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STUTTGART: LA CENERENTOLA in teils neuen Händen

12.01.2019 | Oper


Maria Theresa Ullrich, Enzo Capuano, Catriona Smith und Diana Haller.Foto: Martin Sigmund

Stuttgart: „LA CENERENTOLA“ 10.1. 2019-  in teils neuen Händen

Artet die Regie von Andrea Moses im turbulenten Finale des 1.Aktes in etwas gar überzogenen Slapstick aus, so fügen sich die bereits zum Pausenende von der Tafel des Prinzen Kuchen mampfend auf die Bühne zurück kehrenden und diesen auch den Musikern und Zuschauern in den ersten Reihen anbietenden Stiefschwestern bestens in das Portrait der beiden verzogenen Töchter des Don Magnifico. Catriona Smith als Clorinda und Maria Theresa Ullrich (Tisbe) machen aus ihrem gegenseitigen Ausstechen gegenüber dem Prinzen und ihrer Einigkeit in der herab lassenden Behandlung Angelinas ein richtiges Kabinettstück, bei dem sich stimmliche und spielerische Lust die Hand reichen. Der Spaß an dieser doch eigentlich bitteren Komödie ist ihnen genauso anzusehen wie Enzo Capuano, ihrem Bühnenvater, dem etwas verarmten Baron De Montefiascone. Der joviale italienische Bass, immer wieder gern gesehener Gast am Haus, strotzte in dieser Aufführung vor besonders viel Energie und vokaler Üppigkeit, servierte die zahlreichen musikalischen Finessen seiner Partie in vollem Saft seines mehr als sonst noch tragenden Basses, der Buffo- und Seria-Qualitäten vereint und damit auch dem sprachlichen Schliff ein Gewicht von faszinierender Präzision verleiht.

Angeführt wurde das Ensemble wieder von Diana Haller als ebenso liebenswert leidende wie zusehends im Glück aufgehende Angelina. Mit jeder Faser füllt sie diese ihre bisherige Leib- und Magenrolle als letztlich bescheidene junge Frau aus, inzwischen ausgefeilt bis ins kleinste Detail ohne die Spontaneität des Augenblicks zu verlieren. Das Timbre tendiert von Mal zu mal zu hellerer Klangfarbe, in der Mittellage schwanken die Linien zwischen Mezzo und Sopran. Die Fülle einer warmen Tiefe ist gleichermaßen nach wie vor gegeben wie der leichte Aufschwung in eine körpervolle Höhe. Und weil auch die Koloraturen unvermindert sicher und beweglich wie am Schnürchen sitzen, zieht sie im Schlussrondo auch jetzt wieder alle Register in einer so reichen Verbindung, dass es den Zuhörer/schauer in den Strudel ihres Überglücks hinein reißt. Nachdem sie schon das Brautkleid abgewehrt hat, wirft sie ihre hochhackigen Schuhe zurück auf das Spielfeld und nimmt zu den letzten Takten des Orchesters mit ihrem Prinzen Reißaus. Diese finale Reaktion überrascht wohl jedes Mal aufs Neue, passt aber doch so gut in das Bild dieses vormaligen Mauerblümchens.


Diana Haller, Jarrett Ott, Petr Nekoranec. Foto: Martin Sigmund

Petr Nekoranec, der neue Belcanto-Tenor im Ensemble, gab in dieser Serie sein Debut als Don Ramiro und zeigte sich in dieser seiner vierten Vorstellung als im Wesentlichen sicherer Vertreter dieses Stimmtypus. Mit attraktivem hellem Timbre, sauberer und feiner Phrasierung in den verhalteneren Momenten sowie einer zuverlässigen, aber noch nicht so leicht und virtuos erarbeiteten Top-Höhe gestaltet der noch junge, aus dem Münchner Opernstudio hervor gegangene Tscheche einen natürlichen jungen Mann, der seinen Stand auch bei der Rückkehr in seine eigentliche Funktion nur wenig zur Schau trägt. Diesbezüglich zeigte sich Jarrett Ott als weltmännischer, wenn er als Kammerdiener Dandini mit Lust in die Rolle seines Dienstherrn schlüpft. Auch in der vokalen Ausgestaltung ist der Amerikaner großzügiger, freier und lässt mit seinem bruchlos durch die Register gleitenden Bariton so richtig die Muskeln spielen, wenn er die Verzierungen seines Parts auskostet. Das sein Geheimnis köstlich lüftende Duett mit dem vermeintlichen Schwiegerpapa wird, unterstützt von einer ganz an der Rampe nah am Publikum gehaltenen Position, mit zum Höhepunkt der Vorstellung.

Neue Sänger müssen sich wohl oder übel immer wieder mit ihren Vorgängern messen lassen. Im Falle von Pawel Konik, dem lenkenden Alidoro, fällt diese Maßnahme trotz einer grundsoliden, im Wesentlichen bewältigten musikalischen Bravour und eines sympathischen Auftretens nur wenig zu seinen Gunsten aus. Adam Palka hatte mit seinem virtuos zwischén Tiefen und Höhen spielenden Baß und seiner facettenreichen Präsenz das Niveau fast unerreichbar hoch gelegt. Der jüngere polnische Landsmann mit manchmal noch etwas flacher Tongebung und einem klanglich noch nicht ganz ausgeprägten Bariton dürfte in klassischeren Partien dieses Stimmfachs wohl besser eingesetzt sein.

Eine Klasse für sich bildete wieder die klein formierte Schar an Herren des Staatsopernchors, mit einheitlich vollem, kultiviertem Einsatz, aber in jeder Figur charakterlich individuell gezeichnet und manchmal etwas zum Übermut neigend. Bernhard Moncado hatte sie sicher vorbereitet. Reichhaltige vokale Erfahrung bringt der rumänische Dirigent Vlad Iftinca durch seine jahrelange Arbeit  als Leiter des Lindemann Young Artists Program für Nachwuchskünstler  an der New Yorker Met mit. Er beweist es im geschickten Umgang mit den einzelnen Bedürfnissen der Sänger, auch im Anziehen und wieder Loslassen der Tempi und nicht zuletzt im Zusammenhalt zumal der Ensemble-Szenen. Das Staatsorchester Stuttgart dankte es ihm mit luftig leichtem Spiel, das vielleicht im Übermut an rasanten Wendungen in den Streichern gelegentlich etwas verwischt wirkte.

Die Stimmung steigerte sich im bei weitem nicht vollen Haus zuletzt zu alle Beteiligten erfassender Begeisterung, gekrönt von einigen Solo-Ovationen.

Udo Klebes       

 

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