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STUTTGART: „LULU – EINE MONSTRETRAGÖDIE“. Premiere der Neufassung

Unvermindert fesselnd

07.06.2018 | Ballett/Tanz


Alicia Amatriain (Lulu) umgarnt von der Schar der Freier   Copyright: Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett

„LULU – EINE MONSTRETRAGÖDIE“ 6.6. Premiere der Neufassung – unvermindert fesselnd

Für seine Abschieds-Saison hat sich Intendant Reid Anderson u.a. die Rückkehr des größten Erfolges seines einstigen Hauschoreographen und heutigen Direktors des Zürich Balletts Christian Spuck gewünscht. 2003 war dem ehemaligen Stuttgarter Corps de ballet-Tänzer mit der tänzerischen Adaptierung des bekannten Dramenstoffes von Frank Wedekind ein echter Coup de theatre geglückt, bei dem choreographische und schauspielerische Kräfte so treffend ineinander fließen, dass die nicht gerade zimperliche Handlung gegenüber dem gesprochenen Wort noch an zwingender Drastik gewonnen hat.

Auch wenn bei der als Neufassung angekündigten (aber kaum als solcher wahrnehmbaren)  Wiederaufnahme 10 Jahre nach den letzten Vorstellungen der Moment der Uraufführungs-Überraschungen weg gefallen ist, hat das mit einer Spieldauer von ca. 90 Minuten äußerst stringent und knapp konzipierte Ballett nichts von seiner psychischen wie auch physischen Ausdrucksdichte eingebüßt. Der Bühnenraum von Dirk Becker mit einer zentralen auf zwei Seiten zu einer mittig gelegenen Balustrade nach oben führenden Treppe im Stil eines alten Grand Hotels, wo im ersten Akt eine Combo spielt, und nur wenigen phasenweisen requisitorischen Ergänzungen durch Tische und Stühle lässt ebenso wie einige Gesellschaftskostüme, darunter auch dasjenige der Gräfin Geschwitz ( Emma Ryott) an die Historie einer monarchischen Zeit erinnern. Erheblich verbessert bzw. geschärft sind die Live-Projektionen von Lulus Gesicht auf einen unter der Balustrade platzierten Riesenbildschirm, da wird deutlich sichtbar, welch große Schritte nicht nur die Bildtechnik in den fast 15 Jahren seit der Uraufführung gemacht hat. Spuck erzählt die einzelnen Stationen Lulus und ihrer meist nur oberflächlichen und deshalb kurzfristigen  Liebhaber mit einer Konsequenz, die erst gar keine unnötigen Verzweigungen oder Ausschmückungen benötigt. Die Projektionen, die sich alle nach Lulu gierenden Liebhaber selbst machen und dadurch für die Realität mehr oder weniger blind sind, manifestieren sich in kalten Beziehungen und dementsprechend kühl entworfenen, aber dabei immer ins Mark gehenden Pas de deux bis hin zu Gruppenszenen, in denen sich z.B. die geifernden Männer breitbeinig und grätschend an sie heranmachen oder wie eine Kette auf ihren Händen tragen. Dem gegenüber stehen im Paris-Akt einige geschickt arrangierte Gesellschaftstänze, vor deren korrekter Folie sich Lulus gleichgültig trotziges Verhalten und ihr zwielichtiger Anhang besonders unsittlich ausnehmen. Die ideale Musikauswahl aus Schostakowitsch-Walzern mit ihren leicht ironischen Schlenkern und an der Oberfläche kratzenden ins Atonale führenden Orchesterstücken von Berg und Schönberg gesellt sich als weitere wichtige Komponente in dieses famose Gesamtkunstwerk, bei dem Spuck virtuos mit den klassischen Ballettformen spielt und sie in Ausdruckstanz überführt. Das diesmal sehr gut vorbereitete Staatsorchester Stuttgart spielte sie unter der Leitung seines Ballett-Musikdirektors James Tuggle ebenso kraft- und farbenfroh im Gefälligen wie sachlich fahl im Unbehaglichen.


Alicia Amatriain (Lulu) und Louis Stiens (Schigolch)  Copyright: Stuttgarter Ballett

In der Titelrolle hat Alicia Amatriain nichts von ihrer totalen Hingabe, ihrem wahrlichen Fallenlassen in die verschiedenen Männer-Arme verloren, auch wenn die Spuren des Alters in ihrem Gesicht nach 15 Jahren nicht ganz zu übersehen sind. Manchmal willenlos, dann wieder instinktiv getrieben manövriert sie sich durchs Gesellschaftsleben. Der letzte Liebhaber, der Medizinalrat Dr. Goll liegt zu Beginn schon tot am Boden, sein Nachfolger, der Maler Schwarz, skizziert die Umrisse von dessen Körper mit Kreidestrichen und findet sich mit Lulu zu einem nüchternen Duo, in dem Noan Alves in seiner ersten Handlungs-Solorolle gut sichtbar macht, wie ihn nur das von ihr geschaffene Bild interessiert. Der Schock bei der Konfrontation mit der Realität ist so groß, dass er sich kurzerhand ersticht. Eine kurze Episode ist auch die mit Rodrigo, dem in seiner ebenfalls ersten Solo-Partie Flemming Puthenpurayil mit seinen leicht exotischen Zügen beachtliche Gestalt aus Leidenschaft und Eifersucht gibt und sich obendrein als auffallend souveräner Pas de deux –Partner erweist. Er verschwindet genauso plötzlich wie später Schigolch, Lulus mysteriöser Ziehvater. Die einstige Rolle von Eric Gauthier hat sich Louis Stiens bereits jetzt so sicher zu eigen gemacht, mischt faszinierend die Züge von schmierigem Zuhältertum und lenkender Instanz in Lulus Leben und könnte nur den teils parallel zum Tanz gesprochenen Erzählungen von dem historisch belegten Prostituiertenmord durch Jack the Ripper noch dringlicheren Ausdruck geben.


Alicia Amatriain (Lulu) mit Roman Novitzky (Dr. Schöning) und Anna Osadcenko (Geschwitz). Copyright: Carlos Quezada

Wieder ganz andere Züge trägt Lulus Beziehung zu Alwa, den David Moore wie alle seine Rollen mit großer Ehrlichkeit, Bedacht auf Präzision und hier passend schwächlichem Charakter erfüllt. Er fällt später in London einem der neuen Freier zum Opfer, wohin er ebenso wie Schigolch und die Lulu Avancen machende Gräfin Geschwitz geflohen ist. In dieser speziell auch choreographisch heraus ragenden Partie, deren vokalen Auftrittsbeitrag, Nina Simones „Wild ist the wind“ jetzt von Maria Theresa Ullrich von der Balustrade herab gesungen wird, zeigt Anna Osadcenko  wieder Größe in der Kombination aus damenhaftem Adel und damals verwerflicher lesbischer Neigung. Trotzdem bleibt noch Luft nach oben, wenn sie in ihrer inneren Erregung zu Spitzen-Attacken und Widerstand bedeutenden Sprüngen ansetzt, ehe sie von Jack kurzerhand erstochen wird. Roman Novitzky hatte schon im ersten Akt als Lulus Mentor Dr. Schöning mit Augenklappe mehr als nur schablonenhaften Umriss, doch als berüchtigt brutaler Mörder machte er die letzten 5 Minuten der Aufführung richtig gruseln. Nicht so wie damals der unvergessene Jiri Jelinek durch starkes Charisma, sondern in seinem total debilen Auftritt als krankhaft Getriebener mit stierenden Augen und einer wiederum so echt entwickelten Grausamkeit, mit der er Lulu packt, in seinen Armen herum wirft, auf den Boden knallt und zuletzt auf der Treppe mit dem Messer meuchelt. Das führt unweigerlich noch einmal zu Amatriain, deren Gummipuppen ähnliche Biegsamkeit die ganze Aufführung lang nach wie vor ebenso zu bewundern ist wie ihr unerschrockenes Einlassen auf die psychische Herausforderung einer Frau, die mal Täterin, mal Opfer ist.

Die Gruppe der Liebhaber wird von Matteo Crockard-Villa und Fabio Adorisio als Freier im 3.Akt solistisch treffend angeführt.

Wie gut, dass Christian Spuck anfängliche Bedenken gegenüber einer Revitalisierung seines Erfolgsstücks weggewischt und dieses einer größtenteils neuen Tänzer-Schar überlassen hat. Der Jubel von damals war auch jetzt ungebrochen enorm und anhaltend.

 Udo Klebes   

 

 

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