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STUTTGART/ Liederhalle: SWR Symphonieorchester mit Werken von Brahms und Strauss

23.02.2024 | Konzert/Liederabende

Stuttgart: SWR Symphonieorchester mit Werken von Brahms und Strauss am 22.2.2024 in der Liederhalle

Auf die Alpensinfonie folgt Lohengrin

Brahms und Strauss bildeten diesmal den Gipfelpunkt. Zunächst interpretierte die renommierte Geigerin Isabelle Faust zusammen mit dem SWR Symphonieorchester unter der impulsiven Leitung von Andres Orozco-Estrada das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77 von Johannes Brahms. Die Komposition entstand in den Jahren 1877 und 1878 am Wörther See. Die lyrische Gelöstheit dieses Werkes wurde von Isabelle Faust in wunderbarer Weise erfasst. Das Hauptthema des Allegro non troppo besaß Gefühlswärme und Gedankenernst. Interessant war hierbei vor allem die kunstvolle Kadenz von Ferruccio Busoni. Schlicht durchmaß es den D-Dur-Dreiklang, hatte männlichen Ernst, Kraft und Gefühl. Seine Ausdrucksfülle war bei dieser konzentrierten Wiedergabe unerwartet groß. Das gezackte Seitenthema fuhr barsch dazwischen. Isabelle Faust glättete mit ihren Kantilenen die unwirsche Stimmung, das Kopfthema leuchtete so wieder hell auf. Ein anmutiges Seitenthema machte sich bemerkbar. Die Durchführung verarbeitete dieses Themenmaterial mit dynamischen Kontrasten – und in makelloser Schönheit  kehrte das Hauptthema wieder. Nach einer Entrückung verklang der Satz energisch. Die schlichte Melodie des zweiten Adagio-Satzes bestach hier durch tiefes Gefühl, das Isabelle Faust eindringlich zum Ausdruck brachte. Friedvoll strömten die Melodien dahin, bis sich im Mittelteil drängende Unruhe bemerkbar machte. Das Schlussrondo Allegro giocoso wirkte ausgesprochen erfrischend. Das ungarisch gewürzte Hauptthema besaß ungezügeltes Temperament. Der Solopart bestach wiederum mit höchst virtuoser Geste. Als Zugabe wählte Isabelle Faust eine Violinbearbeitung aus den Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms, wobei der melodische Zauber bestach. 

Im Zentrum des Abends stand dann die grandiose Wiedergabe der Alpensinfonie op. 64 von Richard Strauss. Dieses Werk schrieb Strauss zwischen der „Josephslegende“ und der „Frau ohne Schatten“ zehn Jahre nach der „Domestica“. Der ungeheure Instrumentalapparat wurde von Kritikern gerügt, den Strauss hier aufbietet. Heute wird die Alpensinfonie nur noch selten gespielt, obwohl sie ein interessantes Werk ist. Das vorzüglich musizierende SWR Symphonieorchester sorgte gleich zu Beginn bei „Nacht“ für einen stimmungsvollen Anfang, wobei sich die Homogenität des Musizierens immer weiter verbesserte. Aus dunklen  harmonischen Schleiern erhoben sich die Posaunen in geheimnisvollem Zauber. Es war ein unheimlich abwärts steigendes Motiv mit einem Liegenbleiben aller Töne. Der „Sonnenaufgang“ schüttete dann gleissende Fluten von Licht aus. In rüstigem Wanderschritt erklang ein Thema, das in vielerlei Abwandlungen den Kletterer auf seinem Weg begleitete. Jagdhörner des Fernorchesters im Foyer der Liederhalle ertönten – und nach dem „Eintritt in den Wald“ war das Rauschen der Gipfel zu vernehmen. Der Steigerungen klug aufbauende Dirigent Andres Orozco-Estrada betonte den Zusammenhalt des einen großen Satzes dieser fast einstündigen Sinfonie. Nach Einleitung und Exposition folgte die machtvolle Durchführung, wo Scherzo und Adagio sich klar abgrenzten. Und die Reprise mit Coda bildete das Finale, wobei die harmonischen Strukturen bei dieser Wiedergabe nahtlos ineinander übergingen. Eng verstrickte Themen kennzeichneten Dickicht und Gestrüpp. Und „gefahrvolle Augenblicke“ überwand der Wanderer bis zum Gipfel scheinbar mühelos. Hier zeigte er sich mit einer kleinen Oboenmelodie als demütige Reaktion vor der gewaltigen Bergwelt. Ein Fugato drängte machtvoll vorwärts, wobei Andres Orozco-Estrada zügige Tempi wählte, die das SWR Symphonieorchester sofort aufgriff. Scharfe Dissonanzen in den Streichern markierten gefahrvolle Augenblicke, in Hörnern und Trompeten ertönte das zackige Motiv. Auf dem Gipfel meldete sich das glanzvolle Quartenmotiv, Oboe und  Hörner ließen eine innige Melodie erklingen. Alle Hauptthemen der Sinfonie erstrahlten in feierlich-überragender Größe. Mit wahrhaft elementarer Gewalt brachen „Gewitter und Sturm“ los. Man fand alle Stationen des Anstiegs in umgekehrter Reihenfolge wieder. Die Marsch- und Blickrichtung korrespondierte in raffinierter Weise  mit den entsprechenden Themen-Umkehrungen. Es kehrte die Tendenz des Anstiegs-Themas nach unten. Andres Orozco-Estrada gelang es, die ungeheuer  vielschichtigen Strukturen offenzulegen. Bei „Sonnenuntergang“ senkte sich wieder Stufe für Stufe die Skala, die Töne blieben im Abwärtsschreiten liegen. Selbstgefällig aufgebauscht war diese Wunderpartitur im Beethovensaal der  Liederhalle bei dieser mitreissenden Wiedergabe nicht.
Großer Jubel.

Beim „AusKlang“ im Foyer präsentierten acht Hörner des SWR Symphonieorchesters noch ein reizvolles Potpourri aus Richard Wagners Oper „Lohengrin“. Das lichte A-Dur Lohengrins und das dämonische fis-Moll seiner Gegner Ortrud und Telramund war deutlich herauszuhören. Elsas Wesensausdruck in B-Dur erschien schemenhaft, König Heinrichs Macht erstrahlte in robustem C-Dur. Selbst ohne Streicher konnte sich der sphärenhaft-überirdische Klang des Werkes entfalten.

Alexander Walther

 

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