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STUTTGART: DIE KAMELIENDAME – Ballett von John Neumeier

Würdevoll begangenes Jubiläum

18.01.2019 | Ballett/Tanz


Paar der Sonderklasse:  Alicia Amatriain (Marguerite) und Friedemann Vogel (Armand). Copyright: Stuttgarter Ballett

 

Stuttgarter Ballett

„DIE KAMELIENDAME“ 16.1.2019 (Wiederaufnahme) – würdevoll begangenes Jubiläum

Für den neuen Ballettintendanten Tamas Detrich kam das 40Jahr-Jubiläum von John Neumeiers für das Stuttgarter Ballett kreierten Handlungs-Klassikers in der geschmacksreichen, aufs Wesentliche konzentrierten Ausstattung von Jürgen Rose gerade recht, um seinen ersten Spielplan mit einer nach mehreren Jahren Pause fälligen Wiederaufnahme zu schmücken und inzwischen nachgewachsenen TänzerInnen zugänglich zu machen.

Die Uraufführung am 4. November 1978 war einer der herausragendsten Triumphe der Stuttgarter Ballettgeschichte nach dem Tode John Crankos, dessen so unnachahmlich plastisch entworfene Ballette mit Welt-Literatur-Geschichten Neumeiers Umsetzung des berühmten Stoffes von Alexandre Dumas d.J. in der alle Beteiligten umfassenden genauen Strukturierung der Details in Nichts nachsteht. Der Choreograph und sein Ballettmeister Kevin Haigen sind eigens für Proben nach Stuttgart gekommen, und für Marcia Haydée, der Widmungsträgerin und erstenInterpretin der Titelrolle, gab es einen weiteren Anlass, an ihre einstige Wirkungsstätte zurück zu kommen, um sich nach der Vorstellung mit vielen Gesten des Dankes an die Tänzer mit in die Ovationen einzureihen. Dabei hatte sie allen Grund, dem Hauptpaar dieser Neueinstudierung besondere Anerkennung auszudrücken, denn Alicia Amatriain und Friedemann Vogel nehmen als erfahrenes Spitzenpaar und Kammertänzer der Companie eine ebenso hohe Stellung interpretatorischer Durchdringung ein wie sie es damals mit Egon Madsen als Armand gewesen ist.

Seit Vogels vollendete Technik Hand in Hand mit einer in den letzten Jahren tief gehenden schauspielerischen Profilierung geht, und Amatriain ihre eine Zeit lang störende Neigung zu Manierismen wieder abgelegt hat, die Gestaltung nun wieder natürlicher mit in ihre außergewöhnliche Dehntechnik einfließt, bilden die beiden ein Paar der Sonderklasse. Ob in den lyrischen, noch zögerlichen Zärtlichkeiten am Anfang,  im zunächst ungetrübten Glück auf dem Land oder der Krise mit nochmaliger Berauschung an einstiger Leidenschaft, da sitzt das Zusammenspiel, jede Nuance an Gestik, getragen von hohem Vertrauen in den Partner. Selbst wenn im schwarzen Pas de deux gegen Ende gewisse Diskrepanzen zwischen dem immer noch einen Gang weiter schaltenden Armand und der inzwischen an Konditionsgrenzen geratenden Marguerite nicht zu übersehen sind – daraus erwächst sogar noch ein Mehr an Spannung und die Glaubwürdigkeit einer todkranken Frau, deren Kräfte zusehends zu Ende gehen und die am Schluss wirklich wie ein Häuflein Elend zusammenbricht. Vogel wiederum ist so sehr junger, ja in heiteren Momenten sogar immer noch jugendlicher Mann aus gutem Hause, dass die Rolle des sich aus Wut betrinkenden und Marguerite schäbig behandelnden Liebhabers spürbar nicht so ganz seine Sache ist.

Beklemmend sind auch beider Szenen mit dem ihrem Schicksal verwandten Paar Manon und Des Grieux, deren spiegelbildliche Traum-Begegnungen Neumeier so raffiniert in die Handlung eingearbeitet hat. Die damenhaft sinnliche Hyo Jung Kang und der sehr sauber partnernde Roman Novitzky tanzen die beiden Rollen auch jetzt wieder gut balancierend zwischen Realität und Vision.


Erfolgreich im Charakterfach angekommen: Jason Reilly als Monsieur Duval mit Alicia Amatriain (Marguerite). Foto: Stuttgarter Ballett

Soweit die bewährten Besetzungen. Alle anderen Partien waren mit Debuts verbunden und machten die Aufführung zusätzlich spannend. Da ist zunächst einmal Jason Reilly, bislang Armand, jetzt als gesetzter Kammertänzer erstmals ins Charakterfach des Vaters Monsieur Duval wechselnd, dessen Präsenz auf wenige, knappe Schritte, aber umso bedeutungsvollere Gesten konzentriert ist. Reilly weiß Autorität und Mitgefühl tragfähig zu vermitteln.

Die auf Spitze immer nobel und apart bleibende Ami Morita als mehr elegante denn raffinierte Prudence und ihr Partner, der mit Schnauzbärtchen pfiffiger als sonst wirkende und mit feiner schlanker Linie tanzende David Moore als Gaston bilden das unbeschwerte Kontrastpaar. Diana Ionescu ist eine reizvolle und technisch bereits nach größeren Aufgaben strebende Halbwelt-Olympia, die sich um den von Marguerite enttäuschten Armand bemüht.

Alessandro Giaquinto ist der tollpatschig nervöse, Marguerite ungeschickt Avancen machende Graf N. wie auf den Leib choreographiert, Matteo Crockard-Villa gibt einen dezenten, aber doch bestimmten Herzog als Finanz-Galan der Kameliendame. Nicht zuletzt hat sich die einstige Ballerina Sonia Santiago mit der Kammerfrau eine weitere „Amme“ auf ganz eigene Weise mit manch köstlicher Note erarbeitet.

Unter den kleinen Rollen war mit Gabriel Figueredo  immerhin auch ein herausragender  Nachwuchs der Cranko-Schule mit auffallend hohen Beinen auszumachen.

Das Corps de ballet füllte die Gesellschaftsszenen, besonders die auf dem Land, zwischen tänzerischem Stilempfinden und gleichzeitigem Vergnügen.

Die diversen  Kompositionen von Frederic Chopin teilten sich die Pianisten Alexander Reitenbach, Catelijne Smit und Andrej Jussow mit mehr oder weniger poetischem Gestaltungssinn, im ersten und dritten Akt hinreichend unterstützt vom Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle.

Wie nicht anders zu erwarten: Jubel und Blumen im ausverkauften Opernhaus.

 Udo Klebes

 

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