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STUTTGART/ Liederhalle: 1. KAMMERKONZERT DES STAATSORCHESTERS „NEW WORLD“

30.09.2021 | Konzert/Liederabende

1.Kammerkonzert des Staatsorchesters „new world“ im Mozartsaal der Liederhalle am 29.9.2021/STUTTGART

Klangfarbenreiches Musikantentum

Es war das erste Konzert der neuen Saison mit einem außergewöhnlichen Programm. Das Staatsorchester Stuttgart mit Muriel Bardon (Violine), Doris Erdmann (Violoncello) und Yujin Bae (Klavier) eröffnete den Abend mit Erich Wolfgang Korngolds Klaviertrio D-Dur op. 1, das dieser im zarten Alter von 12, 13 Jahren mit unglaublicher Reife komponierte. Korngold galt als „Mozart des 20. Jahrhunderts“. Hier werden in harmonischer Hinsicht Bezüge zum Jugendstil hergestellt. Vor allem den abschließenden Walzer interpretierten die bestens aufeinander abgestimmten Musiker des Staatsorchesters Stuttgart mit geradezu überwältigender Schwungkraft. Tremolo- und Pizzicato-Effekte wechselten sich hier in rasanter Weise ab. Selbst Filmmusik-Momente waren klangfarbenreich herauszuhören. Die klanglichen Kühnheiten besaßen fast etwas Ekstatisches, Überirdisches. Böhmisches Musikantentum blühte dann bei Antonin Dvoraks Streichquintett G-Dur op. 77 auf, wo Veronika Unger, Lilian Scheliga (Violine), Daniel Schwartz (Viola), Philipp Körner (Violoncello) und Manuel Schattel (Kontrabass) den suchenden Charakter des Kopfsatzes in ausgezeichneter Weise herausarbeiteten. Lebhafte dynamische Steigerungen erinnerten dabei an Schubert. Das Triolenmotiv fesselte mit einem bemerkenswerten Rhythmus. Knapp und intensiv wirkte die Durchführung, wobei die lyrischen und überschwänglichen Passagen des Hauptthemas nicht zu kurz kamen. Das zweite Thema führte in einer großen Steigerung zu einer Coda, die dann mit harmonischem Überschwang in eine Stretta mündete. Sehr markant interpretierte das Ensemble das anschließende Scherzo, dessen lyrische Kontrastmelodie facettenreich hervorstach. Der synkopierte  Rhythmus prägte sich tief ein. Der langsame Satz imponierte insbesondere durch die wunderschön betonte, intensive Gesangsmelodie, die sich immer mehr zu steigern schien. Dieser Mittelteil in E-Dur besaß hier etwas ungemein Berührendes, Verinnerlichtes. Das Finale mit seiner Variante des Hauptthemas des ersten Satzes wirkte überaus stürmisch und mitreissend. Und der Furiant-Rhythmus war sehr elektrisierend. Themen und Motive wechselten sich dabei in immer reizvollerer Weise ab. Der Charakter eines Sonatensatz-Rondos stach deutlich hervor, gipfelte nach großer Steigerung in einer beglückenden Coda.

Zum Abschluss fesselte die feurige Wiedergabe des Streichquartetts in F-Dur op. 96 „Amerikanisches Quartett“ (1893) von Antonin Dvorak, wo die kunstvollen thematischen Verschränkungen ebenfalls hervorragend herausgearbeitet wurden.  Aber auch das erfrischende böhmische Musikantentum kam beim virtuosen Spiel von Veronika Unger, Lilian Scheliga (Violine), Daniel Schwartz (Viola) und Philipp Körner (Violoncello) nicht zu kurz. Dieses „Amerikanische Quartett“ ist in Dvoraks amerikanischem Ferienort Spilville (einer tschechischen Siedlung in Iowa) entstanden. Die Thematik des ersten Satzes wirkte hier ausgesprochen ländlich und unbeschwert. Der Klangkosmos aus cis-Moll, D-Dur und C-Dur wurde dabei in feinen Nuancen ausgekostet. Eine energisch musizierte Coda beschloss diesen Satz. Dynamisch sehr ausgewogen kam dann der zweite Lento-Satz daher, dessen gemeinsamer D-Dur-Gesang der beiden Violinen sich tief ins Gedächtnis einprägte. Die Klangwelt weckte tatsächlich Assoziationen zur amerikanischen Folklore – das Pizzicato wurde von einem dezenten Bratschen-Tremolo begleitet. Sehr temperamentvoll interpretierten die Musiker das Scherzo, dessen Klangzauber sich rasch ausbreitete. Der äusserst lebendige F-Dur-Hauptteil mündete in einen tänzerischen Rausch. Die Rondo-Form des Finales erfuhr bei dieser Wiedergabe ebenfalls eine glanzvolle Darbietung, wobei die Überleitungen von As-Dur nach F-Dur und Des-Dur sowie von E-Dur nach F-Dur und Des-Dur ausgesprochen fließend waren. Das Ganze wurde sehr „sinfonisch“ interpretiert und besaß elektrisierendes Feuer. Ein amerikanischer Kritiker bemerkte übrigens noch zu Dvoraks Lebzeiten: „Warum ist dieser Dvorak nicht schon früher hergekommen, wenn er hier in Amerika eine solche Musik zu schreiben vermag?“

Begeisterter Schlussapplaus. 

Alexander Walther

 

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