„Chaos“ von Clara Pazzini und Leo Schmidthals am 6. Mai 2026 in der Jungen Oper (JOiN) im Nord/STUTTGART
Emotion und Widerstand

Copyright:Matthias Baus.
Ein neuartiges Konzept: Club, Kammermusik, Emotion und Widerstand stehen hier im Mittelpunkt. Es handelt sich um eine Art Pop-Oper, wobei man eventuell sogar von einem Musical sprechen kann. Die kosmischen Kräfte der Gemeinschaft werden immer wieder auf die Probe gestellt. Dabei steht Devil im Zentrum, der ein Popstar ist. Er präsentiert unwiderstehliche Beats. Aus Einsamkeit erwächst so Solidarität. Aber er ist nicht von echter Empathie erfüllt, deswegen geht die Rechnung nicht auf. Doch letztendlich kann er sich durchsetzen. Angel, Zeremonienmeisterin und Streiterin für das Gute, öffnet dann den Vorhang für diese bewegende Geschichte der drei Freunde Sista, Mista und Perla. Man teilt gemeinsame Träume und politische Ideale. „Chaos“ ist aber vor allem auch eine Hommage an die Kraft der Empathie. Komposition, Texte und Regie von Clara Pazzini und Leo Schmidthals konfrontieren das Publikum mit der Welt unterschiedlichster Songs. Dabei wird auch die Frage gestellt, ob das Leben nicht aus einem Song bestehen sollte. Dann wäre wohl alles leichter.
Die fulminanten Sänger Lea Sophie Salfeld als Angel, Elliott Carlton Hines als Devil, Olivia Johnson als Sista, Philipp Nicklaus als Mista, Ida Ränzlöv als Perla sowie Irini Dauber und Linus Frey als Bob & Bob lassen hier zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Leo Schmidthals eine neuartige, zukunftsweisende Klangwelt entstehen, deren Harmonik sehr eigenständig ist. Bühne und Kostüme von Agathe MacQueen sind ganz in Rot gehalten, im Hintergrund sieht man einen herzförmigen Ausgang. „I’m the Devil“ singt Elliott Carlton Hines voll innerer Bewegung und gesanglicher Virtuosität. Dazu passen weitere melodiöse und rhythmisch fetzige Nummern wie „Darkness“ und „Gimme more“. Besonders eingängig wird dann der Song „The Power of Love“ gestaltet, wo auch das Staatsorchester Stuttgart unter Leo Schmidthals die vielschichtige Harmonik betont.
Die Choreografie von Linda Steffensen passt sich optisch sehr gut dem musikalischen Geschehen an. „Who are we“ und „If Life was a Song“ sind weitere Titel, deren ungewöhnlich abwechslungsreiche Arrangements beim Publikum gut ankommen. „Who am I“, „I know nothing“, „Together we rise“, „Stay strong“, „Never stop“ sowie „All of my Life“ prägen sich bei den Zuhörern aufgrund ihrer rhythmischen Präsenz ebenfalls stark ein. „The Chaos Song“ entwickelt sich dabei zu einem regelrechten Ohrwurm. Zudem werden im Publikum im Foyer und im Innenraum Süßigkeiten verteilt. Dabei kommt es auch immer wieder zu fulminanten Pauken-Einsätzen, die an opernhaftes Pathos erinnern. Selbst Madrigal-Formen werden abgewandelt und in ein modernes Format verpackt. Aber diese Stilrichtung wird in diesem besonderen Moment nicht parodiert. So fügt sich der Zauber der Renaissance-Musik ganz heimlich in diesen Reigen ungewöhnlicher Pop-Songs ein. Die Nummer „Does anybody love me“ stellt hier gleichsam viele ungewöhnliche Fragen ans Publikum.
Jubel, Riesenapplaus.
Alexander Walther

