Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ im Nord/Stuttgart/ JOiN : ROTKÄPPCHEN von Georges Aperghis. Premiere

Ein häufiger Rollenwechsel

04.05.2019 | Oper


Lisa Kunerth, Adam Ambarzumjan, Andrea Nagy und Mark Lorenz Kysela. Foto: Martin Sigmund

Premiere „Rotkäppchen“ von Georges Aperghis am 4.5.2019 im JOiN (Junge Oper im Nord)/STUTTGART

EIN HÄUFIGER ROLLENWECHSEL

In dieser „Rotkäppchen“-Version des griechischen Komponisten Georges Aperghis ist alles anders. Inszeniert und choreografiert von Guillaume Hulot und Elena Tzavara (Bühne und Kostüme: Elisabeth Vogetseder) regieren Witz und Esprit. Das Märchen von Charles Perrault nach den Gebrüdern Grimm wird gründlich umgekrempelt. Es gibt dabei immer wieder überraschende Konstellationen.

Das sechsköpfige Instrumentalensemble des Staatstheaters Stuttgart erzählt, spielt, singt und begleitet dieses Märchen als hochvirtuoses Kammerstück. Dabei entwickeln sich die einzelnen Szenen in immer neuen Variationen und geheimnisvollen Verwandlungen, wobei von den versierten Musikern auch die Rollen gewechselt werden. Es entstehen die für Aperghis so typischen Parallel-Bewegungen. Olga Wien, Markus Hein (Klavier), Andrea Nagy, Adam Ambarzumjan (Klarinette und Bassklarinette), Mark Lorenz Kysela (Sopran- und Baritonsaxophon) sowie Lisa Kuhnert (Violine) lassen diese Märchenfiguren in skurriler Weise lebendig werden. Man sieht einen ballartigen, riesig-leuchtkräftigen Mond, der auf einem seltsamen Metall-Gestell abgestützt wird. Darunter scheint sich ein Garten zu befinden. Geigenintervalle, Glissando-Passagen, Pizzicati (etwa bei der Frage „Großmutter, warum hast du so große Ohren?!“) oder gar Staccato-Attacken beschreiben den Fortgang dieses  berühmten Märchens. Die Großmutter wird vom bösen Wolf auch hier gefressen. Und als Rotkäppchen in die Kammer geht, liegt der Wolf als Großmutter verkleidet im Bett und verstellt seine Stimme. Und auch Rotkäppchen wird schließlich vom Wolf in genüsslicher Weise verspeist. 


Andrea Nagy (Klarinette). Foto: Martin Sigmund

Doch eine Passage fehlt: Denn dem Wolf wird hier nicht der Bauch aufgeschnitten. Es werden ihm auch keine schweren Steine in den Körper gelegt. Irgendwie scheint er davonzukommen. Eine weitere Geschichte wird nur angedeutet, lässt den Zuschauer aber ziemlich ratlos zurück. In ihren silbernen Kostümen scheinen die Protagonisten um den Mond zu tanzen. Chromatische Aufgänge beschreiben eine ungewöhnliche harmonische Entwicklung, die sich den Charakteren anzupassen scheint. Eine fast schon obsessive Erforschung sinnlicher Wahrnehmungen ist bei diesem Werk immer wieder auszumachen. Das spürt man sogleich zu Beginn, als die einzelnen Instrumente Vogelstimmen und Insekten kunstvoll imitieren. Dicht übereinander stehende Strukturen werden thematisch in facettenreicher Weise miteinander verknüpft. Bei diesem Netz von Klangflächen und differenzierten Produktionstechniken erforscht Aperghis auch das Verhältnis von Stimme und Sprache. Die Tonsprache von Janacek und Schubert bleibt spürbar, was die Musiker hervorragend betonen. Ein ganz eigener Rhythmus setzt sich bei dieser Wiedergabe wie von selbst durch, korrespondiert in reizvoller Weise mit dem Bühnenbild, auf dem auch zwei Flügel stehen, die für die szenische Handlung ganz bewusst benutzt werden. Die Töne werden hier vom Rhythmus bestimmt, was zu völlig ungewöhnlichen Hörerfahrungen führt. Und so kommt es zuletzt zu einem regelrechten Klangchaos, das die Figuren in alle möglichen Himmelsrichtungen vertreibt. Kontrastierende Tempi und robuste Klangblöcke sorgen immer wieder für einen abwechslungsreichen harmonischen Fluss. Vierteltonintervalle zerlegen die Klangflächen in ihre Einzelteile.

Insbesondere bei den Kindern kam diese gut 40 Minuten lange Produktion von „Acht Brücken„/Musik für Köln gemeinsam mit JOiN bei der Premiere sehr gut an. Es ist ein Musiktheater für Kinder ab 6 Jahren und ihre Familien, das man mit bestem Gewissen weiterempfehlen kann.   

Alexander Walther

 

Diese Seite drucken