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STUTTGART: ONEGIN – Wiederaufnahme im aufgefrischtem Gewand

24.10.2021 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „ONEGIN“ 23.10.2021 (Wiederaufnahme) – in aufgefrischtem Gewand

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Emotionale Zerreissprobe: Elisa Badenes (Tatjana) und Friedemann Vogel (Onegin). Foto: Stuttgarter Ballett

Endlich wieder ein Handlungsballett – nach eindreiviertel Jahren Pandemie bedingter Pause konnte mit der soundsovielten Neueinstudierung von Crankos genialem Puschkin-Klassiker uneingeschränkte Normalität auf der Bühne und im Orchestergraben einkehren. Ausstatter Jürgen Rose hatte mit den Werkstätten die lange Auszeit genutzt, um die durch die viele Nutzung in Mitleidenschaft gezogenen Bühnenelemente und Kostüme anhand der Originalentwürfe aus den 1960er Jahren neu zu gestalten und dabei auch einige farbliche Fehler auszugleichen sowie Nachlässigkeiten beleuchtungstechnischer Details, die sich im Laufe der Zeit eingeschlichen hatten, auf die heutige Technik und Sehgewohnheit korrigierend anzupassen. Dem häufigen Ballettbesucher bleibt auch tatsächlich nicht verborgen, dass da einiges in neuem Glanz erstrahlt. Besonders auffallend kommt dies im St. Petersburger Ball-Akt zur Geltung. Für eine Choreographie, die zu den niveauvollsten und für die TänzerInnen in ihrer technischen und menschlichen Entwicklung wertvollsten gehört, sollte der Aufwand für eine beständige Sicherung der ästhetischen Feinstimmung allemal eine Selbstverständlichkeit sein.

Diese Neueinstudierung steht auch im Zeichen zahlreicher Rollendebutanten, mit denen die Zukunft beim Stuttgarter Ballett gesichert und von denen im Rahmen der nachfolgenden Vorstellungen zu berichten sein wird. An diesem Wiederaufnahme-Abend galt es indes bereits große oder zumindest etwas gereifte Rolleninterpreten zu präsentieren. Friedemann Vogel darf sich mit Recht inzwischen zu den bedeutendsten Vertretern der Titelrolle zählen, die genauer betrachtet zwar aufgrund ihres Charakters die schillerndere Herausforderung bietet als Tatjana, die wiederum durch ihre Entwicklung vom romantisch schwärmerischen Mädchen zur gestandenen Frau die eigentliche Hauptfigur der Geschichte ist. Bei Vogel sind es auch keine speziellen Details, die ihn auf die höchste Stufe mit anderen stellen, die seinen Onegin markieren. Es ist vielmehr eine Vollkommenheit seiner gesamten Persönlichkeit, die ihn in jedem Moment das rechte Maß an weltmännischer Arroganz und späterer Reue und Kampf um die einstmals verschmähte Frau finden lassen. Da ist im Rahmen seines schier grenzenlos flexiblen Körpereinsatzes auf der Basis einer technischen Selbstverständlichkeit jede Nuance an Bewegung und Mimik intuitiv stimmig, aufrichtig und echt. Diesem Onegin wird nach dem Duell durch den strafenden Blick Tatjanas glaubhaft die Tragweite seines Handelns bewusst und ermöglicht durch seine Verzweiflung bei der Wiederbegegnung auch Mitleid für ihn zu empfinden. Wodurch wiederum der emotionale Zwiespalt im Final-Pas de deux für zusätzliche Spannung sorgt, wenn wie hier mit Elisa Badenes eine nun gleichwertig gewordene Tatjana an seiner Seite steht. Durch seine Partnerschaft hat die vielseitige Spanierin noch einmal an charakterlicher Größe hinzugewonnen. Auch bei ihr ist nichts gekünstelt, die Einzelheiten der Rollenzeichnung fließen ganz natürlich ins Gesamte ihrer jederzeit technischen Überlegenheit ein. Die beiden großen Pas de deux fließen auch dank ihres Vertrauens in den Partner ohne Ecken und Kanten und lassen diese auch separat betrachtet zu einer auch rein optisch gesehenen Delikatesse werden.

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Sympathisches Paar: Jessica Fyfe (Olga) und Adhonay Soares Da Silva (Lenski). Foto: Stuttgarter Ballett

Jessica Fyfe ist mit ihrem frischen Wesen eine entzückend lebensfreudige, zuerst etwas passend naiv auf Onegins Flirten eingehende und später umso bestürztere Olga, die wie eine Feder über die Bühne schwebt. Ein selten gewordener Typ von spielerischem Reiz und bester Danse d’ecole. Bei Adhonay Soares Da Silva steht dagegen die technisch exzellente Fertigkeit, die Sauberkeit seiner choreographischen Erfüllung im Vordergrund, während die gleichzeitig damit einher zu gehende Rollenzeichnung (noch) etwas unterbelichtet bleibt. Das gilt auch für den Aufbau von Lenskis zunehmender Eifersucht im zweiten Akt, die erst unmittelbar im letzten Moment explodierend zum Vorschein kommt. Und das klagende Solo vor dem Duell dringt trotz Hingabe und ästhetisch klarer Ausformulierung der Bewegungen noch wenig unter die Oberfläche.

Jason Reilly ist ein inzwischen gesetzter Fürst Gremin, voller Güte und Würde, auf die sich Tatjana auch in technischer Hinsicht stützen kann. Der Pas de deux ist selten so ausdifferenziert in den Phrasierungen zu erleben. In den Episodenrollen der Madame Larina und der Amme sind Sonia Santiago und Magdalena Dzigielewska zusehends hinein wachsende Kräfte. Frisch herausgeputzt präsentieren sich auch die Ensemble-Szenen mit einem gut gemischten Corps de ballet, das im Tanz der Landjugend im 1.Akt mit den schnellen finalen Sprung-Diagonalen naturgemäß wieder am meisten zündet.

Wolfgang Heinz leitet das Staatsorchester Stuttgart mit viel Engagement durch die vielen Stimmungsfelder und erzielt vor allem bei den Streichern einen hier schon länger nicht mehr gehörten blühenden Glanz, während eine etwas weniger grobe Behandlung der Bläser in den komprimierten Tutti-Stellen im Repertoire weiterhin Wunschdenken bleibt. In emotionaler Hinsicht kommt die von Kurt Heinz Stolze im Tschaikowski-Stil instrumentierte Musik indes mit dem Bühnengeschehen kongruent zur Entfaltung.

 Die mit jedem der nicht enden wollenden Vorhänge anschwellende Begeisterung fürs ganze Ensemble war auch ein Zeichen der Dankbarkeit des Publikums so etwas wieder live erleben zu können.

 Udo Klebes   

 

 

 

 

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