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STUTTGART/ Liederhalle: MAHLERS 6. SINFONIE MIT DEM SWR-SYMPHONIEORCHESTER

06.05.2017 | Konzert/Liederabende

STUTTGART/ Liederhalle Mahlers 6. Sinfonie mit dem SWR Symphonieorchester in der Liederhalle Stuttgart am 5.5.2017

STÜRMISCH BIS ZUM SCHLUSS

Mahlers 6. Sinfonie mit dem SWR Symphonieorchester am 5. Mai im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

Aufwühlend und tiefschürfend zugleich war die Wiedergabe von Gustav Mahlers sechster Sinfonie in a-Moll, der berühmten „Tragischen“. Der in New York geborene Dirigent David Zinman heizte die Temperaturen im SWR Symphonieorchester bis zum Siedepunkt an und sorgte damit für atemlos-mitreissende Klangerlebnisse. Beim Marsch des ersten Satzes riss er die Zuhörer unmittelbar mit, das Thema löste sich in seiner ganzen Energie  – und der Trompetenakkord schwankte eindringlich zwischen Dur und Moll. Ein Choral und das schwungvoll interpretierte zweite Thema ergänzten sich bei dieser konzentrierten Interpretation gegenseitig. In den erregenden Klängen der Durchführung brach der Rausch im Orchester voll auf, seelische Leidenschaften wurden magisch beschworen. Vor allem der Charakter der freien Sonatensatzform wurde bei dieser Wiedergabe voll erfasst. Im Oktavschritt des Beginns erreichte auch die rhythmische Intensität große Klarheit. Das Hauptthema aus dem Finale von Bruckners fünfter Sinfonie blitzte kurz auf. Helle A-Dur- und dunkle a-Moll-Dreiklänge ergänzten sich gegenseitig.Wehmütig beschwor der Choral das Schicksalsmotiv. Dann betörten Celestaklänge in wahrhaft geheimnisvoller Weise das Ohr. Das leidenschaftliche zweite Thema wurde ausgezeichnet herausgearbeitet. Klangwunder und Entrückungsvision prägten den zweiten Andante-Satz in unnachahmlicher Weise, denn Zinman erfasste auch hier den seelischen Gehalt dieser Musik mit unglaublicher Sensibilität. Das Scherzo besaß dann trotz seiner Wucht etwas Unheimlich-Phantastisches. Über Paukenschläge hob sein plumper Tanz an und prallte frontal auf das Dur-Moll-Motiv aus dem ersten Satz. Und der Schluss drohte mit einer dunklen Frage. Höhepunkt dieser Wiedergabe war der vierte Satz mit seinen unglaublichen 822 Takten. Man spürte, wie die Sonatenform hier völlig aufgelöst wurde. Und auch die kunstvolle Kombination der einzelnen Motive zu Themen beeindruckten das Publikum. Zwei unheimliche Hammerschläge kündigten vom unaufhaltsamen Untergang des Helden. David Zinman arbeitete die Weiträumigkeit des Sonatensatzes mit nie nachlassender Energie heraus. Leidenschaftlich aufbegehrend drängten sich Marschthemen nach vorne. Verheißungsvolle Aufschwünge gipfelten in einer breit strömenden Melodie, die David Zinman mit dem SWR Symphonieorchester voll auskostete. Immer wieder kam es im Orchester zu deutlichen Versuchen, „das Ungeheure zu überwinden“. Doch der Hammerschlag vernichtete hier alle Hoffnung. Der sich gespenstisch in den Bläsern entfaltende Choral gewann bei David Zinmans Interpretation eine schaurige Größe, die sich immer weiter auffächerte. Das Gegenthema trieb diesen Kampf gewaltig voran, Pauken dröhnten grollend, während sich das Blechbläserarsenal mit konvulsivischer Macht aufbäumte. Ovationen.

Alexander Walther

 

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