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STUTTGART/ Opernhaus: NEUJAHRSKONZERT (Milhaud, Gershwin, Bernstein, Strawinsky)

Mit spontaner Modänität)

02.01.2019 | Konzert/Liederabende

Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 1. Januar 2019 im Opernhaus/STUTTGART

Neujahrskonzert im Opernhaus Stuttgart: MIT ELEGANTER MONDÄNITÄT

Die Grotesk-Satire „Le boeuf sur le toit“ („Der Ochse auf dem Dach“) op. 58 von Darius Milhaud stand am Beginn dieses abwechslungsreichen Neujahrskonzerts mit Dennis Russell Davies, dem früheren Stuttgarter Generalmusikdirektor von 1980 bis 1987. Den chaplinesken Witz arbeitete er mit dem sehr gut disponierten Staatsorchester Stuttgart überzeugend heraus. Dass Milhaud ein Meister frei einsetzender Nebenstimmen, bitonaler Wendungen und differenziert-raffinierter Rhythmen ist, machte das Staatsorchester unter Dennis Russell Davies facettenreich deutlich. Schillernde Klangfarben befeuerten hier immer wieder das harmonische Gefüge, dessen ständiger Wechsel der Orchesterfarben deutlich hervorstach. Saudades, Maxixes und Fados meldeten sich hier in spritziger Rondoform. Brasilianisches Flair heizte die explosive Stimmung bei dieser gelungenen Wiedergabe zusätzlich an. Mit viel Feuer interpretierte das Staatsorchester dann George Gershwins opulente Tondichtung „An American in Paris“, dessen klangliche Kuriositäten geradezu aufblühten. Dennis Russell Davies arbeitete vor allem die melodischen Vorzüge dieses Werkes eindrucksvoll heraus. Und die gewaltigen dynamischen Steigerungen kamen mit effektvoller Vehemenz daher. Das harmonische Raffinement verband sich hier mit vitaler Ursprünglichkeit und Einfallsfrische, die immer wieder elektrisierend wirkte. Das Getümmel der Pariser Straßen kam in jeder Sekunde zu Gehör, hupende Autos meldeten sich mit ungestümer Deutlichkeit. Aber auch die Nonchalance der genialen Instrumentation Gershwins kam nicht zu kurz. Beim Charleston trumpften die kühnen Blechbläser mächtig auf.

In grandioser Stretta-Form behauptete sich Leonard Bernsteins rasante „Candide Ouvertüre“, wo Dennis Russel Davies seine Musiker immer mehr anspornte. Erregende Expressivität verbreitete sich bei dieser atemlosen Wiedergabe, die sich freitonal behauptete. Anklänge an den Jazz und Gustav Mahler traten ganz versteckt hervor. Tango, Mazurken, Walzer und Gassenhauer belebten mit chromatischem Feinschliff das Klanggerüst. Dass Voltaire seinen Protagonisten bei „Candide“ auf eine Odyssee durch die böse Welt schickte, konnte man bei dieser Interpretation jedenfalls gut nachvollziehen.

Und zum Abschluss fesselte Dennis Russell Davies sein Publikum mit einer sehr konzentrierten Wiedergabe von Igor Strawinskys „Feuervogel-Suite“. Diese Ballettmusik erzählt nach einem russischen Märchen von dem Feuervogel, mit dessen Hilfe ein Prinz die vom Zauberer Kastschei gefangene Prinzessin mitsamt ihren Gespielinnen erlöst und die Befreite zur Frau nimmt. Buntschillernde Farbspiele belebten die thematische Substanz bei dieser nuancenreichen Wiedergabe, die in die Geheimnisse der Partitur vordrang. Das Intervall der übermäßigen Quart und verminderten Quint blitzte schemenhaft-grell hervor. In dunklen Klängen wurde der verhexte Garten des Zauberers beschworen – und wie eine aufblitzende Feuerflamme flatterte der Wundervogel heran. Alles sprühte und funkelte im Staatsorchester Stuttgart – und Dennis Russell Davies verlor nie die Kontrolle. Auch die zart-schwebende russische Volksmelodie wirkte faszinierend. Ein vorwärtsstürmender Rhythmus beschrieb hier die wild entfesselte Schar des Zauberers, die außer Rand und Band geriet. Die zerhackten Melodiefetzen nahmen die Zuhörer in ihren Bann. Beim Wiegenlied meldete sich das Vorbild von Rimskij-Korssakoff. Liturgische Stimmungen beschrieben die Wucht des Prachttors im majestätischen Finale. Für den frenetischen Applaus des Publikums bedankte sich Russell Davies mit zwei Zugaben. Zum einen begeisterte Dimitri Schostakowitschs raffiniertes Arrangement von „Tea for Two“ („Tahiti Trot“) sowie ein Interlude aus Philip Glass‘ Oper „The Voyage“.

Alexander Walther

 

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