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STUTTGART: DORNRÖSCHEN – erste Alternative

23.12.2019 | Ballett/Tanz


Der neue Carabosse auf gutem Weg: Ciro Ernesto Mansilla. Foto: Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett: „DORNRÖSCHEN“ 22.12.2019 nm – erste Alternative!

Nach der Wiederaufnahme-Sternstunde vier Tage zuvor kehrte in dieser Sonntag-Nachmittag-Vorstellung der Alltag zurück, was jedoch beim Stuttgarter Ballett allgemein überdurchschnittliches Niveau bedeutet. Der größte Unterschied zu den Premieren-Kollegen in den 4 Hauptpartien bestand darin, dass ihnen die Rollen-adäquate Ausstrahlung zumindest phasenweise fehlte und bewusst machte, welch enorme Bedeutung diesem Fakt zukommt.

Indes betraf es nicht alle gleichermaßen. Erstaunlicherweise am wenigsten den Debutanten unter ihnen. Doch der erst vor einem guten Jahr von Uruguay zur Companie gestoßene Argentinier Ciro Ernesto Mansilla ist wie schon bei seinen bisherigen Partien beobachtet ein Bühnentier, einer der mit dem ersten Auftritt sofort voll da ist und durch seine Bewegungs-Individualität auffällt – eben genau das, weshalb ihn Ballettintendant Tamas Detrich nach Stuttgart geholt hat. Die wilden Sätze, mit denen die böse Fee Carabosse den Schauplatz schleuderartig, eruptiv und doch mit einer Spur weiblicher Eleganz durchmisst, passen zum Temperament und zur damit einhergehenden Effektivität des schnell zum Solisten ernannten Tänzers. Recht geschickt kommt er bereits mit seinem nicht ungefährlichen langen schwarzen Kleid treppauf, treppab und bei allen abrupten Richtungswechseln zurecht. Mimisch betrachtet scheint er manchmal noch auf der Suche nach der richtigen Dosis, um bei aller Boshaftigkeit auch den verletzten bzw. gekränkten Menschen dahinter sichtbar zu machen. Im mehrfach angedeuteten höhnischen Lachen, suggestiven Blitzen der Augen und leicht androgynem Anschein ist Mansilla schon auf dem richtigen Weg der Rollen-Entwicklung, die darin inzwischen gestandene Interpreten auch benötigt haben. Insofern also eine schon sehr weit eingelöste Premiere mit der Hoffnung auf eine noch bessere Zukunft.


Hochzeitspaar im Glück: Anna Osadcenko (Aurora) und David Moore (Prinz Desiré). Foto: Stuttgarter Ballett

Der Titelrolle mit ihrem gefürchteten Rosen-Adagio stellte sich jetzt Anna Osadcenko mit unterschiedlichem Erfolg. Zur Zitterpartie wurde das erwähnte Virtuosen-Stück nicht, aber eine totale Entspannung gegenüber den sich bewerbenden Prinzen sieht -wie wir von der Wiederaufnahme wissen – anders aus. Dennoch brachte sie, obwohl der Aurora etwas entwachsen, das Strahlen der Geburtstag feiernden Königstochter recht gut zur Geltung und zeigte sich im Solo-Dialog mit der Violine als Balancen geschickt zelebrierende Tänzerin. Das gilt auch für den weiteren Verlauf,  wo sie in der Traumsequenz ihre überzeugendsten Momente einer ersten Ballerina hatte. Seltsamerweise kam ihr die glückliche Miene beim Hochzeitsfest etwas abhanden, wo sie so wichtig wäre. Dass die Ehe mit dem Prinzen vielleicht von nicht langer Dauer sein könnte, impliziert die Choreographie nicht. Am Partner kann es nicht gelegen haben, denn David Moore erwies sich als adäquater, sicherer Partner bis in die dreifache Fisch-Position des finalen Pas de deux und machte als Prinz eine gute, passend noble Figur mit der von ihm gewohnten sauberen Koordinierung von Sprüngen und Drehungen sowie einer gleichmäßig und ganz musikalisch genau beschleunigten Manege. Leider kann seine etwas eingeschränkte Strahlkraft nicht ganz Schritt damit halten.

Das Happy End hat das Hochzeitspaar dem gütigen Geschick und dem Schutz der Fliederfee zu verdanken, die jetzt von Ami Morita mit sicherem Walten auf Spitze, ausgewogener Linie und erfreulich viel persönlicher Note gestaltet wurde.  

Die vier Prinzen brachten unterschiedliche Charakteristika ein: Adrian Oldenburger  und Alexander Mc Gowan glänzen mit großen und hohen Sprüngen, Flemming Puthenpurayil mit selbstbewusster Haltung und Clemens Fröhlich mit sanfter Noblesse. Matteo Miccini und Fernando De Souza Lopes bemächtigten sich des Blauen Vogels und der Prinzessin beim ersten Mal mit bestechend leichtem Bewegungsduktus, klaren Linien und eines gewissen Charismas. Das fehlte Timoor Afshar vorläufig noch, zu brav buchstabiert wirkte sein erster Ali Baba. Eine durchgehend transparente Struktur ist bereits vorhanden, jetzt gilt es noch die exaltierten Elemente heraus zu arbeiten und damit einher gehend das Besondere dieses Parts auf den Punkt zu bringen.

Weitgehend unveränderte Besetzungen im reichen sonstigen Personal, ergänzt von einem animierten Corps de ballet und einer (bei Tschaikowsky durchaus naheliegend) nicht zu knalligen Wiedergabe der langen Partitur durch das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des einen gewissen Feinsinn versprechenden künftigen Musikdirektors Mikhail Agrest.

Selbstredend wieder volles Haus, aber eine entsprechend verhaltener ausgefallene Stimmung und Begeisterung.

 Udo Klebes   

 

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