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STUTTGART: ENDSTATION SEHNSUCHT – von Sehnsucht verzehrt, Ballett von John Neumeier

19.06.2015 | Ballett/Tanz

STUTTGART: „ENDSTATION SEHNSUCHT“ – Von Sehnsucht verzehrt. 17.6.2015

 Endstation Sehnsucht
Am Höhepunkt des Dramas: Daniel Camargo (Stanley Kowalski) und Myriam Simon (Blanche du Bois) Foto: Stuttgarter Ballett

Das eindrucksvolle, mit dem Pulizter-Preis prämierte Stück „A Streetcar Named Desire“ (deutsch: Endstation Sehnsucht) von Tennessee Williams, stellt den Übergang zwischen zwei Welten – das Aristokratische der Südstaaten und das neue Amerika, in dem das Gesetz des Dschungels herrscht – anhand dem Schicksal von Blanche du Bois, einer alternden Südstaatenschönheit mit kultivierter jedoch fragiler Persönlichkeit dar, die den Verfall ihres Landgutes Belle Rêve (fr. „Schöner Traum“) nicht verhindern kann, ihre Stelle als Lehrerin verliert, dann zunächst ihre Sehnsucht nach Liebe in Stundenhotels zu stillen versucht und schließlich bei ihrer Schwester Stella und deren Ehemann, dem polnischen Einwanderer Stanley Kowalski, Zuflucht findet.

1983 kreierte John Neumeier das gleichnamige Ballett, in dem es ihm, wie er es selbst beschreibt, „um ein Einzelschicksal in dieser Welt geht“, das versucht “eine überkommene Lebensart – es ist hier die Lebensart der Südstaaten Ende des vergangenen Jahrhunderts – in eine Welt hineinzutragen die „neu“ ist. Diese Person geht sehr tragisch daran zugrunde.“ Der Verlust ihrer Plantage, die Homosexualität ihres Ehemannes, dessen niemals aufgeklärte Erschießung – die sich in Form von sich wiederholenden Schüssen symbolisch durch’s ganze Ballett zieht – ihre verzehrende, nie richtig befriedigte Sehnsucht nach Liebe und nach Bestätigung ihrer Unversehrtheit, sowie der Höhepunkt des Dramas – die brutale Vergewaltigung durch ihren primitiven Schwager Stanley, all das kann Blanche Du Bois aufgrund ihrer fragilen Persönlichkeit nicht verkraften. Dies gepaart mit ihrem Unvermögen, Illusion von Realität zu unterscheiden führen sie letztendlich in den Abgrund. So beginnt Neumeier’s Ballett mit der Endstation von Blanche, einer Irrenanstalt, wo sie Teile ihres Lebens Revue passieren lässt.

Gleich in der ersten Szene, verloren auf dem Bett des Sanatoriums New Orleans sitzend, nimmt Myriam Simon das Publikum mit ihrem starken Auftritt ein. Es wird noch keine Musik gespielt, sie sitzt aus allen Gliedern zitternd auf dem Bett, um im nächsten Moment, plötzlich aufgeblüht durch leuchtende Erinnerungen, lächelnd aufzustehen und mit graziösen Gesten voller Noblesse und Anmut, nicht anwesende Personen anzustrahlen. Diese Szene ist bezeichnend für das breite Spektrum, das Simon in der Darstellung der Blanche Du Bois abdeckt, in der sie mit viel Feingefühl alle Facetten des Charakters zeichnet.

Angelina Zuccarini stellt eine vor allem selbstsichere Ehefrau dar, die sich in der neuen Welt von New Orleans mit oberflächlicher Lebensfreude bestens eingelebt hat und eine vor allem sexuell geprägte Beziehung mit ihrem Ehemann führt.

 Stanley Kowalski stellt als Repräsentant des neuen Amerika, für den sozialen Schichten keine Rolle spielen, den Gegenpol zu Blanche Du Bois dar. Ein vor Kraft strotzender Mann, getrieben von Instinkten und den Wunsch nach Überlegenheit, den nichts mehr erregt und herausfordert als Blanches kultiviert-affektiertes Verhalten. Daniel Camargos jugendhaft-unbekümmertes Äußeres täuscht anfangs etwas über das Wesen dieser Rolle, so dass man seine Entwicklung hin zur brutalen Szene der Vergewaltigung kaum vorhersieht, er überzeugt dennoch als Stanley vor allem durch raubtierartige Bewegungen gepaart mit Laszivität. Als seinen Box-Freund Harold Mitchell wirkt Roland Havlica zunächst als einfacher Junge, der unbeholfen und im unbequemen Anzug versucht, Blanches Ansprüchen zu entsprechen, sich dann aber zunehmend wohlfühlt, die Rolle des vornehmen Herren zu spielen, um anschließend, nachdem Stanley ihm ein anderes Bild von Blanche zeigt, enttäuscht zum Boxer zurückzukehren.

 Blanches Ehemann Allan Gray wird durch den Eleven Martí Fernandez Paixa überraschend vielfältig interpretiert. Anfangs sichtlich ängstlich und sich fremd fühlend in der Gesellschaft, findet er im Pas de Deux mit Blanche zur seiner natürlichen Fröhlichkeit. Weich in seinen Bewegungen und leidenschaftlich fallen läßt er sich jedoch nur in den Armen seines Liebhabers – schwermütig und jugendlich zugleich dargestellt von Adam Russel-Jones.

 Die Musik von Prokofjews „Vision fugitives, op. 22“ sowie Alfred Schnittkes „Erste Sinfonie“ ergänzen sehr stimmungsvoll das Stück. Eine sehr gelungene neue Besetzung von Neumeiers eindrucksvollen Tanzdrama, beim der alle erwähnten Solisten ihr Rollendebüt gaben.

Dana Marta

 

 

 

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