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STUTTGART/ Kammertheater: UN/TRUE von Gernot Grünewald und Thomas Taube. Uraufführung

30.06.2021 | Theater

Uraufführung „Un/true“ von Gernot Grünewald und Thomas Taube im Kammertheater am 29.6.2021/STUTTGART

Ein Netz aus Informationen

stz
Elias Krischke. Foto: Björn Klein

 Anhand eines Netzes von verschiedenen Informationen hinterfragen Gernot Grünewald und Thomas Taube hier Thesen und Widersprüche in unserer Wahrnehmung. Die Zuschauer werden aufgefordert, aktiv mitzumachen und sind mit Kopfhörern und Laptops ausgestattet. Ganz zu Beginn muss man im Foyer Fragebögen ausfüllen, bei denen das Thema „Elite“ in facettenreicher Weise angesprochen wird. Inwieweit werden wir von einer abgehobenen oberen Klasse beherrscht und manipuliert? Allerdings muss das Publikum auch genau den Anweisungen der Regie folgen. Michael Köpkes virtuelles Bühnenbild sowie die Kostüme von Barbara Kiss und Natalie Nazemi unterstreichen die konzentrierten Intentionen in Grünewalds Inszenierung, die sich zwischen Block-Kabinen und Schreibtischen sehr stark auf Video-Installationen konzentriert (Videokünstler: Thomas Taube; Kamera: Jochen Gehrung, Daniel Keller). Auch die Musik von Daniel Sapir trägt zu diesem suggestiven Eindruck bei. Die Schauspieler Therese Dörr, Katharina Hauter, Elias Krischke, Christina Schlögl, Peer Oscar Musinowski und Sebastian Röhrle leiten die 16 Zuschauer dabei präzis an, den Handlungsanweisungen des Computers zu folgen, was nicht immer einfach ist. Man kommt dabei zu dem Schluss, dass es durchaus im Wesen der Wissenschaft liegt, zu irren.  Die Erkenntnisse von Forschern über das Weltbild müssen deswegen revidiert werden. Mit Hilfe von Zeitungsartikeln wird unsere gesamte Existenz hinterfragt.

Es geht jedoch bei dieser Inszenierung auch um Verschwörungstheorien im Rahmen der Corona-Pandemie, die den Menschen insgesamt zu schaffen machen. Dabei wird zudem über deren Gefährlichkeit nachgedacht, weil sie sich in den Köpfen der Menschen festsetzen und sie nicht mehr loslassen. Die Zuschauer sind bei dieser Vorstellung also gleich mehrfach gefordert. So kommt es auch zu der ultimativen Frage, inwieweit man ein komplexes Weltbild in dieser permanenten Unsicherheit überhaupt ertragen kann. Wem darf man eigentlich Glauben schenken? Diese Frage steht dabei sehr zentral im Raum und bleibt in vielfacher Weise immer unbeantwortet. Selbst Verschwörungsglauben und ein versteckter Antisemitismus werden angesprochen. Psychologische Motive werden gleichsam hinterfragt – und man erhält zudem stellenweise Anweisungen, wie man auch im digitalen Raum den Verschwörungsmythen vorbeugen kann. Die Frage, wie man die Wirklichkeit denn konstruieren soll, bleibt aber selbst in der anschließenden Diskussion unbeantwortet. Es ist zuweilen ein stark dokumentarisches Kopf-Theater, das den Zuschauer überfällt. Aber die gesamte Konzeption regt natürlich auch zum intensiven Nachdenken an. Aus vielfältigen Materialsammlungen werden einzelne Elemente des Videowalks zusammengesetzt. Figuren, Sprechtexte, Erlebnisräume und kleine „Selbstexperimente“ fügen sich zu einem vielfältigen visuellen Mosaik zusammen, wobei sich die Zuschauer immer wieder in die Kabinen begeben oder an den Tischen Platz nehmen müssen. Dieser virtuelle Abend spürt jedenfalls der Frage nach, was wahr und was unwahr ist. Dies gilt ebenso für die verzweifelte Suche nach dem imaginären Punkt, der sich nicht beherrschen lässt. Man ist der Willkür des Computers hilflos ausgeliefert. Aus dieser Ohnmacht heraus agieren die Zuschauer, die sich in diesem seltsamen Kabinett nicht immer zurechtfinden. Die Unterteilung von „Gut“ und „Böse“ wird dabei gleichsam aufgehoben. Man relativiert den Blick auf die apokalyptische Weltsicht gleich in mehrfacher Hinsicht. Und es kommt auch zu intensiven Begegnungen zwischen Zuschauern und Schauspielern, die sonst im Theater selten möglich sind. 

Alexander Walther

 

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