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STUTTGART: LACHENMANN LABO(H)R im Kammertheater – eine neue Art des Hörens

17.11.2015 | Konzert/Liederabende

Lachenmann-Labo(h)r im Kammertheater – Oper Stuttgart

EINE NEUE ART DES HÖRENS

„Lachenmann-Labo(h)r“ im Kammertheater am 16. November 2015/

Am 27. November 2015 wird Helmut Lachenmann 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass gestalten Musik der Jahrhunderte, die Oper Stuttgart, die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart und der SWR zu Ehren des berühmten Jubilars ein besonderes Festival der „Lachenmann-Perspektiven“. Im Gespräch mit Dramaturg Rafael Rennicke erläuterte Helmut Lachenmann seine mittlerweile berühmt gewordene Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, wobei er insbesondere auf die besondere Art des Hörens einging, zu dem diese Komposition herausfordert. Ein Filmausschnitt konfrontierte das Publikum mit diesem Moment der Rebellion. Das Mädchen versucht hier der Kälte und Einsamkeit zu entfliehen, indem es Streichhölzer verkaufen möchte. „Ritsch“-Klänge verdeutlichen dabei das Anzünden der Streichhölzer, die dem einsamen Mädchen auch Wärme und Liebe geben sollen. Die gesellschaftliche Kälte hat Lachenmann dabei in ungeheuer expressive Klänge verpackt, die dem Hörer unter die Haut gehen. Man spürt die Verzweiflung des Mädchens, das sich immer wieder an seine Großmutter erinnert. Zuweilen verweigert sich die Partitur auch dem Zuhörer. Lachenmann besteht aber darauf, dass es sich hier um ein „heiteres“ Werk handelt, was nicht mit lustigen Assoziationen verwechselt werden sollte. Neben dem Heiteren steht dabei eben auch das Tragische. Das, was vorgeformt erscheint, wird bei Lachenmann bewusst ausgesperrt und ganz neu analysiert. Das gilt ebenso für die Pizzicato-Passagen. Diese „Polyphonie von Anordnungen“ fesselte das Publikum im Kammertheater aber ebenso wie die Anekdoten, die Helmut Lachenmann erzählte. So habe er zur Schauspielerin Angela Winkler einmal „etwas Schreckliches“ gesagt, indem er ihr attestierte, dass sie eine „Phonetik-Maschine“ sei. Wie kunstvoll der Text von Gudrun Ensslin in die Partitur integriert ist, blieb ebenfalls nicht unerwähnt. Helmut Lachenmann kommentierte als sensibler Sprecher diese „Zwei Gefühle. Musik mit Leonardo“ aus „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Musik in Bildern“ aus dem Jahr 1997. Die Befreiung des Menschen aus seinen sozialen Fesseln konnte man so gut nachvollziehen. Kunst soll Freiheit in einer Zeit der Unfreiheit verdeutlichen. Leonberger Klavierschüler interpretierten dann zur großen Freude des Jubilars „Kinderspiel. Sieben kleine Stücke“ von Helmut Lachenmann aus dem Jahr 1980. Ein System von virtuellen Zusammenhängen wird auch hier sehr kunstvoll beschworen. Alle strukturellen Bereiche werden so selbständig weiterentwickelt. Die artifiziellen Verfremdungen von „Hänschen klein“ (Felix Heisenberg) mündeten nach reizvollen Klanggewittern bei „Wolken im eisigen Mondlicht“ (Naemi Walter), „Akiko“ (Marvin Weis), „Falscher Chinese“ (Timo Philippin), „Filter-Schaukel“ (Felix Hable) und „Glockenturm“ (Adrian Hodum) in teilweise unheimliche Klangschattierungen und einen großen Charakterisierungsreichtum, den die Schüler der Leonberger Jugendmusikschule mit spieltechnischer Reife und Sicherheit in der Anschlagstechnik auskosteten. Louis Karsch spielte zuletzt den „Schattentanz“ mit schwungvollem rhythmischem Geschick. Jan Pas spielte „Pression“ für einen Cellisten (1969/2010) mit technischer Perfektion und Sinn für die Skordatur. Auch wird der Bogen hier mit der Faust gespielt, was ganz ungewöhnliche Hörkombinationen zur Folge hat. Man hört die Geräusche mit einer neuen, anderen Sinneswahrnehmung. Mit elegischem Ausdruck und feinen Legato-Bögen interpretierte Jan Pas als Kontrast außerdem den „Schwan“ von Camille Saint-Saens. Yuko Kakuta (Sopran) sang begleitet von  Stefan Schreiber (Klavier) sehr ausdrucksvoll und mit reicher Gestik bis hin zum Backenschlag „Got Lost. Musik für hohen Sopran und Klavier“ (Ausschnitt) von Helmut Lachenmann. Man spürte förmlich, wie sich die einzelnen Klänge aus anderen herausschälten. Das phonetische Grundmaterial wurde von Yuko Kakuta höchst virtuos auf den Kopf gestellt. Die Stimme wurde in die fein nuancierten Klavierklänge förmlich eingebettet. Verfremdete Spieltechniken markierten hierbei sehr deutlich tiefgehende Widersprüche, die sich immer weiter zuspitzten und das Publikum in Atem hielten. Als Zugabe erklang noch glasklar und mit unglaublich intensiven figurativen Einschüben die „Wiegenmusik“, die Helmut Lachenmann als Komponist selbst interpretierte. Gleichzeitig entfaltete dieser enorme Klangkosmos eine innere Logik, die sich immer mehr verstärkte. Man spürte eine starke Verwandtschaft zu Orchesterklängen, deren geheimnisvolle Durchsichtigkeit die Zuhörer gefangen nahm und stark fesselte. Aus der Verweigerung des orthodoxen Schönklangs entstand aber wiederum ein neuer Schönklang, dessen magischer Zauber mit kontrapunktischen und chromatischen Spitzfindigkeiten immer mehr überraschte.
Herzlicher Schlussapplaus. 

Alexander Walter

 

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