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STUTTGART/ Liederhalle: 4. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS STUTTGART . Alondra de la Parra; Albrecht Mayer (Prokofjew; Elgar; Marquez)

23.04.2023 | Konzert/Liederabende

STUTTGART/ Liederhalle: 4. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS STUTTGART  am 22.4.2023

Traum von einer besseren Welt

Die mexikanische Dirigentin Alondra de la Parra stand diesmal am Pult des Staatsorchesters Stuttgart. Gleich zu Beginn überzeugte das Orchester bei Sergej Prokofjews Sinfonie Nr. 1 in D-Dur, der von Haydn inspirierten „Symphonie Classique“. Die Klarheit in der Form erhielt vollen Ausdruck. Aber auch die graziösen und eingängigen Melodien kamen hier nicht zu kurz. Funkelnder Witz und  charmante Harmonik wechselten sich ab. Das zweite Thema des ersten Allegro-Satzes besaß eine leise Ironie. Die empfindsame Melodie des dreiteiligen Larghetto überzeugte die Zuhörer ebenso aufgrund ihrer empfindsam musizierten Melodik. Der behäbige Fagott-Gedanke des Mittelteils stach in reizvoller Weise hervor. Und die Gavotte überraschte mit behäbiger Eleganz bei der Flöten- und Klarinettenmelodie. Knisternd-elektrisierend kam das Finale mit seinem koketten Flötenthema daher. Der vielfach preisgekrönte  Oboist Albrecht Mayer interpretierte anschließend zusammen mit dem einfühlsam spielenden Staatsorchester unter Alondra de la Parra „Soliloquy“ für Oboe und Orchester aus dem Jahre 1930 von Edward Elgar. Claude Debussy und Richard Strauss blieben hier spürbar. Kontrapunktisch vielschichtig erschien diese von Elgar als „Selbstgespräch“ bezeichnete Komposition. Das Konzert für Oboe und Streicher in a-Moll von Ralph Vaughan Williams entstand während des Zweiten Weltkriegs. Auch hier gelang es Albrecht Mayer vorzüglich, die spätromantische Klangsprache in ausdrucksvollen Kantilenen zu beschwören. Dynamische Kontraste unterbrachen immer wieder reizvoll die leidenschaftlich musizierten Melodiebögen der Oboe, mit der Albrecht Mayer äusserst virtuos spielte und sämtliche Klangbereiche auszunutzen schien. Die Kadenz mündete schließlich in einen wunderbar zarten Pianissimo-Ton. Im zweiten Satz faszinierte hier das sphärenhaft leicht präsentierte Menuett-Thema über einer facettenreichen Pizzicato-Begleitung. Die lang gehaltenen Töne der Oboe besaßen dabei eine erstaunliche Intensität. Das Finale begeisterte als mitreissendes Scherzo mit zwei Trio-Teilen, wobei ein Walzer-Rhythmus in bewegender Weise hervorstach. Der G-Dur-Ausklang wirkte fast weihevoll. Als berührende Zugabe spielte der auch bei den Berliner Philharmonikern wirkende Albrecht Mayer noch Johann Sebastian Bachs berühmte Weise „Ich hatte viel Bekümmernis“.

Zum Abschluss sorgte die „Sinfonia Imposible“ (2022) des mexikanischen Komponisten Arturo Marquez als Deutsche Erstaufführung für Furore. Es handelt sich dabei um ein rhythmisch explosives Werk, dessen klangliche Reize die Dirigentin Alondra de la Parra mit dem Staatsorchester in genialer Weise einfing. Diese „unmögliche Sinfonie“ ist eigentlich der Traum von einer besseren Welt. Vier Töne bilden dabei ein zentrales Ausdrucksmittel. Der Satz „Berg der Wende“ eröffnet dieses elektrisierende Werk, das dem Klimawandel gewidmet ist. Blechbläser und Streicher schaffen eine dramatische und erhabene Aura. Alondra de la Parra interpretierte diese Musik glutvoll und leidenschaftlich – ohne thematische Brüche. Auch die herabsteigenden Hörner spielen immer wieder virtuos mit dem Motiv. Im nächsten Satz „Resiliencia“ dominiert wieder die intensive Horngruppe. Das Staatsorchester Stuttgart spielte unter Alondra de la Parra mit höchster Konzentration und nie nachlassender Energie. Strahlende Blechbläser-Passagen prägten sich beim Hörer tief ein. Der tänzerische Zauber des nächsten Satzes „Equidad“ wurde vom Staatsorchester unter Alondra de la Parra ebenfalls eindringlich interpretiert. Der Dialog zwischen Violine und Viola symbolisiert hier den sehr lebendigen Dialog zwischen einer Frau und einem Mann. Das anschließende Unisono demonstriert die Gleichstellung der Geschlechter.  Im Satz „Keine Rückkehr“ wird das schwierige Thema der Migration aufgegriffen. Klarinette und Trompete stehen im Zentrum. Grandios wirkte dann der Satz „Controversia“ mit zwei miteinander heftig wetteifernden Violinen. Majestätische Akkorde der Posaunen meldeten sich im Satz „Utopia Mayor“ zusammen mit Streicherklängen und hellen Klängen des Glockenspiels. Im letzten Satz „Tal der Wende“ kam es zu einer überwältigenden dynamischen Steigerung des gesamten Orchesters. Großer Jubel. 

Alexander Walther

 

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