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STUTTGART/ Kammertheater: FLY GANYMED von Thomas Hochgatterer

15.01.2022 | Theater

„Fly Ganymed“ von Paulus Hochgatterer am 15.1.2022 im Kammertheater/STUTTGART

Die Puppe ersetzt Gedanken

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Elmar Roloff, Adeline Ruiss. Foto: Björn Klein

Der in Amstetten (Niederösterreich) geborene Autor Paulus Hochgatterer erzählt hier die Flüchtlingsgeschichte aus der Sicht eines Jungen und eines Mädchens. Die beiden Kinder reisen im Pipeline-Rohr eines Lastwagens. Der österreichische Autor und Kinderpsychiater beschreibt eindringlich die einzelnen Stationen der Fahrt durch die verschiedenen Länder und Grenzstationen. Vor allem die Kontrollen und Untersuchungen, die die Kinder über sich ergehen lassen müssen, werden dabe in drastischer Weise geschildert und nehmen auch in der subtilen Inszenierung  von Nikolaus Habjan breiten Raum ein. Gefahren und Übergriffe sind hier ständig an der Tagesordnung. Es gibt zwischen diesen Kindern aber auch Zusammenhalt und Vertrauen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Großvater, der dem Enkel  immer wieder begegnet. „Und wie viele Löcher sind in der Polizeistation?“ fragt er lakonisch. Da antwortet der Junge schnippisch: „Das ist eine  blöde Frage“. Und der verblüffte Großvater erwidert nur kurz: „Wieso ist das eine blöde Frage?“ Der Bub kontert schlagfertig: „Da ist kein einziges Loch in der Polizeistation. Weil da nämlich auch keine Polizeistation mehr ist. Das weißt du doch“.  Und der Großvater erklärt jetzt kurz und  bündig: „Siehst du – deswegen schicken wir dich weg.“  Der Bub möchte den Großvater aber andererseits nicht als „Märchenonkel“ sehen. Dagegen begehrt er auf.

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Adeline Ruiss. Foto: Björn Klein

Die Dialoge besitzen bei diesem Stück eine ungewöhnliche Prägnanz, was die Inszenierung nicht leugnet. Interessant ist, dass die Rollen des Jungen und des Mädchens mit Puppen gespielt werden, denen Adeline Rüss als Bub und Anniek Vetter als Mädchen erfrischendes Leben einhauchen. Elmar Roloff überzeugt ferner als stoisch agierender Großvater, dem es aber nicht gelingen will, den aufmüpfigen Jungen wirklich zu  beruhigen. Daraus ergeben sich oftmals spannungsvolle Situationen. Als undurchsichtiger und gefährlicher Schlepper agiert ferner Gabor Biedermann nicht nur bei der unruhigen Autofahrt, bei der er den Jungen schlägt, weil er seinen Anweisungen nicht folgen will. Die beiden Grenzpolizisten werden von Jannik Mühlenweg und Therese Dörr durchaus eindringlich verkörpert, während Gabriele Hintermaier als Sozialarbeiterin und Grenzpolizistin die Fäden in der Hand hält.

Der Titel „Fly Ganymed“ geht übrigens auch auf das Gedicht „Ganymed“ von Friedrich Hölderlin zurück: „Irr ging er nun…“.  Dies betrifft zuletzt auch die komplizierte Situation des Jungen, der sich so fühlt, als sei er von allen verlassen worden: „Der Mond stürzt auf die Erde. Dann ist alles schwarz…“ Für Paulus Hochgatterer hat der Schauspieler übrigens seinen größten Moment, wenn er nichts tut. In diesem Zusammenhang ist das Puppenspiel seiner Ansicht nach eine große Hilfe.  Dies kommt auch im großräumigen  Bühnenbild und den Kostümen von Denise Heschl trotz kleinerer Schwächen zum Vorschein. In Kooperation mit der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart (Studiengang Figurentheater) entstehen so immer wieder beklemmende Bilder, die sich beim Zuschauer tief einprägen. Und auch die suggestive Musik von Kyrre Kvam trägt dazu bei. 

Alexander Walther

 

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