SWR Symphonieorchester mit Teodor Currentzis und Yulianna Avdeeva am 8.12.2022 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART
Ungeheure harmonische Gestalten
Diesmal präsentierte das SWR Symphonieorchester ein faszinierendes russisch-französisches Programm. Die russische Pianistin Yulianna Avdeeva musizierte das zweite Klavierkonzert in g-Moll op. 16 von Sergej Prokofjew mit großer Energie. In den russisch gefärbten Themen brodelte eine ausserordentliche Kraft. Das SWR Symphonieorchester begleitete sie unter der elektrisierenden Leitung von Teodor Currentzis mit großem Einfühlungsvermögen. Das Andantino des ersten Satzes offenbarte ungheure harmonische Gestalten, denen Yulianna Avdeeva als Pianistin eine deutliche Kontur gab. Auch das elegant musizierte Allegretto besaß hier große Wirkungskraft. Im Scherzo triumphierten selbst die einfachen Themen dank des unerbittlichen motorischen Ungestüms der Solistin. Und auch das wuchtige ostinate Bassmotiv des Intermezzos fesselte das Publikum in starker Weise. Ein spielerisch-zart gespielter Mittelteil besaß starke Intensität. Energisch wurde das Bassmotiv wieder zurückgerufen. Das Finale brach mit der Gewalt eines Unwetters herein. Im Mittelteil triumphierte dann der russische Volkstanz. Der Schluss besaß eine entfesselte Kraft. Kühne Harmoniefolgen und weite Intervallsprünge wechselten sich immer wieder ab. Als Zugabe spielte Yulianna Avdeeva noch traumversonnen und höchst sensibel eine an Chopin germahnende Mazurka des polnischen Komponisten Wladyslaw Szpilman. Roman Polanski verwendete seine Musik für den Film „Der Pianist“. Dann folgte eine elektrisierende Wiedergabe von Igor Strawinskys „Le Sacre du printemps“ aus dem Jahre 1913, ein Stück, das bei seiner Uraufführung in Paris einen enormen Skandal hervorrief. Teodor Currentzis unterstrich hier als Dirigent in ergreifender Weise das grandiose Naturerlebnis. Die beseligende und beängstigende Wiedergeburt des Frühlings und die mystisch-symbolische Handlung traten deutlich in den Vordergrund. Auch die bombastische Elementarkraft des Rhythmus‘ kam bei dieser feurigen Interpretation nicht zu kurz. Für Debussy war diese Musik zu beunruhigend – harmonische Schockwellen zwischen dem D-Dur- und Es-Dur-Akkord führten hier zu heftigen orchestralen Ausbrüchen. Die Grenzen zur Bi- und Polytonalität wurden konsequent aufgebrochen – und das SWR Symphonieorchester folgte den Anweisungen des Dirigenten mit minuziöser Präzision. Unterstrichen wurde die starke dynamische Kontrastwirkung noch durch das gut herausgearbeitete thematische Material. Reminiszenen an die russischen Volksmelodien wurden aufgespalten und mit neuen Elementen zusammengesetzt. Der panische Schrecken der Natur vor der ewigen Schönheit stach schon in der Introduktion hervor. Beim Auftritt der Jünglinge mit der alten Frau in „Die Anbetung der Erde“ steigerte sich auch die magische Intensität des Klangerlebnisses. Im Horn über dumpf-erregter Begleitung setzte sich das Flötenmotiv durch. Die „Jünglings“-Weise der Flöten und Celli erhielt ebenfalls einen markanten Ausdruck. Der „Frühlingsreigen“ breitete sich dann in majestätischer Größe aus – begleitet vom intensiven Solo-Quartett der Celli. In rivalisierenden Kämpfen entfalteten sich die Motive immer imponierender, ein explosives Gemisch von Trompeten, Flöten und Streichern entstand, das Teodor Currentzis als Magier immer weiter anheizte. Als der Weise die Erde segnete, spürte man förmlich den dunklen Klang der vier Lento-Takte, die dumpfen Paukenschläge und den mystischen Streicherakkord. Im zweiten Teil „Das Opfer“ entfaltete sich dann im schattenhaften Tanz der Mädchen ein geheimnisvoller Gesang, begleitet von Flöte und hoher Solovioline. Ekstatisch entfesselt ließ Teodor Currentzis die „Verherrlichung der Auserwählten“ als neue kultische Zeremonie musizieren. Das Kopfmotiv des Ritualtanzes kam bei dieser Wiedergabe mit nuancenreicher Klarheit und Schärfe bei der „Rituellen Handlung der Urväter“ zum Vorschein. Die Auserwählte sank hörbar nieder. Nicht weniger schlank und höchst virtuos interpretierte das SWR Symphonieorchester zuletzt den berühmten „Bolero“ von Maurice Ravel. Seit seinem Entstehungsjahr ist dieses Werk ein Welterfolg. Currentzis sieht die Komposition in der Nachfolge von „La Valse“ und „Tzigane“ – und er baute das harmonische Geschehen in der Liederhalle zu höchsten Steigerungen auf. Melodie, Rhythmus und Klang besaßen hier eine ausgesuchte Sinnlichkeit und Eleganz. Die Melodie mit ihren zweimal sechzehn Takten gab sich den Anschein einer echten spanischen Tanzweise. Die bohrende Monotonie des Bolero-Rhythmus‘ wurde dabei aber nicht übertrieben. Die raffinierte Behandlung des Klanges gewann unter Currentzis ein enormes Potenzial: Flöte, Klarinette und Fagott ließen die Melodie in einen Fluss münden, der zu einem aufpeitschenden Meer anschwoll. Abgründe der Sinne wurden bis zum unglaublichen Schlusseffekt aufgerissen. Großer Jubel. Zuletzt musizierte die Pianistin Yulianna Avdeeva noch zusammen mit Streichersolisten des SWR Symphonieorchesters als Zugabe ausdrucksstark das Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67 von Dimitri Schostakowitsch. Insbesondere die Passacaglia und der Trauermarsch gingen unter die Haut. Tod und Qual einer Generation kamen hier ergreifend zum Ausdruck, wie es der Musikwissenschaftlier Iwan Iwanowitsch Martynow einst formulierte.
Alexander Walther

