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STUTTGART/ Liederhalle: SWR SYMPHONIEORCHESTER/ Eliahu Inbal (Beethoven, Schostakowitsch)

10.11.2018 | Konzert/Liederabende

Eliahu Inbal dirigiert Beethoven und Schostakowitsch am 9. November 2018 mit dem SWR Symphonieorchester in der Liederhalle/STUTTGART

FURIOSO IM STURMGELÄUT

Da hatte sich der israelische Dirigent Eliahu Inbal ein ungewöhnliches Programm zusammengestellt. Denn es schlug Brücken vom kämpferischen Beethoven zum rebellierenden  Schostakowitsch. Zunächst interpretierte das Ludwig Trio mit Abel Tomas (Violine) und  Arnau Tomas (Cello) und Hyo-Sun Lim (Klavier) zusammen mit dem SWR Symphonieorchester das Konzert für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester C-Dur op. 56, das so genannte „Tripelkonzert“, von Ludwig van Beethoven. Vor allem die harmonische Vielschichtigkeit stach hier deutlich hervor. Kammermusikalisches Konzertieren stand jedenfalls immer im Mittelpunkt, die kontrapunktischen Verästelungen konnten sich facettenreich entwickeln. Die drei Sätze Allegro, Largo und Rondo alla Polacca wurden in ihrer thematischen Feingliedrigkeit voll erfasst. Eliahu Inbal gelang es als Dirigent sehr überzeugend, die Musiker immer wieder anzuspornen. Insbesondere die prickelnden Rhythmen der Schluss-Polonaise blieben so stark im Gedächtnis. Höhepunkt dieses reichen Konzertabends war jedoch die bombastisch-erschütternde Wiedergabe der Sinfonie Nr. 11 in g-Moll op. 103 („Das Jahr 1905“) von Dmitrij Schostakowitsch. Im Januar 1905 waren 140000 St. Petersburger dem Aufruf des „Fabrikarbeiter-Verbandes“ zu einem Sternmarsch zum Winderpalast des Zaren Nikolaus II. gefolgt. Sie forderten den Mindestlohn und verkürzte Arbeitszeiten. Der Zar ließ den Menschenzug jedoch von der Palastwache niederschießen. Hunderte starben, zu den Überlebenden gehörte auch Schostakowitschs Vater. Und die Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes 1956 war wohl der letzte Auslöser für das Entstehen dieses Meisterwerks, das zu den aussagekräftigsten Kompositionen im reichen Schaffen Schostakowitschs gehört. Eliahu Inbal erfasste die kompakte Wucht der einzelnen Sätze in bemerkenswerter Weise, kein einziges Motiv ging unter. Chromatische Auf- und Abgänge blitzten hervor, jagende Tempi rasten atemlos vorüber, im Stretta-Feuer des „Sturmgeläuts“ entfachten sich große Emotionen und tragische Erkenntnisse. Die Uraufführung dieser Sinfonie 1957 war mit großer Begeisterung aufgenommen worden. Die hohlen Quart- und Quintklänge des ersten Satzes arbeitete Eliahu Inbal mit dem SWR Symphonieorchester in ausgezeichneter Weise heraus. Das wild glimmende Feuer war nicht mehr zu löschen. Das Porträt des zaristischen Russland aus der Sicht der Unterdrückten trat in greller und erschütternder Größe hervor, das Monumentale triumphierte in jeder elektrisierenden Sekunde. Ein altes russisches Lied liegt dem zweiten Satz „Der 9. Januar“ zugrunde. Demütig klagend wendet sich das Volk hier an seinen Herrscher. Gerade dieses düstere Stimmungsbild zeichnete das SWR Symphonieorchester höchst ausdrucksvoll und feingliedrig nach. Im stürmischen Fugato schwollen die heftigen Tonfolgen immer mehr an, es kam zu einem beispiellosen orchestralen Aufruhr und Tumultuoso. Im dritten Satz (Adagio „in memoriam“) stimmten die Bratschen in bewegender Weise zum leisen und geheimnisvollen Pizzicato der Celli und Bässe die bekannte Melodie des Trauermarsches „Unsterbliches Opfer“ an. Bestürzende Wendungen und unbeschreiblicher lyrischer Zauber enthüllten den großen Meister der Filmmusik. Eliahu Inbal gelang es hier in überragender Weise, den aufbegehrenden Komponisten Schostakowitsch in ein helles Licht zu rücken, der lang unter der Diktatur Stalins gelitten hatte. In der von Schostakowitsch bevorzugten Al-fresco-Technik trat bei dieser Wiedergabe der Einfluss Gustav Mahlers hervor. Die überlegende Beherrschung der Form und des polyphonen Satzes rückte bei der Interpretation mit dem SWR Symphonieorchester unter Inbal in den Mittelpunkt. Es war ein ergreifendes Konzert am Tag des Gedenkens an die Judenpogrome.

Alexander Walther   

 

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