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STUTTGART: JENUFA – Spannender als mancher Psycho-Thriller

23.01.2016 | Oper

Stuttgart: „JENUFA“ 22.1.2016 – Spannender als mancher Psycho-Thriller

Leos Janaceks musikalische Sprache fasziniert mit jeder Begegnung mehr durch ihre Verpackung eines innigen slawischen Melos in ein beständig an den Nerven zehrendes dramatisch zugespitztes Gerüst herber Natur. Dieser Anziehungskraft konnte wohl auch Dirigent Sylvain Cambreling nicht widerstehen, in dem er das wie auf der Stuhlkante sitzende und mit klar intonierten und erfüllten Soli aufhorchen lassende Staatsorchester Stuttgart mehrmals zur Dominanz gegenüber den Sängern verführte. Einerseits ist diese Verlockung bei Janacek nachvollziehbar, andererseits zwingen sie aber die Vokalisten zu unnötigem Forcieren. Iris Vermillion, die für die erkrankte Angela Denoke eingesprungen war, hatte diesbezüglich am wenigsten Mühe, weil ihr in allen Lagen gut gestützter dunkler Mezzo die Oberhand bewahrt und selbst in den Gipfelausbrüchen ohne nennenswerte Schärfen und Ausflüchte in expressiven Sprechgesang auskommt. Da fließt alles von der zartesten Nuance bis zur Ekstase organisch ineinander, so dass die Tonsprache noch verführerischere Auswirkungen zeigt. Den auf offener Bühne auf einem Tisch vollzogenen Kindsmord vollzieht sie ohne theatralische Übertreibung aus tiefster Verzweiflung und Ausweglosigkeit. Überhaupt findet sie sich in die detailreiche Personenführung sehr einfühlsam ein, zumal sie mit der Inszenierung durch einige Vorstellungen in der letzten Saison bereits vertraut war.

Trotz erkältungsbedingter Ansage war bei Rebecca von Lipinski so gut wie nichts an einschränkender Verausgabung ihres klangvollen jugendlich dramatischen Soprans zu bemerken. Ihre Jenufa offenbart von Mal zu Mal noch seelenvollere Lyrismen und imponiert mit aufrichtigem Tonfall in den Momenten des Aufbegehrens. Außerdem ist auch bei ihr ein müheloses Verbinden der Höhenregister sowie ein unaffektiertes Spiel zu vermerken.

Die dritte im Frauenbunde stellte wiederum Renate Behle als Alte Buryia mit noch durchsetzungsfähigem leicht harschem Tonfall.

Eine feine bemitleidenswert gezeichnete Studie verbunden mit leicht heldisch tenoraler Potenz gelingt erneut Pavel Cernoch als Laca. Seine idiomatische Mischung aus charakterlichem Ausdruck und kultivierter Linie gipfelt in einer Schluss-Szene, in der nach Jenufas Bekenntnis zu ihm seine Unsicherheit in ein befreiendes Lachen mündet, und damit das in hellen Jubel ausbrechende Orchester stimmig aufgreift. Einer der großen Momente in der von Calixto Bieito vor neun Jahren während des Entstehungsprozesses zu Ende geführten Inszenierung, die allerdings auch einige Fragen offen lassende Details wie die zum Vorspiel hysterisch lachend an der Rampe stehende Magd Barena enthält. Unglücklich und die Hochspannung des zweiten Finales zu schnell wegwischend ist der unmittelbare, auf offener Bühne vollzogene Umbau zum dritten Akt mit einer von Babyschreien durchzogenen künstlichen Geräuschkulisse.

Die Hässlichkeit des Bühnenbildes ( Susanne Gschwender ) und vieler Kostüme ( Ingo Krügler ) lässt sich durch die Dichte der Personenregie und die künstlerische Qualität aller Beteiligten weitgehend ausblenden, so dass auch die weiteren Darsteller, voran Gergely Németi als schön timbrieter Hallodri Steva, Lauryna Bendziunaite als forsche Karolka, Mark Munkittrick als verbitterter Alter, Michael Ebbecke als Richter, Maria Theresa Ullrich als seine betont neureiche Gattin und Yuko Kakuta als quicklebendig sopransprühender Jano, zu ihrem vollen Recht kommen. Und auf den Staatsopernchor ist ohnehin in jeder Beziehung Verlass.

Die spürbare Anspannung im Publikum hätte sich verdient in noch größere Begeisterung und Würdigung auflösen dürfen.

 Udo Klebes

 

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