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STUTTGART/ Liederhalle: MAHLERS „NEUNTE“ MIT DEM SWR SYMPHONIEORCHESTER UNTER TEODOR CURRENTZIS

13.12.2019 | Konzert/Liederabende

SWR Symphonieorchester unter Currentzis mit Gustav Mahlers 9. Sinfonie in der Liederhalle Stuttgart (12.12.2019)

Berührender Weltabschiedsschmerz

 

Die neunte Sinfonie in D-Dur von Gustav Mahler wurde im Jahre 1909 vollendet. Teodor Currentzis legte bei seiner gelungenen, berührenden Interpretation auf das solistische Hervortreten der Einzelinstrumente großen Wert. Der letzte Ausdruckswille trat überall spürbar hervor und fesselte die gebannten Zuhörer. Ein Zug ins Transzendentale war nicht zu überhören, prägte den ersten und letzten Satz sehr stark. Und das SWR Symphonieorchester musizierte das Werk mit sphärenhafter Emphase. Alles war in einem geheimnisvollen Netz neuartiger Polyphonie gefangen. Vor allem schichteten sich die Themen bei Currentzis‘ Interpretation kammermuskalisch-durchsichtig übereinander. Melodielinie und Harmonik gingen nahtlos ineinander über, wobei die Melodie immer wieder neu triumphierte. Schwermütig und resigniert klagte das Hauptthema des ersten Satzes Andante comodo. Fahle, wesenlose Klänge behaupteten sich wie von selbst. Immer neue Glieder ragten hier hervor, leidenschaftliche orchestrale Erregungszustände folgten geradezu enthusiastischen Aufschwüngen, die Currentzis mit unbeugsamem Willen heraufbeschwor. Ostinatowirkungen der Pauken und Bässe unterstrichen den apokalyptischen Charakter. Der Absturz folgte mit ungeheurer Wucht, im letzten Aufflammen klagte ein Trauermarsch das trostlose Geschehen an. Dass dieser Satz aus den vielfältigen Variationen eines Urmotivs entwickelt wird, machte Teodor Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester sehr präzis deutlich. Und die lineare Führung der Instrumente ragte eindrucksvoll hervor.  Der zweite Satz imponierte dann als Totentanz mit dämonischer Wildheit (wie Paul Bekker feststellte). Dass es eine bösartig-groteske Parodie ist, merkte man bei Currentzis‘ hintersinniger Interpretation sofort. Die C-Dur-Stimmung „Im Tempo eines gemächlichen Ländlers“ veränderte sich immer wieder hin zum Grausigen und Unheimlichen. Schräg kamen die beiden Walzertypen in E-Dur, D-Dur und Es-Dur daher. Die markant nachschlagenden Viertel kennzeichneten den Rhythmus. Weltverachtung im Sinne Paul Bekkers beschrieb den dritten Satz als Rondo-Burleske in a-Moll. Dabei kündigte sich schon Schönbergs Atonalität an. Eine zynische, selbstquälerische Orgie. Anklänge an Mahlers fünfte Sinfonie waren hier herauszuhören. Höhepunkt dieser beeindruckenden Aufführung war jedoch das wunderbar musizierte Finale als weltabgewandtes Adagio. Ein Todessüchtiger steigerte sich hier gleichsam in Verklärung und Erlösung des Sterbens hinein. Und selbst das Doppelschlagmotiv der Burleske blitzte auf. Wie der Klang hier dem Verlöschen preisgegeben war, machte Teodor Currentzis in geradezu genialer Weise deutlich. Und das SWR Symphonieorchester folgte seinen Intentionen ganz genau. Dieser berührende Weltabschiedsschmerz wirkte aber keineswegs sentimental, sondern hinerließ tiefste Eindrücke. Und die Pianissimo-Stellen hörte man auf einmal ganz neu – so verhalten und abgeklärt wie niemals zuvor. Currentzis erwies sich hier als ein großer Meister visionärer Klangwirkungen und harmonischer Geheimnisse. Der Gesang der Violinen in Des-Dur und die ergreifende Melodik und Schönheit des cis-Moll-Themas berührten das Publikum  unmittelbar. Dabei wurde auch das Licht im Beethovensaal abgedunkelt. Ersterbend entschwanden die Klänge.

Große Begeisterung im Saal. 

Alexander Walther

 

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