Stuttgarter Ballett: „DANCE LAB“ 20.3.2026 (Kammertheater) – durch Elektronik erweiterte Tanz-Spektren

Vielseitiges Talent: Carlos Strasser. Foto: Stuttgarter Ballett
Mit einem neuen Veranstaltungs-Format gibt das Stuttgarter Ballett jungen TänzerInnen die Möglichkeit ihre Ideen zu präsentieren und sorgt damit auch im vielseitig nutzbaren Kammertheater auf Anhieb für drei ausverkaufte Vorstellungen. Der im Ländle geborene Carlos Strasser war Absolvent der John Cranko-Schule, tanzt seit zwei Jahren als Eleve in der Compagnie und tat sich bereits zwei Mal als außergewöhnlich vielseitig begabter Künstler bei den Noverre-Abenden der Jungen Choreographen hervor, in dem er außer dem Tanz selbst auch für die teils live am Klavier gespielte Musik und ein gesprochenes Gedicht verantwortlich zeichnete sowie erstmals einen Roboter ins Geschehen integrierte. Darüber hinaus ist er 2023 als einer der ausgewählten Protagonisten für die SWR-Dokumentation „Crankos Traum“ zu Fernseh-Ehren gekommen.
Wie der Anfang Zwanziger bei seiner Einführung erzählt, wollte er trotz der 100% erforderlichen Konzentration auf den Tanz die Beschäftigung mit Musik nicht missen und begann zu komponieren.
Den Ausgangspunkt für dieses Dance lab hat er im Internet entdeckt: Sensoren, die an Händen, Armen und Beinen befestigt werden, über Bluetooth Impulse an den Computer weiter geben und so die Musik durch die Bewegungen der Tänzer beeinflussen. Wo sich bisher bzw. herkömmlich der Tanz nach der Musik richtet, soll hier der Beweis angetreten werden, dass es auch umgekehrt sein kann. Mit verblüffenden Ergebnissen, denn durch nach X,Y und Z-Mustern ausgerichtete Rotationen der Arme und Beine werden Klänge, die Strasser am Keyboard mischt, verändert, durch Akzente abgewandelt. Für den kräftigen Corps de ballet-Tänzer Anton Tcherny und die beiden zarten Elevinnen Annabelle McCarthy und Anya Donaghy hat Strasser ihren Charakteren angepasste Choreographien entworfen und ihnen unterschiedliche Lautbilder wie z.B. bassige Drums oder singend flirrende Melodie-Verläufe unterlegt, die den Eindruck einer verfremdeten Orgel erwecken.

Verschmelzung mit Musik und Bild:Annabelle McCarthy, Anya Donaghy und Anton Tcherny (von vorn). Foto: Stuttgarter Ballett
Aber damit ist noch nicht alles ausgeschöpft, denn zum Schluss kommt noch eine optische Komponente in Form einer Kamera ins Spiel, die Bilder auf eine rückwärtige Leinwand wirft und so den Tanz als auch visuell beeinflussende Kunst vorführt. Verschiedene Farb- und Formcluster verändern sich fließend durch die rhythmische Ausrichtung der Choreographie und verschmelzen so mit den nun zusammen eingesetzten Tänzern zu einem spontan neuen Gesamtkunstwerk. Dass Strasser dabei nicht nur auf modern geprägte Aktion, sondern auch klassische Erscheinungen mit Passagen auf Spitze, geschmeidigen Drehungen setzt und dazu noch ein paar Hebungen integriert, bereichert den eines Ballett-Tänzers würdigen Gesamteindruck. Dazu kommt noch die von ihm mit Charme und Empathie vermittelte Begeisterung und Überzeugung für eine Kunst, die auch von elektronischen Mitteln bestimmt Ballett-Tanz ohne Musik undenkbar erscheinen lässt und neu erlebbar macht. Von Carlos Strasser darf noch viel erwartet werden. Für diese Art Multi-Media Präsentation erntete er jedenfalls berechtigte Begeisterung.
Udo Klebes

