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STUTTGART/ Kammertheater: MOBY DICK von Herman Melville

25.01.2018 | Theater

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Copyright: Julian Marbach

„MOBY DICK“ von Herman Melville im Kammertheater Stuttgart (Schauspiel) – DIE SUCHE NACH DEM VERLORENEN ICH (24.1.2018

„Ich habe ein böses Buch geschrieben und fühle mich makellos wie das Lamm“, sagte Herman Melville über seinen zunächst wenig erfolgreichen Roman „Moby Dick“. Darin wird eindringlich beschrieben, wie ein weißer Wal dem Kapitan eines Walfängers das Bein abgerissen hatte. Seither sinnt Kapitän Ahab auf Rache. Er schwört die Besatzung auf den Kampf gegen diesen schrecklichen Wal ein und scheitert tödlich. Zuletzt windet sich ein Seil blitzschnell um sein Holzbein und reisst ihn mit in die Meerestiefe.

Man hat den Text seltsamerweise als Paralleltext zu Karl Marx‘ „Kapital“ oder als Drittes Testament gelesen, was doch übertrieben erscheint. Der Regisseur Jan-Christoph Gockel schafft hier eindeutig Bezüge zu Wilhelm Hauffs Märchen vom „Gespensterschiff“, in der eine verfluchte Mannschaft mit der Erlösung ringt. Ähnlich ist es auch bei „Moby Dick“, wobei der weiße Wal hier gottähnliche Züge annimmt und als unsterblich gilt. Auf der anderen Seite weckt die subtile Inszenierung auch Bezüge zum RAF-Terrorismus, denn die RAF hat sich in den 70er Jahren nach Melvilles Roman einen Geheimcode zugelegt, mit dem sie im Stammheimer Gefängnis miteinander kommunizierte. Gudrun Ensslin bildete aus dem Text eine Grammatik für die RAF. Der weiße Wal war hier ein Synonym für den Staat als Leviathan, der gejagt und zerstört werden müsse. Für Kapitän Ahab ist es jedoch auch die Suche nach dem verlorenen Ich – und Jan-Christoph Gockel inszeniert das Stück wie den kommenden Untergang der gesamten Menschheit. Der junge Ismael glaubt sich selbst und die Freiheit zu finden und heuert deswegen auf dem Walfangschiff Pequod an. Man sieht ein Schiffswrack, das hier eigentlich auf der gesamten Bühne verteilt ist (Bühne und Kostüme: Julia Kurzweg). Dessen Kapitän Ahab hat kein geringeres Ziel als den Wal zu töten. Er startet einen aussichtslosen Amoklauf gegen die Natur, den Jan-Christoph Gockel atemlos inszeniert. Man legt die Ängste der Menschen offen. Gleichzeitig kommt es zur Doppelbesetzung der einzelnen Figuren, denn es erscheinen auch skelettartige Puppen, die den Protagonisten ähnlich sehen. „Der Mensch muss diese Maske zerschlagen“, fordert Ahab und bläst schließlich zur letzten verzweifelten „Attacke“, bei der das hin- und hertaumelnde Schiff rettungslos zusammenbricht. Auf dem Boden liegen Knochen verteilt, die weiße Farbe des Wals erscheint nun plötzlich in Großaufnahme in Kapitän Ahabs leblosem Gesicht. Er wird als lebender Toter an Seilen heruntergelassen.

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Copyright: Julian Marbach

Auf der anderen Seite erzählt man zuvor die Geschichte von Jona aus der Bibel, der von einem Wal verschlungen wurde. „Ich würde auch die Sonne schlagen, hätte sie mich beleidigt“, verkündet man in der Seefahrermannschaft kühn. Doch alle Versuche, den Wal zu erlegen, scheitern kläglich. Die Mannschaft geht schließlich zugrunde (Musik und Hörspiel: Matthias Grübel). Als Ahab bietet Wolfgang Michalek eine packende darstellerische Leistung. Aber auch Christian Schneeweiß als Starbuck, Robert Kuchenbuch als Stubb, Felix Mühlen als Flask, Komi Mizrajim Togbonou als Queequeg und Michael Pietsch als Ismael gelingt es, die Zuschauer in dieses aufwühlende Seelendrama zu entführen, aus dem es eigentlich kein Entrinnen gibt.

Immer tiefer geraten die Protagonisten hier in einen seelischen Strudel, der sie unaufhörlich mitreisst. Der Wal gewinnt immer mehr Macht über ihre Handlungsweise, lässt sie untergehen. Einmal werden sie an Seilen hochgezogen, ein anderes Mal kauern sie blutüberströmt auf der Erde. Zur suggestiven Live-Musik von Matthias Grübel schneit es – wobei sogar der Souffleur mit fliegenden Barthaaren mitwirkt. Wichtig ist, dass diese Geschichte aus der Perspektive des jungen Ismael erzählt wird. Er ist der einzige Überlebende dieser Katastrophe. Die Inszenierung bewegt sich zwischen der Erzählung und der Reflektion dieser Geschichte. Ismael wird als Beobachter, Erzähler, Beschreiber und Zuschauer an Bord eines Schiffes gezogen, das mehr zersprengtes Wrack als Schlachtschiff ist. Auf dem Schiff wird er mit einer Gruppe von Mördern konfrontiert. „Wir sind hier um Wale zu fangen und nicht, um unseren Kapitän zu rächen“, sagt der erste Offizier, Starbuck. Ahabs Rache findet statt, zugleich ist seine Seele krank, was in dieser Inszenierung sehr gut herausgearbeitet wird. Die menschenähnlichen Puppen hat Ismael für Ahab gezimmert (Puppenbau/Puppendesign: Michael Pietsch). Sie spielen im Laufe dieser Handlung eine immer größere und unheimlichere Rolle. Zuletzt wird alles nur noch vom „sanft wogenden Leichentuch des Meeres“ beherrscht. Wie bei Hauffs „Gespensterschiff“.

Starker Schlussapplaus.

Alexander Walther

 

ALEXANDER WALTHER

 

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