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STUTTGART / Liederhalle: 7. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS MIT WAGNER UND STRAUSS

12.07.2015 | Konzert/Liederabende

Stuttgart/ Liederhalle: 7. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart mit Tschaikowsky und Strauss

FULMINANTE DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG

7. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart „Heldenleben“ am 12. Juli 2015 im Beehovensaal der Liederhalle/STUTTGART Der ehemalige Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart, Manfred Honeck, kehrte zusammen mit dem hervorragenden russischen Pianisten Kirill Gerstein (Professor an der Stuttgarter Musikhochschule) nach Stuttgart zurück. Auf dem Programm stand zunächst die deutsche Erstaufführung der neu edierten zweiten Fassung von Peter Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 35. Gerstein hat sich für diese zweite Fassung entschieden, weil sie von Tschaikowsky selbst so gewollt war. Die allseits bekannte dritte Fassung stammt offensichtlich von seinem Schüler Alexander Siloti. In allen Sätzen gibt es deutliche Änderungen, die Kirill Gerstein zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart unter der temperamentvollen Leitung von Manfred Honeck äusserst virtuos herausarbeitet. Die Forte-Akkorde sind nun arpeggiert – die am deutlichsten herauszuhörende Veränderung. Sogleich die majestätische Einleitung arbeitet Gerstein zusammen mit dem Orchester melodisch eingängig, aber mit sehr zügigen Tempi heraus. Eher sphärenhaft als wuchtig von den Klavier-Akkorden überhöht, mündet diese Eröffnung bei dieser ausgeklügelten Interpretation in das bei aller Kraft fast spielerische erste Thema, während das zweite Thema an Schumanns Innigkeit erinnert. Mit virtuosem Glanz und elegantem Schwung nutzen Kirill Gerstein und das Staatsorchester unter der Leitung von Manfred Honeck dieses Material für den reich ausgestalteten Satz, in dem trotz aller Leidenschaftlichkeit das lyrische Element vorherrscht. Und wie eine mondäne Elegie singt hier das Andantino semplice seine slawisch umschattete Melodie und verspricht in dem anfangs sehr beschwingten Mittelteil viel, was der Walzer des Orchesters unter den Klavierarabesken nur teilweise hält. Grandios gelingt Kirill Gerstein dann das Finale mit seinen enormen Klangkaskaden und den rasenden Figurationen. Diese Themen des Finales, Allegro con fuoco, konnten beide nur einem Russen einfallen. Während das erste mit wilder Freude seinen eigensinnigen Rhythmus ausspielt, prangt das zweite mit seiner satten Melodie. Virtuose Kapriolen überschlagen sich hier, ehe vor dem glanzvollen Schluss das zweite wie eine begeisterte Hymne aufstrahlt. Als Zugabe spielte Gerstein noch Franz Liszts „Eroica“ mit herausragenden chromatischen und kontrapunktischen Explosionen. Sehr wuchtig und feurig musizierte das Staatsorchester Stuttgart unter Manfred Honeck dann die Tondichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss (Solovioline: Jewgeni Schuk). Manfred Honeck lässt bei seiner Wiedergabe deutlich werden, dass hier sehr wohl Richard Strauss selbst der Held ist. Die wilhelminische Selbstglorifizierung treibt Manfred Honeck als umsichtiger Dirigent hier jedoch nicht auf die Spitze. Stellenweise scheint man sogar „Eduard Hanslick“ aus den ruhig-abgedunkelten Bläsereinsätzen herauszuhören, wie der Dramaturg Patrick Hahn meint. Es kommt bei dieser Wiedergabe jedenfalls zu imponierenden dynamischen Steigerungen. Als Held rechnet Strauss hier gnadenlos mit seinen Widersachern ab, die er noch ätzender zeichnet als seine kaum beschönigte Gefährtin. Darauf geht auch Manfred Honeck zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart ein. Sicher und selbstbewusst stellt er seinen Helden vor. Idealistischer Enthusiasmus wird dabei mit bürgerlicher Behäbigkeit ausgesöhnt. Man erinnert sich sogar an Bruckners siebte Sinfonie. Unzweifelhaft läuft dieses „Heldenleben“ ganz entfernt parallel zu jener Sinfonie. Das Kopfthema mit seinen vielen motivischen Entsprechungen zeigt bei dieser Interpretation einen enormen Klangfarbenreichtum, der unter die Haut geht. Die „Widersacher“ stellt Manfred Honeck zusammen mit dem suggestiv und süperb musizierenden Staatsorchester Stuttgart in raschen Tempi als hämische und kleinliche Nörgler vor. Sehr gelassen und überlegen reagiert dabei „der Held“. Auch die breit strömende Liebesszene kommt hierbei nicht zu kurz. Sehr kriegerisch akzentuiert Manfred Honeck zusammen mit dem exzellent musizierenden Staatsorchester Stuttgart die Trompetensignale des Helden. Die grenzenlose Selbstironie wird in bajuwarischem Walzertakt auf die Spitze getrieben. Dass es sich hier vielleicht um einen Kriegshymnus auf Kaiser Wilhelm II. handeln könnte, lässt der ungeheure Klangapparat allerdings auch in Stuttgart erahnen. Der „tapfere Soldat“ Strauss geht bei dieser Interpretation jedenfalls als deutlicher Sieger hervor, denn Manfred Honeck gelingt es souverän, die harmonischen Strukturen dieses Meisterwerks offenzulegen. Mit stolzer Bescheidenheit wird dann auf „des Helden Friedenswerke“ hingewiesen. Sehr kunstvoll verflechten sich bei Manfred Honeck und dem Staatsorchester Stuttgart Selbstzitate vom „Traum durch die Dämmerung“ über „Don Juan“, „Macbeth“, „Tod und Verklärung“, „Eulenspiegel“ und „Zarathustra“ bis zu „Don Quixote“. Der Selbstruhm ist dabei aber kein oberflächlich klingender „Gobelin“. Sehr schön spielt das Staatsorchester unter Honeck zuletzt „Des Helden Weltflucht und Vollendnung“. Da schalmeit das Heldenthema im Englischhorn so unzweideutig, dass dieser letzte Akt der wilhelminischen Heldentragödie nur die berühmte Villa in Garmisch zum Schauplatz haben kann. Berückende spieltechnische Zärtlichkeit und intimer Zauber kennzeichnen unter der Leitung von Manfred Honeck diesen ergreifenden Abschluss. Frenetischer Schlussjubel.

 Alexander Walther

ALEXANDER WALTHER

 

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