AUFWÜHLEND UND EXPLOSIV
SWR Symphonieorchester mit Martin Grubinger im Beethovensaal in der Liederhalle am 10.2.2023 /STUTTGART
Die Entstehung des Konzerts „Inferno“ für Schlagzeug und Orchester von Daniel Bjarnason reicht bis ins Jahr 2017 zurück. Gemeinsam mit Martin Grubinger (Schlagzeug) entwickelte der isländische Komponist Daniel Bjarnason ein reichhaltiges Instrumentarium für dieses ungemein eruptive Werk. Neben ausgeprägten Pizzicato-Passagen arbeitete das SWR Symphonieorchester unter der impulsiven Leitung von Dima Slobodeniouk die harmonische Vielschichtigkeit der beiden schnelleren Sätze in rasanter Weise heraus. Und auch der Intensität des langsamen Satzes wurden Orchester und Solist gerecht. Neben manischen Momenten betonten Martin Grubinger und das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Dima Slobodeniouk insbesondere die sphärenhaft-fließenden Momente dieser fieberhaften Musik sehr eindringlich, die mit den harten Schlagzeug-Attacken Grubingers in elektrisierender Weise korrespondierten. Neben feurigen Staccato-Sequenzen beeindruckte bei dieser Wiedergabe aber immer wieder auch der fein artikulierte Klangteppich, den Martin Grubinger hier mit urwüchsig-rituellen Musizierformen ausbreitete. Ein großes Schlagzeugarsenal beschwor hier einen erstaunlichen Klangfarbenreichtum. Die Txalaparta mit querliegenden Holzklangstäben aus dem Baskenland verbanden sich in suggestiver Weise mit den japanischen Taiko, hölzernen Felltrommeln in Röhrenform sowie Marimbas, Wood Blocks, Pauken, Drum Kit und den Fußtrommeln Kick Drum.
Für Martin Grubinger ist das Musizieren „Sport“, er betonte in der Liederhalle aber auch stark die theatralischen Momente dieser ungewöhnlichen Komposition. Reminiszenen an Dantes „Göttliche Komödie“ sind vom Komponisten gewollt – und Martin Grubinger meint, dass man sich hier musikalisch wirklich in der „Hölle“ befinde. Doch er brachte das Instrumentarium mit wahrhaft himmlischer Leichtigkeit zum Klingen. Als Zugabe spielte Grubinger noch eine atemberaubende kleine Trommel-Kadenz, die ebenfalls große Begeisterung und Ovationen beim Publikum auslöste. Auch Friedrich Cerha hat für Grubinger (der Professor an der Universität Mozarteum in Salzburg ist) als Auftragskomposition ein Schlagzeugkonzert geschrieben. Dann stand Igor Strawinskys berühmte „Feuervogel“-Suite auf dem Programm. Der geschäftstüchtige Strawinsky hatte das Ballett „Der Feuervogel“ kurzerhand zu einer Suite umgeschrieben, die erfolgreich wurde. Nach einem russischen Märchen wird hier die Geschichte von einem Feuervogel erzählt, mit dessen Hilfe ein Prinz die vom Zauberer Kaschtschei gefangene Prinzessin mitsamt ihren Gespielinnen erlöst und die Befreite zur Frau nimmt.
Neben impressionistischen Einflüssen um Debussy finden sich hier buntschillernd-tänzerische Farbspiele, die das SWR Symphonieorchester unter der intensiven Leitung von Dima Slobodeniouk voll auslotete. Aus kleinsten Motivfiguren entwickelte sich so die thematische Substanz. Das Intervall der übermäßigen Quart und der verminderten Quint erhält dabei einen geheimnisvollen Rahmen. Die Einleitung beschrieb in magischen Klängen den verhexten Garten des Zauberers in dunklen, wie gelähmt schleichenden Passagen. Wie eine Feuerflamme flatterte der Wundervogel heran. Es sprühte und funkelte im Orchester – und flehend bat der Vogel den Prinzen, ihn in Freiheit zu lassen. Das zierlich-anmutige Spiel der Prinzessinnen bot dabei einen dynamisch reizvollen Kontrast. Und die zart-schwebende, innige russische Volksweise hätte sogar noch leidenschaftlicher sein können. Doch Dima Slobodeniouk unterstrich als Dirigent mit dem Orchester sehr überzeugend jenen Moment, als die Melodie jäh abriss und Kaschtschei mit seinem Gefolge in ungestümer Weise hereinstürmte, um den Höllentanz zu beginnen. Die friedvoll-ruhige Melodie des Wiegenliedes ließ bei dieser einfühlsamen Interpretation deutlich den Einfluss von Strawinskys Lehrer Rimskij-Korssakoff erkennen, der ja auch eine Oper „Kaschtschei der Unsterbliche“ schrieb. Und die Fortissimo-Steigerung am Schluss entfaltete eine gewaltige Wucht. Begeisterungsstürme. Im Foyer stellten Musiker des SWR Symphonieorchesters zum Ausklang noch ein Duo für Klarinette und Fagott, eine Erinnerung an die Beatles sowie den dritten Satz aus Francis Poulencs formklarer Sonate für Klarinette und Fagott vor.
Alexander Walther

