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STUTTGART/ Liederhalle: 5, SINONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS UNTER MANFRED HONECK . Interessante Verbindungslinien

19.04.2026 | Konzert/Liederabende

5. Sinfoniekonzerts des Staatsorchesters Stuttgart mit Manfred Honeck des Staatsorchesters Stuttgart mit Manfred Honeck (19. April 2026)

Interessante Verbindungslinien

Die vielfältigen Verbindungslinien zwischen Amerika und der Tschechoslowakei gipfeln in Antonin Dvoraks Sinfonie Nr. 9 in e-Moll op. 95 „Aus der Neuen Welt“. Das Staatsorchester Stuttgart spielte bei diesem denkwürdigen Konzert unter der inspirierenden Leitung seines früheren Generalmusikdirektors Manfred Honeck jedoch zunächst „Four Black American Dances“ aus dem Jahr 2022 von Carlos Simon. Tänze waren für die schwarzen Communities in den USA schon immer wichtig. Vier Tänze hat der US-amerikanische Komponist Carlos Simon hier komponiert. Auf einen „Ring Shout“ folgen ein Walzer, ein Stepptanz und schließlich ein „Holy Dance“. Zwischen spirituellem Ritual und rasanter Unterhaltung wechseln sich die Stilrichtungen ab. Im ersten Stück dominieren abfallende Glissandi in den Trompeten und fallende Linien, wärend der Walzer mit seinen ausschweifenden Melodiebögen an die Debütantenbälle erinnert. Das Klappern des Schlagzeugs tritt dann beim dritten Stück „Top!“ hervor, wo die Magie des Stepptanzes beschrieben wird. Spiritualität gipfelt mit einem Tremolo-Sturm zuletzt bei „Holy Dance“. Auch hier gewann der umsichtige Dirigent Manfred Honeck dem ausgezeichneten Staatsorchester Stuttgart ein Höchstmaß an Präzision ab. Der ekstatische Tanz von „Ring Shout“ setzte sich hier in fulminanter Weise fort. Das mysteriöse Flirren der Streicher entfaltete bei dieser suggestiven Wiedergabe eine geradezu magnetische Wirkungskraft. Man spürte bei diesen explosiven Stücken, dass Carlos Simon ein großes Faible für Foxtrott, Boston, Slingan sowie Passo doppio als Tanzarten besitzt. Das kurze Motiv wird immer wieder wiederholt. Anschließend waren „Fünf Stücke“ in der sehr gelungenen Fassung für Orchester von Manfred Honeck und Thomas Ille (2021) nach der Originalfassung für Streichquartett aus dem Jahre 1923 des jüdischen Komponisten Erwin Schulhoff zu hören. Der große Klangfarbenreichtum dieser Musik kommt bei der kunstvollen Bearbeitung hervorragend zum Ausdruck. Der in Prag geborene Komponist hat hier Modetänze der 1920er Jahre in virtuoser Weise aufgegriffen. Er starb 1942 in einem KZ-Lager in Bayern. Im Stil des Wiener Walzers hat Schulhoff den ausdrucksstarken ersten Satz entwickelt. Der Zweiertakt setzt sich post-tonal durch. Die Trompete übernimmt bei der Orchesterfassung eine vorwärtstreibende Kraft. Sehr schön intonierte das Staatsorchester Stuttgart unter Honeck die Pizzicati der Streicher, wo sich kreisende Bewegungen immer deutlicher durchsetzten. Dreier- und Zweiertakt verbinden sich reizvoll. Klarinette und Oboe ersetzen die Violinen in der Orchesterfassung im zweiten, serenadenhaften Satz. Es folgt eine gespenstische Überleitung von Marimba und Harfe. Erinnerungen an die tschechische Heimat treten im dritten Satz „Alla Czeca“ stark in Erscheinung. Und ein rhythmisch punktierter Milonga-Rhythmus dominiert beim vierten Satz „Alla Tango milonga“. Die wirbelnde Tarantella des Finales riss dann alle Zuhörer sofort mit! Erwin Schulhoff spielte übrigens im Jahre 1901 im Alter von sieben Jahren erfolgreich Antonin Dvorak am Klavier vor, von dem zum Abschluss in einer exzellenten Wiedergabe die Sinfonie Nr. 9 in e-Moll op. 95 „Aus der Neuen Welt“ erklang. Nach einer kurzen, spannungsreichen Adagioeinleitung eröffnete das naturfrische Hauptthema den an Beethovens Sonatenschema orientierten ersten Satz „Allegro molto“. Dem Vordersatz der Hörner ließen die Klarinetten wie eine böhmische Polka den Nachsatz folgen, der auch an Schuberts Siebente erinnerte. Dreimal war der Gruß der Heimat in facettenreichen Fortspinnungen und Umspielungen zu hören, dann stimmten Flöten und Oboen ausdrucksvoll das zweite Thema an. Die amerikanische Herkunft dieser Melodie klang hier slawisch und träumerisch zugleich. Energischere Töne besaß das dritte Thema, das frisch in der Flöte ertönte. Durchführung, Reprise und Coda waren wie aus einem Guss. Leise und geheimnisvolle Bläserakkorde meldeten sich im zweiten Largo-Satz. Die schwermütige Legende der indianischen Prärie prägte sich tief ein. Stimmungszauber strahlte die Hauptmelodie aus, die sich melancholisch im Englisch-Horn meldete. Eine sehnsüchtige Flötenmelodie beherrschte den Mittelteil, an der Steigerung beteiligte sich der Widerhall eines Negro-Spirituals. Drohend ragte in den Posaunen das Hauptthema des ersten Satzes auf. Robust und temperamentvoll behauptete sich die rhythmisch spritzige Melodie im Scherzo, Molto vivace. Die Largo-Melodie des Englisch-Horns war ebenfalls wieder versteckt herauszuhören. Das dreiklangfrohe Holzbläserthema wirkte wie eine Huldigung an Schubert. In der Coda triumphierte das Hauptthema des ersten Satzes. Am besten interpretierte das Staatsorchester Stuttgart unter Manfred Honeck dann das stürmisch-atemlose Finale, Allegro con fuoco. Die Trios in E-Dur und C-Dur weckten böhmische Weisen.  Tschaikowsky ließ grüßen, doch die böhmische Heimatmelodie offenbarte eine hinreissende Kraft und Klarheit. Antonin Dvorak erschien als großer, absoluter Musiker. Melodien aller vier Sätze gipfelten in einer dynamisch grandios musizierten Stretta! Der Sound des Pittsburgh Symphony Orchestra war sogar spürbar.

Viele „Bravo“-Rufe, starker Schlussapplaus.   

Alexander Walther   

 

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