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STUTTGART/ Kammertheater: KARAMASOV von Dostojewskij – „und der Hund bellt im Mittelpunkt“. Gastspiel

17.07.2015 | Theater

Karamasow“ von Dostojewskij im Kammertheater Stuttgart: UND DER HUND BELLT IM MITTELPUNKT

Dostojewskijs „Karamasow“ als Gastspiel am 17. Juli 2015 im Kammertheater

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André Jung, Devid Streisow, Ursine Lardi, Foto: Arwed Messmer lux fotografen

In der recht schlichten Regie von Thorsten Lensing (Bühne: Johannes Schütz; Kostüme: Anette Guther) war das Gastspiel „Karamasow“ nach Fjodor Dostojewskijs letztem Roman im Kammertheater zu sehen. Die Bühne ist kahl, rechts und links stehen Stühle und Tische und in der Mitte existiert noch ein großer Wandschrank. Man hört immer wieder eine Glocke, die links im Bühnenhintergrund steht. Die Geschichte über drei Brüder und ihren Vater, der von Dimitrij Karamasow schließlich ermordet wird, steht hier im Mittelpunkt. Kinder, Tiere und die Liebe drängen sich bei dieser subitlen Inszenierung aber noch mehr ins Zentrum.

Andre Jung mimt humorvoll den Hund, der kläffend alles durcheinanderbringt. Gleichzeitig spielt er recht ergreifend den Starez Sossima, der bald sterben wird: „Christus ist mehr mit den Tieren. Quält sie nicht…“ Der Gottesglauben beschäftigt hier alle Protagonisten ganz unmittelbar. Da ist zum einen die von Ursina Lardi hervorragend gespielte Lisa, die zunächst im Rollstuhl sitzt und von dem Mönch Aljoscha Karamasow (nuancenreich: Devid Striesow) scheinbar geheilt wird. „Sie sind ein Mönch und Sie lügen?“ fragt ihn Lisa ungläubig. Schließlich wird sie von ihm begehrt und geküsst. „Trotzdem werde ich Sie immer belauschen“, meint Lisa zu Aljoscha, von dem sie glaubt, dass er sie einmal heiraten wird. Aljoscha, Iwan und Dimitrij, die Brüder, nehmen auf ihre Art die Welt ganz und gar nicht hin. Sie begehren wild gegen sie auf. Als „Karamasowsche Naturen“ sind sie sich nah und fremd zugleich. Das kommt in der Inszenierung sehr gut zur Geltung. Sie vereinen Gegensätze in sich und blicken in die tiefsten Abgründe. Kinder und Tiere spielen bei dieser Version von Dostojewskijs Roman aber die Hauptrolle. Die Geschichte vom Großinquisitor sucht man allerdings vergeblich. Sie ist gestrichen worden. Alles wirkt eher humorvoll, vor allem der Starez Sossima philosophiert hier über Gott und die Welt. Und Aljoscha ringt dabei gewaltig mit der Gottesfrage. Lisa wehrt sich auf ihre Weise: „Ich will nicht glücklich sein. Ich will Böses tun“, erklärt sie verzweifelt. „Ich will, dass mich jemand quält…“ Zwischen ihr und Aljoscha kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Ernst Stötzner spielt Lisas Mutter Mme. Chochlakowa in einer psychologisch seltsamen Doppelrolle.

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Ernst Stötzner, Ursina Lardi, Devid Stresow. Foto: Aerweg Messmer lx fotografen

Im Ensemble ist neben Sebastian Blomberg als Kolja, Lars Rudolph als Iljuscha noch Rik van Uffelen als fulminanter Stabskapitän Snegirjow eine alles beherrschende Figur. Die Komik und Unverfügbarkeit des Lebens kommt an diesem Abend aber auch grell und unmittelbar zum Vorschein. Die Figuren werden untereinander immer wieder in absurde Situationen verwickelt. Und es gibt in dieser bemerkenswerten, mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichneten Inszenierung noch etwas ganz Besonderes: Die Kinder sind keine niedlichen Knirpse, sondern Monster, die die Erwachsenen bösartig in den Finger beißen. Da gewinnt die Aufführung alsbald eine alptraumhafte Atmosphäre. Sie schrecken vor Steinigungen nicht zurück und wollen einander umbringen. Der Stabskapitän Snegirjow, dessen Sohn Iljuscha im Sterben liegt, sagt eindringlich: „Kinder sind die Engel Gottes.“ Überhaupt gehört die Sterbeszene mit Iljuscha zu den ergreifendsten Momenten dieser zwischen Komik und Tragik hin- und herschwankenden Inszenierung. Auch als der Staretz Sossima stirbt, scheint die Zeit stillzustehen. Insbesondere Andre Jung brilliert wiederholt als Hund, dessen unnachahmliche Mimik gleichsam eine beissende Karikatur des Menschen ist. Das kommt beim Publikum ausgezeichnet an.

So hat man Dostojewskij noch nicht gesehen, das ist ein ganz neuer Aspekt. Schneetreiben und Pistolenknallen lassen zuletzt den dramaturgischen Bogen mächtig anschwellen. Da wird auch die Bühne immer lebendiger. Lisas schreckliche Erzählung von dem Juden, der einen Knaben kreuzigt, lässt Aljoscha schließlich zusammenbrechen. „Ich will mich umbringen, weil alles ekelhaft ist“, sagt Lisa trostlos. Ein Motto wird greifbar: „Die Hölle, das ist das Leiden daran, nicht lieben zu können.“  In der Bühnenmitte sieht man Holzscheite, von denen man eigentlich erwartet, dass sie im nächsten Moment angezündet werden. Aber der Hund nimmt einen Ast einfach in den Mund, der ihm dann von Aljoscha wieder weggenommen wird. Tschechow und Beckett werden bei dieser Inszenierung von Thorsten Lensing tatsächlich lebendig. Die Schauspieler verstehen es dabei glänzend, mit ihrer Präsenz die Bühne restlos auszufüllen. Und man begreift, wie die Menschen in großartiger Weise zuletzt doch noch zusammenfinden: „Hurra, Karamasow!“ Der alte und ehrwürdige Brauch der Väter hat in grandioser Weise gesiegt. Man hört, wie Dimitrij aufgrund des Mordes an seinem Vater der Prozess gemacht wird. Gottes Gerechtigkeit scheint die handelnden Personen als Verstrickte, Bedürftige und Überraschte nicht mehr loszulassen. Allerdings spürt man kaum, dass die Handlung in dem Dorf Viehofen in Russland spielt. Das Zeitlose wird bei Thorsten Lensing betont. Es ist eine Koproduktion mit TAK Theater Liechtenstein, Theater im Pumpenhaus Münster, Sophiensaele Berlin, Kampnagel Hamburg, Les Theatres de la Ville de Luxembourg, Schauspiel Stuttgart und Hellerau Europäisches Zentrum der Künste Dresden. Gefördert aus Mitteln des Haupstadtkulturfonds Berlin und der Stadt Münster.

Ovationen gab es für diese vierstündige Produktion am Schluss zurecht (Textfassung: Thorsten Lensing und Dirk Pilz).     

 Alexander Walther

 

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