STUTTGART/Liederhalle: 6. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 21.6.2026 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART
Hymnisch ekstatische Krönung

Cornelius Meister. Foto: Sebastian Mare
Mit diesem fulminanten Mahler-Zyklus verabschiedet sich Cornelius Meister als Generalmusikdirektor in Stuttgart. Im ersten Konzert am Sonntag stand zunächst die recht unbekannte Sinfonie Nr. 7 in C-Dur „Le Midi“ aus dem Jahre 1761 von Joseph Haydn auf dem Programm. Optimismus und heiterer Frohsinn waren hier überall herauszuhören. Und die Musiker des Staatsorchesters Stuttgart arbeiteten unter Meister die konzertanten Elemente in hervorragender Weise heraus. Die Sinfonie Nr. 7 ist der Mittelteil eines dreiteiligen Sinfoniezyklus mit „Der Morgen“, „Der Mittag“ und „Der Abend“, der von Haydns Dienstherrn, dem Fürsten Paul Anton, im Jahre 1761 in Auftrag gegeben wurde. Die Elemente des barocken Concerto grosso blitzten hier in bewegender Weise auf. Zwei Violinen, ein Violoncello und im letzten Satz eine Flöte wurden dabei dem Orchester in reizvoller Weise gegenübergestellt. Das Rezitativ für Solovioline eröffnete den langsamen Satz. Eine Duett-Szene für Violine und Violoncello wirkte hier ausgesprochen erfrischend. Ausgezeichnet war anschließend die feurig-stürmische Wiedergabe von Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 1 in D-Dur aus den Jahren 1885 bis 1888. Ursrpünglich hatte Mahler ihr ein Programm nach Jean Pauls Dichtung „Der Titan“ zugrunde gelegt, tilgte es aber später wieder, so dass man nicht berechtigt ist, in der vorliegenden Fassung noch engere Beziehungen zu Jean Pauls Helden zu konstruieren. Als Themen verwendet Mahler mehrfach Melodien aus seinem Zyklus „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Die Substanz des Sonatenschemas meisselte Cornelius Meister im ersten Satz klar und deutlich heraus. Die Formabschnitte waren hier vermischt. Aus zarten Naturlauten, aus behutsamen Fanfaren von Weckrufen, aus weichen Hornweisen und dunkel empordrängenden Bassmotiven entstand hier gewaltig die Klangvision des erwachenden Morgens. Man spürte bei dieser Wiedergabe, wie stark die Themen untereinander verwandt waren. Das Scherzo gab sich dann unproblematisch. Über derben Bässen entfaltete sich wirkungsvoll die Ländlermelodie. In diese derbe, erdnahe Stimmung fügte sich das Trio als idyllischer Gegensatz ein mit schwärmerischen Melodien und Schubertscher Anmut. Dumpf wie ein Trauerkondukt hob „feierlich und gemessen“ der dritte Satz an. Sein Kopfthema über Paukenschritt gefiel als Volksliedmelodie „Bruder Jakob“, mit spürbaren Beziehungen zum Hauptthema des ersten Satzes. Plötzlich traten Fetzen böhmischer Melodien mit heuchlerischen Seufzern hervor. Diese sonderbaren Klagetöne wirkten wie eine gespensterhafte Parodie. „Stürmisch bewegt“ wurde im Finale aus Motivteilen das Hauptthema geboren. Mit entschlossener Energie ließ es sich auf das harmonische Geschehen ein. Nach sehr ernster und erregter Auseinandersetzung zeichnete sich mehrfach der ungeheuer sieghafte Schluss ab. Themen und Fanfaren des ersten Satzes mündeten in einen befreiten Jubel! Zuvor hatte das kraftvoll betonte Marschmotiv für Furore gesorgt. Und wie eine Erlösung wirkte der Einsatz des zweiten Themas, zart erklang es zunächst pianissimo in den Geigen. Die Hörner meldeten sich – und mit leidenschaftlicher Kraft eilte alles dem überwältigenden Ende zu. Eine hymnisch-ekstatische Krönung forderte die Ovationen des Publikums im Beethovensaal geradezu heraus. Es folgen in der nächsten Woche noch die Mahler-Sinfonien Nr. 6 und Nr. 9.
Alexander Walther

