Erstes infoniekonzert des Staatsorchesters am 6./7.11. 2022 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART
Leidenschaftliche Steigerungen
Diesmal war das Landesjugendorchester Baden-Württemberg als Patenorchester des Staatsorchesters zu Gast. Viele ehemalige Mitglieder des Landesjugendorchesters spielen heute im Staatsorchester. Das famose Staatsorchester Stuttgart musizierte unter der inspirierenden Leitung des jungen britischen Dirigenten Joel Sandelson zunächst Edward Elgars erste Orchesterkomposiiton, die „Froissart Ouvertüre“ op. 19, die er im Jahre 1890 für das Worcester Festival schrieb. Ausgangspunkt für dieses Werk waren die „Chronicles“ des französischen Dichters Jean Froissart aus dem 14. Jahrhundert. Hier weckte Elgar das Interesse der Öffentlichkeit an seiner Tätigkeit als Komponist. Einflüsse von Liszt und Wagner sind auch bei dieser betont klassizistischen Komposition schon herauszuhören. Neben Tremolopassagen imponierten insbesondere die leidenschaftlichen lyrischen Sequenzen, die das Staatsorchester Stuttgart minuziös herausarbeitete.
Die hochbegabte niederländische Geigerin Noa Wildschut war dann die Solistin der von Mendelssohn inspirierten Schottischen Fantasie für Violine und Orchester op. 46 von Max Bruch, wo der thematische Reichtum zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart unter Joel Sandelson regelrecht aufblühte. Auch eine gewisse Nähe zu Brahms war bei den einfühlsam musizierten Kantilenen der Violine herauszuhören. Die leichte Erfindungsgabe Bruchs korrespondierte hier in erfrischender Weise mit seinem ausgeprägten Sinn für die schottische Landschaft und Geschichte. Die volkstümliche Wirkung verfehlte ihr Ziel auf das Publikum nicht. Noa Wildschuts Geigenspiel faszinierte mit großer formaler und technischer Sicherheit und Brillanz. Die Pizzicato-Passagen wirkten ausgesprochen präzis. Als Zugabe spielte sie noch eine wunderbar innige Sarabande aus der ersten Partita von Johann Sebastian Bach.
Zum Abschluss musizierte das famose Staatsorchester Stuttgart unter der energischen Leitung von Joel Sandelson die Sinfonie Nr. 3 in a-Moll op. 56 von Felix Mendelssohn Bartholdy. In der Interpretation des Staatsorchesters Stuttgart klang die Einleitung sogleich wie eine schwermütige Erinnerung an die unglückliche Maria Stuart. Das Staatsorchester Stuttgart spielte die stimmungsvolle Melodie sehr ausdrucksvoll. Ihre Substanz klang auch in dem schlicht-elegischen Hauptthema wider, das leise und wie verschleiert das Allegro un poco agitato eröffnete und später dann stimmungsverwandte lyrische Gedanken einbezog. Die Durchführung verdunkelte sich bei dieser konzentrierten Wiedergabe leidenschaftlich-unruhig. Das Geschehen klärte sich jedoch auf – und es erklang wieder die Einleitungsmelodie voller Wehmut. Als lustiges Stimmungsbild mit schottischen Melodien erschien das Scherzo Vivace non troppo. Friedlich und gelöst zeigte sich das Hauptthema des Adagios mit seinem warmen und weichen Wohlklang. Auch der trauermarschartige Rhythmus des düsteren zweiten Themas wurde voll erfasst. Das zweiteilige Finale Allegro vivacissimo begann in der Interpretation von Joel Sandelson zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart mit einem markanten, marschartigen Thema, das sehr akzentuiert betont wurde. Der energische Ton wechselte in lyrische Passagen über. Eine kriegerische Erinnerung mit einem triumphierenden Thema beschloss diese Sinfonie stürmisch.
Ein weiterer Höhepunkt war die leidenschaftliche Wiedergabe der Sinfonie Nr. 8 in G-Dur op. 88, der „Englischen“, von Antonin Dvorak mit dem ausgezeichneten Landesjugendorchester Baden-Württemberg unter der energischen Leitung von Christoph Altstaedt. Der beneidenswerte Reichtum der musikalischen Einfälle kam hier voll zur Geltung. Melodien, Temperament und harmonische Stimmungen erschienen ebenso locker wie glanzvoll. Der Charakter der slawischen Rhapsodie ließ sich bei dieser Wiedergabe nicht verleugnen. Ein balladenhafter Grundzug drängte das sinfonische Prinzip etwas zurück, was Christoph Altstaedt mit dem Landesjugendorchester sehr temperamentvoll betonte. Das Scherzo gefiel als schwungvoller böhmischer Walzer. Die Melancholie des Adagios besaß eine eigenartige, stimmungsvolle Schönheit. Und das tanzfrohe Nationaltemperament triumphierte im Finale in überaus ausgelassener Weise. Nach der Fanfaren-Einleitung entwickelte sich das harmonische Geschehen konsequent und stilsicher bis zur Coda. Als Zugabe folgte noch ein irisches Lied mit bewegendem Gesang. Riesenjubel, frenetischer Schlussapplaus für dieses betont „britische“ Programm.
Alexander Walther

