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STUTTGART/ Kammertheater: LORBEER von Enis Maci

11.05.2022 | Theater

„Lorbeer“ von Enis Maci am 10. 5. 2022  im Kammertheater/STUTTGART

Wenn Daphne ihren Vater bittet

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Sebastian Röhrle, Lisa-Kathrina Mayer, Tino Hillebrand, Teresa Annina Korfmacher, Elias Krischke. Foto: Björn Klein

Ganz von der griechischen Mythologie inspiriert ist das Stück „Lorbeer“ der begabten albanischen Autorin Enis Maci, die bereits zahlreiche Literaturpreise erhielt. Persönliche Geschichten und Veränderungen stehen hier im Mittelpunkt. Männer verwandeln sich in Frauen und umgekehrt. Es wird insbesondere jenem Blick nachgegangen, den die Gesellschaft auf Frauen wirft. Brachiale Männlichkeit und Chauvinismus werden ebenso gnadenlos angeprangert. Es gibt deutliche Assoziationen zu Ernest Hemingways Roman „Der Garten Eden“. Ein Ehepaar (nämlich Catherine und David) verbringt in Südfrankreich seine Flitterwochen. Catherine verwandelt sich plötzlich in David. Sie wird schließlich für psychisch krank erklärt – und David  wendet sich einer neuen Geliebten zu. Diese neue Geliebte ist Marita, die sich eigentlich in beide verliebt hat. Und Catherine verbrennt eifersüchtig die Arbeit des Schriftstellers David, der sie wieder neu schreibt.

Hier kommt es auch zu einem Gleichnis mit der griechischen Mythologie. Daphne bittet ihren Vater, den Flussgott Peneios, sie zu verwandeln, dass Apollon sie nicht länger bedränge. Und daraufhin erstarren ihre Glieder – sie verwandelt sich in einen Lorbeerbaum. Daphne wird buchstäblich eingesogen – und so ergeht es auch Catherine. In Franz-Xaver Mayrs Inszenierung wirken diese seltsamen Metamorphosen wie das geheimnisvolle Orakel von Delphi. Bühne und Kostüme von Korbinian Schmidt unterstreichen diese Intention. Das kahle, weiße Bühnenbild fährt fast bedrohlich auf die Zuschauer zu. Die Darsteller Tino Hillebrand, Teresa Annina Korfmacher, Elias Krischke, Lisa-Katrina Mayer und Sebastian Röhrle machen die Motive dieser Geschichte lebendig. Es geht vor allem um Dinge, die neu sind, die Franz-Xaver Mayr auf der Bühne in ungewöhnlicher Form zeigen möchte, wobei er die Zuschauer manchmal überfordert.  Da tauchen dann immer wieder die Romanfiguren in ganz unterschiedlicher Weise auf. Es wird ein großer literarischer Bogen von den „Metamorphosen“ über „Orlando“ und popkulturelle Bezüge bis hin zur albanischen Großmutter der Autorin geschaffen. Außerdem spielt noch der Krieg  Russlands gegen die Ukraine eine beklemmende Rolle. Es gibt zugleich mehrere Kostüme für die Darsteller, die an Weltraumutensilien erinnern. Zuweilen sucht man aber auch den berühmten roten Handlungsfaden.

Das beginnt schon beim Prolog, wo angesichts des Märchens von der „Prinzessin mit den eisernen Stiefeln“ von einer roten Hexe die Rede ist, deren Häschern die Prinzessin dank der Hilfe eines mutigen Jünglings entkommen kann. Doch auch die grüne Hexe ist eine Menschenfresserin – und die Prinzessin kommt vom Regen in die Traufe. Aber schließlich siegt die  Liebe zwischen Frau und Mann durch ständige Identitätswechsel. Und die Hexe verschrumpelt. Fahnen werden geschwungen, zwei Männer erscheinen in Mönchskutten. Die Figuren verwandeln sich ständig: „Woran denkst du?“ Und an anderer Stelle heißt es: „Du weißt viel zu gut Bescheid“.

Das kann man vom Zuschauer nicht sagen, der zuweilen ziemlich ratlos zurückbleibt und nach Erklärungen sucht. Ernest Hemingways Roman „Der Garten Eden“ (den er übrigens nicht mehr vollendet hat) fällt als Geschenk quasi vom Himmel – und Chor-Passagen lassen an die antike griechische Tragödie denken. Dies geschieht aber immer mit einem Schuss Ironie: „Ich will ewig mit dir schlafen!“ Schließlich wird alles von einem riesigen schwarzen Tuch verhüllt: „Niemand weiß, wie ein schwarzes Loch aussieht…“ Die Protagonisten wähnen sich zuweilen am Rand des Abgrunds, die Rede ist von der zickigen Naomi Campbell und vom Holzmännchen Pinocchio, das sich ebenfalls verwandelt. Einmal wird sogar die CDU erwähnt, wobei der Komponist Matija Schellander offensichtlich nicht möchte, dass sie zu seiner Musik ihren Wahlsieg feiert. Die Handlung erscheint oftmals allzu wirr und auch nicht immer logisch. Als es nach Verwesung stinkt, wirft Russland Vakuum-Bomben auf die Ukraine ab. Zuletzt tauchen die handelnden Personen ins Meer ab, man vernimmt ein gewaltiges Rauschen, das immer näher zu kommen scheint.  Gleichzeitig verändert sich die Bühne – sie scheint wieder auf die Zudchauer zuzukommen. Diese Sequenz ist überhaupt am überzeugendsten. Text, Rhythmus und Musik werden manchmal klug vermischt. Ansonsten verschenkt diese gnadenlos überfrachtete Inszenierung viel zu viel.

Alexander Walther

 

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