständlich, auf Antonio Vivaldis „Winter“ und „Frühling“ aus „Die vier Jahreszeiten“, neukomponiert von Max Richter, eindrucksvoll begleitet von Streicher des Staatsorchesters Stuttgart, Solo Violine erneut von Jewgeni Schuk.

Starke Soli vor allem der Herren (Christopher Kunzelmann mit berührender Verzweiflung, Henrik Erikson dafür kraftvoll und mutig, Christian Pforr mit suchender Note dazwischen) begleiten die mahnenden Damen Aurora de Mori, Daiana Ruiz und Diana Ionescu. Letztere berührte dabei ganz besonders im einzigen Pas de deux des Abends mit Christopher Kunzelmann: stehend in den Schoss springend, zärtlich die Gesichter berührend, aufeinander kniend um leidenschaftlich übereinander zu fallen – all das ist eben nur mit anderen zusammen möglich, die Botschaft des Stückes wird hier zweifellos am Deutlichsten.   


Zärtlichkeit und Leidenschaft: Diana Ionescu und Christopher Kunzelmann in “Everybody Needs Some/Body” von Roman Novitzky          Foto: Stuttgarter Ballett

 Die Pause, die für die Bühnenvorbereitung des letzten Stückes benötigt war (die Vorstellung fand aufgrund der Hygiene- und Abstandsregelnd ohne Pause für das Publikum statt) wurde ebenso kreativ wie voller Botschaften genützt, wie das gesamte Programm des Abends: vorne auf der Bühne wurde das Video #westayhome (zu sehen auch auf dem YouTube Kanal des Stuttgarter Balletts), das Szenen aus der häuslichen Isolation, in die sich die Compagnie aufgrund der Erkrankung einiger Mitglieder mit Covid-19 begeben mussten, zeigt, auf einer Großleinwand projiziert. Das Video, stimmungsvoll zusammengestellt von Fabio Adorisio, gibt Einblicke in den Alltag der Tänzer, bis sie Ende April endlich wieder den Ballettsaal betreten durften. Vom online Unterricht der Ballettmeister, dem im Wohnzimmer, Küche oder anderen häuslichen Räumen gefolgt wurde, über lustige Inszenierungen, angelehnt an bekannte Handlungsballette bis zum Abseilen von Toilettenpapier von einem Balkon zum anderen ist im Schnelldurchlauf alles dabei.    

 Der mit Spannung erwartete Höhepunkt des Abends kam natürlich zum Schluss und zumindest dieses Stück konnte, ebenso wie das „Solo“ von van Manen, aus den ausgefallenen Ballettabenden doch noch aufgeführt werden: „Boléro“ von Maurice Béjart, in einer den Umständen entsprechend adaptierten Version, mit lediglich acht Tänzern um den magischen roten Tisch. Darauf feuerte ein höchst konzentrierter Jason Reilly, in dem sich ständig steigernden Rhythmus von Maurice Ravels gleichnamigen Stückes, diese an. Nicht ganz an das Feuer und die Kraft vergangener Vorstellungen ankommend war es dennoch der krönende Abschluss des Abends und der Spielzeit, belohnt durch Standing Ovations vom Publikum,  dessen Applaus kaum von dem eines vollen Hauses zu unterscheiden war, sei es durch die somit auch veränderte Akustik im Saal, oder den überaus begeisterten Zusehern, die in den Genuss dieses besonderen Balletterlebnisses kamen.


Sprung die die Ekstase: Jason Reilly in Maurice Béjarts „Boléro“. Foto: Stuttgarter Ballett            

Unausgesprochen kann dieses Balletterlebnis – bzw. alle drei Vorstellungen zum Spielzeitabschluss – sicher nicht nur allen Mitwirkenden gewidmet werden, sondern auch denen, die aufgrund der aktuellen Einschränkungen nicht mitwirken oder auf die Bühne konnten, jedoch ebenso wichtig für die Compagnie, das Stuttgarter Ballett, sind, wie die, die an diesem Wochenende spürbar glücklich die Möglichkeit hatten, sich wieder dem Publikum zu zeigen, es zu inspirieren und zu berühren und somit den Sinn ihrer Kunst wieder zu erfüllen.               

Dana Marta

 

 

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