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STUTTGART/ Hafengelände: DIE BLUME VON HAWAII . Premiere. Inselträume auf einem Floß

07.07.2020 | Operette/Musical


Foto: Matthias Baus

Stuttgart

„DIE BLUME VON HAWAII“ 3.7.2020 (Premiere) – Inselträume auf einem Floß

Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie treiben im künstlerischen Bereich allerlei Blüten und führen bisweilen zu den ungewöhnlichsten Projekten. Dazu gehört auch die Verlegung eines Programmpunktes der Stuttgarter Oper an eine Anlegestelle im Hafengelände, wobei die Zuschauer noch ein Dach über dem Kopf haben und auf mit großzügigen Abständen platzierten Holzpaletten sitzen und hinunter ins Neckarhafenbecken schauen, wo links auf einem alten Frachtkahn die fünfköpfige Musiker-Combo sitzt und rechts davon auf einem mit Seilen bewegten Floß die Solisten ihr Refugium haben. In der Tat ein zunächst etwas befremdliches, im Zuge des Grundgedankens der Aufführung aber sofort sinnstiftendes Ambiente.

Wer allerdings ganz konkret eine Wiedergabe der einst viel gespielten Paul Abraham-Jazzoperette erwartet hatte, musste sich auch hinsichtlich der auf 70 Minuten begrenzten Vorstellungsdauer (wie derzeit alles ohne Pause) schnell klar darüber werden, dass es hier nicht um eine 1:1 Fassung des Werkes geht. Auch nicht um die ursprüngliche Handlung.. Stattdessen bilden die zahlreichen musikalischen Ohrwürmer den Ausgangspunkt für einige kleine Geschichten, die dazwischen in eigens für diese Fassung entstandenen gesprochenen Texten erläutert werden. Fünf Menschen (2 Frauen, 3 Männer) sind auf dem Floß unterwegs auf der Suche nach der imaginären Südsee. Ihre einzige Habe ist eine Kiste mit Gegenständen, die ihre Sehnsüchte nach Traumstränden, Kokospalmen, Liebe und Abenteuer symbolisieren. Jeder Song fungiert als eine Insel, auf die die Reisenden als Touristen in ihrer Gefühlswelt nach einer Heimat Ausschau halten (Dramaturgie: Ingo Gerlach). Ganz nebenbei fließt da auch die Entstehung des vielerorts angebotenen „Toast Hawaii“ mit ein. Gegen Ende begeben sich die Reisenden, jeder mit einem Scheinwerfer in die Isolation sich lösender Floßteile, nur ein Paar bleibt (Corona gerecht) zusammen, weil sie im richtigen Leben einen gemeinsamen Haushalt bilden!

Miriam Schubach hat die Akteure passend in Freizeitkleidung gesteckt, Susanne Gschwender für den einfachen Bühnenaufbau gesorgt, und Marco Storman eine platzentsprechend konzentrierte szenische Einrichtung geschaffen, in der in einigen choreographischen Ansätzen hie und da der Rhythmus der Musik aufgegriffen wird. Am deutlichsten kommt dies bei Moritz Kallenberg mit seiner bereits in der Schulzeit erworbenen Musical-Erfahrung zum Tragen. Da fließen Gesang, Text-Artikulation und Bewegung ganz natürlich zusammen, sein universell einsetzbarer Tenor beweist sowohl Tragkraft als auch einen leichten Schmelz für Nuancierungen. Die eher nachdenklich, leicht melancholische Note seines Vortrags ist auch Matthias Klink zu eigen. Der Stuttgarter Kammersänger bekommt hier endlich mal in der Heimat eine Gelegenheit sich im Operettenfach zu präsentieren, das er sehr schätzt und dem er sich bislang nur hin und wieder in Konzerten sowie einer CD-Aufnahme widmen konnte. Als Spezialist für ungewöhnliche Auftritte erfüllt er diese Aufgabe mit alldem, was diese Musik braucht: Stilgefühl, Lockerheit, Charme und eine nicht zu unterschätzende technische Grundlage. Und so erleben wir das von vielen großen Tenören besungene „Paradies am Meeresstrand“ nicht als strahlende Show-Nummer, sondern als sehnsuchtsvoll, aber nicht sentimental verinnerlichtes Bekenntnis, unterstützt von der Stimmung am Wasser und einem sich mit Beginn der Aufführung ganz aufklarenden Abendhimmel.

Klinks Ehefrau Natalie Karl kann als versierte Interpretin dieses Genres sowohl den großen, mit leichtem Silberglanz versehenen Ton einer Operetten-Diva als auch den spielerisch leichten einer Soubrette beisteuern, beides mit einer sonst oft zu wünschen lassenden Text-Verständlichkeit. Fiorella Hincapié bildet mental bedingt einen Temperaments-Kontrast mit sinnlich getränktem Mezzosopran. Nur Martin Bruchmann als Gast hängt den Kollegen vokal betrachtet mit nicht so gefestigter Gesangsstimme hinterher, punktet stattdessen durch eine prägnante Sprechstimme.

Der übliche satte instrumentale Operetten-Sound wäre hier falsch am Platz gewesen, zumal die unter der Leitung von Rita Kaufmann angetretene Combo für so manch ungeahnte, durchaus füllige Stimmungen sorgte. Sebastian Schwab hatte die speziellen Arrangements mit sehr viel Geschick der Empfindung und der Ausbalancierung mit den Gesangsstimmen geschaffen. Von Klarinette und Altsaxofon kamen genauso Farbtupfer wie von der manchmal solo schwebenden Violine, dem einen Schuss Exotik beimischenden Xylophon oder der Gitarre. Zur zunächst von den Solisten a cappella angestimmten „traumschönen Perle der Südsee“ gesellte sich gar noch eine singende Säge. Spätestens da wurde die Hauptrolle des Spielortes Hafen als entscheidende Funktion voll bewusst.

Wer die Stimmen vielleicht zu weit entfernt wahr nahm, konnte verteilte Kopfhörer aufsetzen, die aber im Sinne einer möglichst natürlichen Wiedergabe wirklich nur bei den teilweise versandenden Sprechtexten erforderlich waren.

Zum anhaltenden Schlussapplaus gesellte sich das Leitungsteam auf einem weiteren Floß zu den Akteuren.

 Udo Klebes

 

 

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