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STUTTGART/ Liederhalle: ZWEITENS SINFONIEKONZERT des Staatsorchesters Stuttgart mit Cornelius Meister

04.12.2022 | Konzert/Liederabende

Zweites Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart mit Cornelius Meister in der Liederhalle am 4. Dezember 2022/STUTTGART

Wie ein Glaubensbekenntnis

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Cornelius Meister. Foto: Matthias Baus

 Für Olivier Messiaen war die Musik Ausdruck ehrlicher Herzenswärme und menschlicher Empfindungen. Ein Glaubensbekenntnis, dessen Grundlage das Wort der Bibel ist. Davon lebt auch die im Jahre 1932 entstandene Komposition „Hymne“ für großes Orchester von Olivier Messiaen, die das Staatsorchester Stuttgart unter der inspirierenden Leitung von Cornelius Meister zur Aufführung brachte. Fremdartig-vielfältige Klänge und ein kompliziertes Ordnungssystem halten sich hier die Waage. Überwältigende und rauschhafte Klangsinnlichkeit stachen auch bei der Wiedergabe mit dem Staatsorchester unter Meister hervor. Die im Zweiten Weltkrieg verlorengegangene Partitur rekonstruierte Messiaen übrigens 1946 aus dem Gedächtnis. Eine differenzierte Rhythmik fiel bei dieser ausgefeilten Interpretation ebenso ins Gewicht. Das traditionelle metrische Notensystem scheint hier durch Hinzufügung kurzer Notenwerte aufgehoben zu sein. Und auch bei der „Hymne“ dominiert zuweilen das Naturhafte, Ursprüngliche. Die Nähe zu ostinaten Schichtungen, choralartigen Effekten und eine Verdichtung der musikalischen Struktur waren die herausragenden Merkmale von Cornelius Meisters differenzierter Interpretation dieses Werkes, das am Schluss in Tremolo-Effekten sogar an Anton Bruckner gemahnt. Der hervorragende Staatsopernchor Stuttgart  (Choreinstudierung: Manuel Pujol) interpretierte anschließend zusammen mit dem Staatsorchester unter Cornelius Meister die 1930 entstandene „Psalmensinfonie“ von Igor Strawinsky. Sie ist ebenfalls ein Glaubensbekenntnis, denn Strawinsky hat dieses Werk „zum Ruhme Gottes“ geschrieben. Die Partitur ist dem Bostoner Symphonie-Orchester zum fünfzigjährigen Bestehen gewidmet. Der lateinische Text ihrer drei Sätze ist den Psalmen in der Fassung der Vulgata entnommen und beginnt die Anbetung mit „Exaudi orationem meam, domine“ („Höre mein Gebet, Herr“). Den vierstimmigen Chor begleitet Strawinsky betont herb mit einem verstärkten Bläserorchester ohne Klarinetten. Schroffe Akkordschläge unterbrachen die duettierenden  Passagentakte der Einleitung, bis der Staatsopernchor eindringlich mit einem Sekundthema einsetzte. Dieses monotone, aber intensive Klangflehen steigerte sich, sank zurück und schwoll  dann abermals an zu dem gewaltigen Ausbruch des „patres  mei“. Besonders gut gelungen war die sensibel musizierte Holzbläserfuge des zweiten Teils. Und sehr kunstvoll entwickelten sich alle Chorsätze dieses Abschnitts aus einem zentralen Thema, das sich um das Intervall der kleinen Terz und ihrer Umkehrung, der großen Sext, herauskristallisierte. Dieses Intervall zog sich hier in geheimnisvoller Weise durch die ganze Partitur. Im zweiten Abschnitt trat noch ein ausdrucksvolles Chorthema als Träger der Doppelfuge hinzu. Der einprägsame Ruf des „Laudate“ besaß feierliche Größe. Und die Klarheit des C-Dur-Akkords im Orchester trat umso deutlicher hervor. Der Schwung des sinfonischen Orchester-Allegro in E-Dur brach wild hervor. Die Melodie rückte sphärenhaft nach Dur. Spannung und Energie vereinigten sich bei dieser Interpretation zu einem intensiven Klangkosmos, dessen Leuchtkraft nicht nachließ. Auch die aufsteigende Tonreihe des Soprans besaß beglückende gesangliche Leuchtkraft. Das „Alleluja, Laudate dominum“ des Chors zeigte sich in rhythmischen und harmonischen Ballungen.

Zum Abschluss musizierte das glänzend disponierte Staatsorchester Stuttgart unter Cornelius Meister die selten zu hörende Sinfonie Nr. 1 aus dem Jahre 1942 des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu. Eine faszinierende Entdeckung. Man hörte heraus, mit welcher Kunstfertigkeit hier kleinste motivische Bestandteile aus Urzellen entwickelt werden. Die Fortspinnungstechnik des Barock wird hier in raffinierter Weise umgesetzt und weiterentwickelt. Das alles arbeitete Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart ausgezeichnet heraus. Auch die chromatischen Passagen waren von betörender Wirkungskraft. Das Temperament des böhmischen Musikantenblutes war hier übrigens in allen vier Sätzen herauszuhören. Rhythmus, Melodie und Klangfarben überraschten die Zuhörer aufgrund ihrer erstaunlichen Wandlungsfähigkeit. Die Intensität des Largo-Trauermarsches hinterließ ebenfalls einen tiefen Eindruck. Unbestechliches Formbewusstsein und die Vorliebe für Klarheit und Durchsichtigkeit überraschten bei dieser Wiedergabe ebenso wie die Themen, die niemals langweilig oder gequält erschienen. Und auch das zuversichtliche Finale riss die Zuhörer mit. 

Jubel, starker Schlussapplaus.

Alexander Walther

 

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