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STUTTGART/ Opernhhaus: Ballett „HÖHEPUNKTE“ mit gigantischem Finale

25.07.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„HÖHEPUNKTE“ 23.7.2021 – mit gigantischem Finale

Durch ein Kommunikations-Missgeschick konnte die aufgrund des Sturm-/Wasserschadens am Opernhaus um drei Tage verschobene Premiere dieses Programms am 3. Juli nicht besucht werden, weshalb es nun verspätet sozusagen als zweite gesehene Besetzung zu einer Würdigung kommt.

Dass hier mit einer Ausnahme von einer keineswegs  die Alternative überragenden Personalie die Rede ist, die Auswahl für die Premiere also durchaus schwer gefallen sein dürfte, zeugt von der bis in die Gruppe hinein reichenden hohen Qualität des gesamten Ballett-Ensembles.

Die unergründlich ohne Zwischenapplaus durchgespielten beiden Jiri Kylian-Choreographien „FALLING ANGELS“ und „PETITE MORT“ (dafür sind sie allein schon musikalisch zwischen Trommel-Percussion und langsamen Mozart-Klavierkonzertsätzen zu divergierend) rücken die Gruppe mit einzelnen kurz ausbrechenden Soli bzw. aufgesplittet in sechs Paare ins Rampenlicht. In ersterem mit den sich in wechselnden Lichtflecken synchron als Gemeinschaft bewegenden acht Frauen, die allesamt versuchen für einen Moment eigenständig ihre Individualität hervor zu kehren, ist niemand besonders hervor zu heben. Elisa Ghisalberti, Jessica Fyfe, Veronika Verterich, Anouk van der Weijde, Daiana Ruiz, Aiara Iturrioz Rico, Fernanda Lopes und Paula Rezende gelingt es vielmehr eine totale Einheit zu bilden und so die einzelnen Ausgliederungs-Anwandlungen stark kontrastierend abzugrenzen. Die vier vorzüglich einen Sog sich rhythmisch voneinander abhebender und letztlich doch zusammen haltender Schläge aufbauenden Percussionisten Thomas Höfs, Philippe Ohl, Jürgen Spitschka und Marc Strobel seien hier verdientermaßen mal einzeln genannt.

In dem jetzt erst Eingang ins Stuttgarter Repertoire gefundenen zweiten Stück mit seiner etwas herben Sinnlichkeit und symbolreich eingeflochtenen Degen als spielerischer Sinngebung erprobten jetzt Rocio Aleman + David Moore, Agnes Su + Fabio Adorisio, Elisa Badenes + Jason Reilly, Anna Osadcenko + Marti Fernandez Paixa, Vittoria Girelli + Louis Stiens sowie Aurora De Mori + Matteo Miccini ihre partnerschaftlichen Fähigkeiten. Es darf als positiv betrachtet werden, wenn sich alle auf einem einheitlichen Niveau bewegen, allenfalls kann letzteres und das zweit genannte Paar durch eine spürbar besondere Chemie und dadurch intensivierte Ausstrahlung hervor gehoben werden.

Mozarts poesievolle Klavierparts entfaltet diesmal Alexander Reitenbach mit unaffektiertem Gespür.

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Le Jeune Homme et la Mort, Ciro Ernesto Mansilla, Hyo-Jung Kang. Foto: Stuttgarter Ballett

Bei Roland Petits „LE JEUNE HOMME ET LA MORT“ ist es wieder Jörg Halubek, der Bachs Passacaglia und Fuge in c-moll in aller Klarheit und Konsequenz von verhaltenem Beginn bis zum breiten Strömen aufbaut und der Handlung eine kongruente Linie gibt. Der junge Mann in der Pariser Mansarde ist Ciro Ernesto Mansilla wie auf den Leib geschneidert, weil er die exaltierten Züge dieser existenzialistischen Geschichte ein Stück weit in sich trägt, sich mit ihr identifiziert und nur wenig an schauspielerischer Formung extra dazu geben muss. Den Blick teilweise wie nach innen gerichtet, verstört, dann wieder kurz hoffnungsvoll leuchtend – dazu eine gewisse Wildheit und Risikobereitschaft bei allen unkonventionellen Sprung-Formen rund um einen Tisch und einen Stuhl – Halt und Abstoßung zugleich.

Auf seine Partnerin – den Tod in Gestalt einer Frau in gelbem Kleid sowie schwarzer Perücke und Handschuhen – geht er allerdings weniger ein, so dass Hyo-Jung Kang mehr auf sich selbst gestellt ist, aber in einer speziellen Mischung aus raffinierter Verführung und asiatisch geprägter Tabu-Grenze ihre Funktion genau auf den Punkt bringt.

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„Bolero“. Friedemann Vogel. Foto: Stuttgarter Ballett

Der „BOLERO“ von Maurice Béjart kann nur am Ende eines Programms stehen, weil er kaum mehr getoppt werden kann, schon gar nicht, wenn wie an diesem Abend der unvergleichliche Friedemann Vogel auf dem roten Tisch im Einsatz ist. Obwohl schon mehrfach gesehen, sind jedes Mal wieder neue kleine Nuancen zu erkennen, die seine Interpretation so fesselnd machen. Das beginnt alleine schon bei den Händen, die in der ersten Minute nur mit einem Scheinwerfer-Verfolger sichtbar werden und sich am Körper entlang nach oben arbeiten. Mit zunehmendem Alter erzielt der langjährige Erste Solist und international führende deutsche Tänzer eine noch mehr Staunen machende Gelöstheit und Leichtigkeit der Bewegungen, die in keinem Moment Ecken bekommen, vielmehr immer rund, geschmeidig und fließend bleiben. Wo anderen nach ein paar Minuten die Konzentration und Anstrengung in einer angespannteren Miene anzusehen ist, bleibt Vogel total locker, hält den Rhythmus mit den beständig auf- und abwiegenden Beinen aufrecht und vermittelt das totale Aufgehen in der sich immer mehr aufschichtenden Variierung der melodischen Keimzelle. So bedarf er im Prinzip gar keiner Energie-Abgabe und Animation durch die 18köpfige Männergruppe, die nach und nach um ihn herum mit ihren Körpern den Takt aufgreifen und vervielfältigen.

Endlich war an diesem Abend wieder das komplette Orchester im Graben zugelassen, so dass das Live-Erlebnis gegenüber den vorigen Einspielungen vom Band umso größer wurde. Mikhail Agrest forderte das Staatsorchester Stuttgart denn auch mit aller Lust zu einer zupackenden Wiedergabe heraus, ließ die letzten über einander stürzenden Tutti-Schläge mit einer Urkraft ausbrechen, die Vogels Intensität entspricht.

Wenn sich der Kammertänzer dem viele Vorhänge währenden tobenden Applaus mit Gesten der Dankbarkeit und des tiefen Glücks stellt, ist das ein Zeichen mehr, in welch seltener Form hinter diesem Weltstar auch ein so bewundernswert normaler Mensch steht.

In der nächsten Saison wird er zum Glück die Gelegenheit haben, weitere nicht nur „Bolero“-Sternstunden zu bescheren. Wir freuen uns jetzt schon darauf!

                                                                                                                      Udo Klebes

 

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