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STUTTGART/ Kammertheater: „DER TRIUMPH DER WALDREBE IN EUROPA“ von Clemens J. Setz

14.10.2022 | Theater

Premiere „Der Triumph der Waldrebe in Europa“ von Clemens J. Setz am 14.10.2022 im Kammertheater/STUTTGART

Mit dem Verlust nicht zurechtkommen

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Therese Dörr, Gabor Biedermann. Foto: Björn Klein

In der Inszenierung von Nick Hartnagel wird die Geschichte des achtjährigen David Herzer erzählt, der bei einem Autounfall stirbt. Das wird zum Trauma für seine Eltern, denn ihr Sohn hinterlässt eine gähnende Leere. Das Stück von Clemens J. Setz spielt mit Alpträumen ebenso virtuos wie mit komischen Situationen. Die Bühne von Yassu Yabara zeigt hinter Vorhängen verschiedene Szenen in Räumen, die sich plötzlich zusammenfügen. Renate und Konrad Herzer können den Verlust ihres Sohnes nicht verkraften. Mithilfe digitaler Medien schaffen sie sich eine künstliche Welt, in der David weiterlebt. Die Kostüme von Tine Becker ergänzen diesen Eindruck. Dies gilt ebenso für die Musik von Lukas Lonski. Therese Dörr als stets unruhige Renate Herzer gibt in ihrem Blog Einblicke in ihr wirres Seelen- und Familienleben. Dann erscheint sogar ein Fernsehteam, um einen Film über den „Fall David Herzer“ zu drehen. Gabor Biedermann als recht hilfloser Vater Konrad kann seinen psychischen Schmerz aufgrund des Verlustes seines Sohnes ebenfalls kaum verwinden. Die Probleme des Paares werden bei der Inszenierung gekonnt auf die Spitze getrieben: „Ich versteh‘ diesen Hass nicht!“ Es kommt zur Eskalation, als der YouTuber Tim Feels ein kritisches Video über den Umgang der Eltern mit ihrem verunglückten Sohn postet. Renate Herzer betont in einem Interview, dass ihr Sohn nicht der Erde, sondern den Eltern gehöre. Sie kämpft gegen Hasskommentare. Aber sie kämpft auch verzweifelt für das Weiterleben des Sohnes, der nicht mehr da ist und nur in ihren qualvollen Träumen immer wieder erscheint. In Panik sucht sie nach ihm. Surrealistische Sequenzen werden so raffiniert ineinandergeschoben. Das Ehepaar hat sich hier eine ganz eigene mediale Welt geschaffen. In dieser absurden Welt passieren dann groteske Situationen – von der Lethargie bis zur völligen Ausgelassenheit. Schließlich bespielen die Eltern selbst einen Multimediakanal und lassen die Öffentlichkeit an ihrem Privatleben teilhaben. Und sie kommunizieren mit ihrem Sohn David mithilfe eines iPads.

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Yannik Mühlenweg, Camille Dombrowsky. Foto: Börn Klein

Der Autor Clemens J. Setz fragt sich in diesem Stück immer wieder, wann ein Mensch tot ist und wann er lebt. Wer bestimmt, wann jemand gestorben ist? Im Laufe des Abends spürt der Zuschauer dann auch, wie die Eltern von ihrem Kind allmählich loslassen können, obwohl es ihnen sehr schwer fällt. Trotz mancher Schwächen gehören gerade diese Szenen zu den überzeugendsten Momenten der Inszenierung. Die Mutter sitzt zuletzt im Rollstuhl, träumt sich ins Nirwana, wo sie mit ihrem Sohn vielleicht wieder vereint ist. Traum und Realität vermischen sich schmerzhaft. Und dann gibt es da noch die umtriebige Journalistin, die von Camille  Dombrowsky sehr vielschichtig verkörpert wird und dem Ehepaar zuweilen auf die Nerven geht.  Den Medienmogul Tim Feels mimt Jannik Mühlenweg als Mann voller Neurosen. Dem Kameramann gibt Elias Krischke markante Konturen – und auch die Kinderstatisten Piet Baumbach, Oliver Nettesheim, Lasse Pirkner und Jonah Schäfer  können überzeugen.

Die Tech-Konzerne beherrschen hier alles, Amazon-Manager scheinen pausenlos Regie zu führen. Die Eltern lassen sich treiben, geraten zuweilen in Trance, wünschen sich ein anderes Leben. In den Videoeinblendungen meint man raffinierte Computerspiele zu erkennen, die die WhatsApp-Konversationen schmücken. Es wird dann auch die Frage gestellt, was digitale Klone für das Selbstverständnis des Menschen bedeuten. Eine irreale Welt zeigt ihr flirrendes Gesicht. Die Frage stellt sich, ob man in den Kreislauf von Leben und Sterben eingreifen kann. Kann man Menschen digital unsterblich werden lassen? Das wird in der Inszenierung natürlich nicht beantwortet. Was geschieht mit den Unternehmen, die die Daten der Verstorbenen besitzen? Assoziationen zu „Doktor Mabuse“ ergeben sich rein zufällig, machen jedoch Sinn. So geistern digitale Untote durch das Netz, scheinen lebendig zu werden. Es gab bei dieser Premiere viel Applaus des Publikums – auch für den von David Müller umtriebig gespielten Tontechniker.

Alexander Walther

 

 

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