4.Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart unter Dennis Russell Davies am 22.2.2026 in der Liederhalle/STUTTGART
Sehr kompaktes Klangbild
Der frühere Stuttgarter Generalmusikdirektor Dennis Russel Davies hat tatsächlich eine besondere Affinität zu den tschechischen Sagen und Orten, die in Bedrich Smetanas berühmtem Tondichtungszyklus „Mein Vaterland“ vorkommen. Er dirigierte als Chefdirigent auch die tschechische Filharmonie Brno. Der präzise Quartsprung der ersten Tondichtung „Vysehrad“ mit den geheimnisvollen Harfen der mittelalterlichen Barden prägt sich in der Liederhalle besonders gut ein. Davies betont eher gemächliche und langsame Tempi, ohne den Blick für elektrisierende Spannungskraft zu verlieren. So spannt sich ein riesiger dynamischer Bogen über diese klangschöne und kultivierte Wiedergabe, wobei sich das akkordische Vierton-Motiv in wunderbarer Weise entfalten kann. Der frühmittelalterliche Burgwall zeigt eine irisierende mystische Größe. Wie ein Echo ertönt hier der längst verklungene Gesang des Sängers Lumir. Und die feierliche Größe des Vysehrad-Motivs wird voll erfasst. Die Vielzahl der melodischen Motive in der zweiten Tondichtung „Die Moldau“ blühen in geradezu leidenschaftlicher Weise auf. Die Momente der Wellenbewegung werden so minuziös erfasst. Das Sechzehntelmotiv der Flöten mit der Pizzicati-Begleitung der Streicher prägt sich tief ein. Die Nachtstimmung des Nymphenreigens wird ebenfalls sehr einfühlsam herausgearbeitet. Als plötzlich die Stromschnellen erscheinen, die am Vysehrad-Felsen vorbeiströmen, kommt es zu einer gewaltigen harmonischen Verdichtung des gesamten Staatsorchesters. Wirbelnd jagen und drängen die Motive und stieben wie in schäumenden Gischt auseinander. Dennis Russell Davies behält jedoch stets den Überblick und achtet auf die Feinheiten der Instrumente. So hellt sich das e-Moll in bewegender Weise nach Dur auf. Das Rieseln der zweiten Quelle wird in den Klarinetten deutlich vernehmbar. Immer breiter strömt die Melodie dahin. Hörner und Trompeten künden von einer frohen Jagd. Auch der übermütige Polkatanz am Ufer besitzt Ausdruckszauber. Das dritte Stück „Sarka“ schildert eine Geschichte aus der berühmten böhmischen Sagenwelt. Sarka gehört hier zu den Anhängerinnen der Herrscherin Libuse. Mit ihrem Tod verloren die Amazonen ihren hohen Status und wurden von den Männern des Hofstaates gedemütigt, woraufhin sie sich geschworen hatten, diese zu vernichten. Dennis Russell Davies arbeitet mit dem Staatsorchester Stuttgart diese gewaltigen dramatischen Kämpfe packend heraus. Zügellose Energie und schroffe Akkorde beschreiben die wütende Sarka, die den in sie verliebten Ctirad schließlich tötet. Ein Hornuf gibt hier das infernalische Zeichen zum Sturm! Mit wilder Raserei sorgt die Stretta für einen schroffen Ausklang. Das schmetternde Furioso im Sinne Franz Liszts wird von Davies packend gestaltet. Poetisch-stürmisches g-Moll liegt über der Wechselharmonik der vierten Tondichtung „Aus Böhmens Hain und Flur“, wobei die melancholischen Holzbläser hervorstechen. Die reiche, gesegnete Schönheit der Heimat schildern bei dieser bewegenden Interpretation die begeisterten Klänge der Einleitung, in der die Blechbläser wieder die Erinnerung an den Vysehrad wachrufen. Dann verhallt das von echter Ergriffenheit getragene Loblied auf die Heimat, und berührend singen die Klarinetten von der Heimatliebe Smetanas. Die gleiche innige Empfindung beseelt eine Oboen-Melodie, nur munterer und unbeschwerter. Ein freundliches Streicher-Fugato führt in den Wald, dessen Naturlaute sich bei dieser Wiedergabe sehr deutlich mit den Nachklängen des Moldau-Themas mischen. Dazwischen sind erfrischende Polka-Rhythmen zu hören. Aus der Ferne erklingt eine schlichte, fromme Weise der Hörner und Klarinetten. Alles entfaltet sich in glanzvoller Pracht. Gerade wenn sich in einer Klarinettenmelodie besinnlichere Stimmung verbreiten will, feuert die Polka die Tanzenden neu an! Der fromme Gesang der Holzbläser leitet dann zum Jubel der Heimat über. Der Untergang der Hussiten wird berührend im fünften Stück „Tabor“ hörbar. Die Huldigung an die mittelalterlichen Glaubenskämpfer gipfelt im düsteren Hussitenchoral „Die ihr Gottes Streiter seid“. Und dieses gewaltige Choralthema kehrt bei der letzten Tondichtung „Blanik“ eindrucksvoll zurück. Das Staatsorchester Stuttgart betont hier unter Dennis Russell Davies den machtvollen Glanz der Polyphonie. In dem Berg Blanik sollen sich die „Streiter Gottes“ verborgen halten, um in Notzeiten dem Vaterland beizustehen. Der Siegeshymnus in Marschform wird bei dieser Wiedergabe machtvoll, kompakt und klangschön betont. Lang anhaltender Schlussapplaus und „Bravo“-Rufe im Beethovensaal.
Alexander Walther

