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STUTTGART/ Liederhalle: BEETHOVENS NEUNTE SINFONIE mit den Münchner Symphonikern

29.12.2017 | Konzert/Liederabende

Gastspiel: Beethovens neunte Sinfonie mit den Münchner Symphonikern am 29. Dezember 2017 im Beethovensaal der Liederhalle/STUTTGART

JA ZU EINEM TRAGISCH ÜBERSCHATTETEN LEBEN

Der in Franken geborene Dirigent Florian Ludwig begreift Ludwig van Beethovens neunte Sinfonie in d-Moll op. 125 mit dem Schlusschor über Schillers Ode „An die Freude“ als Fazit seiner vorangegangenen Sinfonien und als Resümee eines tragisch überschatteten Lebens. Auf der anderen Seite musizieren die Münchner Symphoniker als aufstrebendes Orchester mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und dynamischen Akkuratesse, die neue Sichtweisen auf das großartige Meisterwerk eröffnen. Die Wucht des Ausdrucks steht so zwischen sphärenhaft-geheimnisvollen Passagen, die tief im Gedächtnis bleiben. Leise und konturlos beginnt zunächst der erste Satz Allegro ma non troppo, un poco maestoso. Das gezackt niederstürzende Hauptthema bricht dann mit elementarer Wucht herein, wobei die Dreiklangstöne der Grundtonart präzise Formen besitzen. Auch der vielgestaltige Komplex des Seitenthemas geht nicht unter und wird vom leidenschaftlichen Trotz eines verbissenen Motivs ergänzt. Der Kampf zwischen Hell und Dunkel vollzieht sich hier in facettenreichen Kontrasten. Stürmisch bäumt sich das Hauptthema zuletzt auf. Auch die markante Scherzoform des zweiten Satzes akzentuieren die Münchner Symphoniker unter Florian Ludwigs Leitung überzeugend, dessen Kopfmotiv an den ersten Satz erinnert. Ludwig macht die thematischen Zusammenhänge immer wieder in transparenter Weise sichtbar, ohne den Gesamtzusammenhang zu verlieren. In knisternd-elektrisierendem Fugato jagt das Scherzo-Thema gespenstisch daher, wobei der hartnäckige Rhythmus nie vernachlässigt wird. Die scheinbar versöhnlichen Episoden werden eindringlich in das unheimliche Geschehen integriert. Und die Dur-Melodie besitzt Assoziationen zum Schluss-Satz, was Florian Ludwig mit den Münchner Symphonikern bedeutungsvoll betont. Ein erhabener Gesang blüht dann im Adagio molto e cantabile des dritten Satzes auf, der ebenfalls mit betörender Durchsichtigkeit musiziert wird. Bei Florian Ludwig verliert Beethoven zuweilen zunehmend seine tragische Schwere. Die Violinen verkünden so Demut und Ergebenheit zugleich. In Variationen steigern beide Melodien ihre Intensität – gefolgt von den sanft intonierenden Holzbläsern. Der vierte Presto-Satz beginnt bei dieser insgesamt gelungenen Wiedergabe mit einem grellen Ausbruch ohne Beteiligung der Streicher. Und mit einem wuchtigen Rezitativ antworten die tiefen Streicher sehr markant. Die Hauptthemen erscheinen wie ungeheure Erinnerungsfetzen. Oboen und Fagotte spielen zart auf die Melodie der Freudenhymne an.

„O Freunde, nicht diese Töne!“ stimmt der voluminöse Bariton von Karsten Mewes an (der übrigens bei Christoph Schlingensiefs „Parsifal“-Inszenierung 2007 in Bayreuth den Klingsor verkörperte) – und die vier Gesangssolisten Melanie Maennl (Sopran), Nathalie Flessa (Mezzosopran), Jörg Dürmüller (Tenor) und Karsten Mewes (Bariton) singen die Worte der Freudenhymne feinsinnig aufeinander abgestimmt. Der Münchner Brahms-Chor, Münchner Konzertchor und der Münchner Oratorienchor unter der einfühlsamen Leitung von Andreas Schlegel machen die leidenschaftliche Begeisterung dieses Freudentaumels beim überwältigenden Höhepunkt „…und der Cherub steht vor Gott“ mit großer Intensität deutlich. Große Trommel, Triangel und Becken werden hier nie aufdringlich eingesetzt, sondern fügen sich oftmals dezent in den harmonischen Gesamtablauf ein. Auch die marschartige Episode „Froh, wie seine Sonnen fliegen“ mit ihrem Nachhall der Türkenkriege schaffen eine rhythmisch aufwühlende Aura. Es gelingt Florian Ludwig als Dirigent, alle klanglichen Fäden zusammenzuhalten und Konflikte zu entwirren. Das schafft wiederholt Spannungsbögen, die nicht nachlassen. „Seid umschlungen, Millionen“ klingt hier wirklich wie ein bewegender Appell an die gesamte Menschheit. Überirdisch erscheint die magische Stelle „“über Sternen muss er wohnen“.

Und die grandiose Doppelfuge mit den Themen der Freudenhymne und des „Seid umschlungen“ steigert noch die ekstatische Begeisterung. Großer Beifall und Jubel.

Alexander Walther

 

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